Singend durch Jahrhunderte: Sängerfeste in Estland

Sängerfeste haben im Baltikum eine sehr lange Tradition, denn die Musik und das gemeinsame Singen verbinden die Esten schon seit Jahrhunderten und schaffen ein Gefühl der kulturellen Zusammengehörigkeit. Das estnische Sängerfest findet heutzutage alle fünf Jahre in Tallinn statt. Entstanden sind die Sängerfeste in einer Zeit, in der das nationale Bewusstsein erwachte und der politische Hintergrund sollte später noch einmal verstärkt wiederkehren: vor allem während der sowjetischen Zeit hatten die Sängerfeste einen patriotischen Hintergrund.

Marika Peekmann studiert Germanistik in Tartu und war Estnisch-Lektorin in Greifswald im Wintersemester 2015/2016. Sie war selbst schon bei Sängerfesten und berichtet hier über die Tradition aus ihrer Heimat und das besondere Gefühl, dieses Fest mitzuerleben.

In drei Jahren feiert das estnische Sängerfest (auch Liederfest genannt, estn. laulupidu) sein 150. Jubiläum. Beim letzten Sängerfest 2014 haben mehr als 33 000 Menschen in Chören und Orchestern teilgenommen (zur Relativierung: in Estland gibt es insgesamt 1 300 000 Einwohner – also ungefähr 2% aller Einwohner Estlands haben auf diesem Fest gesungen oder ein Instrument gespielt). Darüber hinaus nahmen noch 153 900 Menschen an dem Sängerfest als Zuschauer teil. Also haben sich an diesen zwei Tagen insgesamt 14% aller Einwohner Estlands auf dem Sängerfestplatz in Tallinn versammelt.
Aber das sind nur Zahlen. Warum kommen die Esten und Estinnen alle 5 Jahre in Nationaltrachten gekleidet zusammen, um miteinander zu singen? Die Wurzeln der heutigen Sängerfeste liegen eigentlich in der deutschbaltischen Kultur – als Vorgänger der estnischen (aber auch der lettischen und litauischen) Sängerfeste gelten die deutschbaltischen Liedertafeln, die die Tradition der Sängerfeste mit einem geistlichen Repertoire angefangen haben.
Das 19. Jahrhundert, in dem die Tradition der estnischen Sängerfeste begonnen wurde, herrschte auf dem Gebiet des heutigen Estlands die Zeit des nationalen Erwachens: unter der russischen Herrschaft wurde im Jahre 1816/1819 (in Estland/ Livland) die Leibeigenschaft abgeschafft. Das ermöglichte der estnischen Bevölkerung, der herrschenden deutschen Oberschicht und ihren Großgrundbesitzen mit kleinen Bauernhöfen Konkurrenz zu machen. Der wirtschaftliche Aufschwung und die deutliche Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen für die estnische Bevölkerung öffneten die Türen für das nationale Erwachen und für die Entstehung eines nationalen Bewusstseins.
Das erste estnische Sängerfest, initiiert von Johann Voldemar Jannsen, fand im Jahre 1869 in Tartu statt. Am ersten Tag des Festes wurde nur geistliches Repertoire aufgeführt. Im weltlichen Teil des Festes am zweiten Tag wurde unter anderem das von Aleksander Kunileid komponierte und von Lydia Koidula getextete Lied „Mu isamaa on minu arm“ (dt. „Mein Vaterland ist meine Liebe“) gesungen. Fast ein Jahrhundert später im Jahre 1947 wurde das Lied in der Vertonung von Gustav Ernesaks auf dem Sängerfest aufgeführt, die dann während der Zeit der sowjetischen Besetzung sehr populär wurde. Die Lyrik des Liedes trägt einen patriotischen Sinn, der trotz der Politik der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik toleriert (und von dem Volk sogar geliebt) wurde. Das Motto der Sängerfeste während der Sowjetzeit hieß ja auch „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“. Mit „Mu isamaa on minu arm“ wird heutzutage jedes Sängerfest beendet und es gilt noch heute als inoffizielle Nationalhymne Estlands.

Das heutige Repertoire der Sängerfeste ist ziemlich breit – es werden sowohl traditionelle als auch neue Lieder der modernen Komponisten aufgeführt. Am populärsten sind jedoch die, die auch in der Zeit der singenden Revolution in 1987-88 eine Rolle gespielt haben, und sie werden auch immer mehrmals wiederholt.
Es gibt wenige Einwohner Estlands, die noch nie auf einem Sängerfest waren oder es noch nie im Fernsehen verfolgt haben. Und die Stimmung auf dem Sängerfest könnte man vielleicht nur mit der Stimmung während eines Public-Viewings der Fußball WM-oder EM-Finale vergleichen – nur beim Sängerfest spielt Alkohol fast keine Rolle (es wurde vor 2 Jahren auch diskutiert, ob auf dem Sängerfest sogar ein Alkoholverbot gelten sollte).
Obwohl die Tradition der estnischen Sängerfeste nicht jahrhundertelang ist, scheint es doch etwas zu sein, das in dem kollektiven Gedächtnis der Esten fest verankert ist. Vielleicht liegt es daran, dass schon seit Jahrtausenden auf dem Gebiet Estlands gesungen worden ist. Für viele symbolisiert das Sängerfest aber immer noch einen Widerstand, einen Versuch, sich durch das Singen selbst identifizieren und behaupten zu können. Und noch wichtiger: man vergisst, neben tausenden anderen singenden Esten stehend alle alltäglichen Probleme und Kleinigkeiten und fühlt sich als ein Teil des schwingenden Weltalls.
Der weltberühmte estnische Komponist Arvo Pärt sagte einst, das feinfühligste Musikinstrument sei die Seele, gefolgt von der Stimme – und die Seele wird während des Singens stark berührt.

Für alle, die für das Jahr 2019 noch keine Reisepläne haben und die vereinende Kraft des Sängerfestes überprüfen wollen: das Jubiläum-Sängerfest findet am 28.-30. Juni 2019 in Tallinn statt.

laulupidu

(Bildquelle: http://www.postimees.ee)

         

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Mareen

Mareen

Fühlt sich an vielen Orten zu Hause: in Süddeutschland, Finnland, Greifswald und sowieso überall, wo es Kaffee, spannende Geschichten und schöne Landschaften gibt. Seit kurzem für die Fennistik in Greifswald und vor allem interessiert an den Geschichten und Sprachen des Nordens – mit gelegentlichen Abstechern an andere bunte Orte der Welt.