Russland so konzentriert wie Tomatenmark

Gregor war Apollo-Praktikant für den Deutschunterricht in Russland. Mit der Erlaubnis von Apollo hat er Baltic Cultures seinen Bericht zur Verfügung gestellt. Nun könnt ihr ihn also lesen – wenn ihr Lust habt…  Und wer sich danach für Apollo allgemein oder ein ähnliches Praktikum interessiert, darf gerne hier vorbeischauen: http://www.apollo-online.de/aktiv-werden/daf.html

So, jetzt lasse ich aber Gregor zu Wort kommen:
Lust auf einen Bericht aus Izhevsk? Setz dich hin und mach es dir gemütlich. Das habe ich in Izhevsk häufig gemacht. Mich hingesetzt, es mir gemütlich gemacht. Und was habe ich sonst noch so gemacht? Hast du ein bisschen Zeit? …

800px-Пригородный_вокзал_Ижевск

Die Zeit läuft in Russland anders. Nicht immer rückwärts, aber doch entscheidend anders als in Deutschland. In einer zwanzigstündigen Zugfahrt von Moskau nach Izhevsk hat man viel von dieser komisch verlaufenden Zeit. Die eine Minute rinnt einem durch die Finger und die andere will nicht enden. In Izhevsk können einzelne Tage sehr schnell vergehen, andere langsamer. Zwei Monate letztlich sind eine ordentliche Zeit. Man hat viel erlebt, aber vielleicht sehnt man sich doch ein bisschen nach der Heimat. Aber zurück zur Zeit – die Uhr läuft! Wenn jemand sagt, dass er oder sie dich um zehn vor dem Wohnheim abholt, kann es passieren, dass du eine halbe Stunde im Schneesturm wartest. Der oder die ein oder andere schreibt dir eine Sms, ob seiner oder ihrer Verspätung. Aber das ist nicht immer üblich. Generell ist Warten eine Kunst, die du in Russland gut lernen kannst. Im Unterricht ist das mit der Zeit auch so eine Sache. Er findet viermal die Woche statt. An einem Freitag zu unterrichten ist utopisch, da die ganze Bagage schon am Morgen aufs Land zur Familie fährt. Ich selbst habe dreimal um vier und einmal um halb sechs im Unterrichtsraum gesessen. Ab und zu ließ es sich pünktlich anfangen, aber ich bin selbst – wenn es um Unterricht geht – nicht der strengste Geselle. Da darf es also auch mal fünf oder zehn nach werden. Was mich viel mehr gewurmt hat, war die Tatsache, dass die Studenten gar nicht die Zeit hatten, diesen Kurs zu besuchen. Sie waren so eingespannt, dass die eine Studentin nur zwei mal in der Woche konnte, eine andere hatte je nach Laune eines Dozenten entweder um drei oder erst um sechs Uhr Feierabend, eine letzte war zwar zunächst fleißig und immer da, musste schließlich aber ein Praktikum absolvieren und hat also die letzten drei Wochen gefehlt. Irgendwo in Izhevsk gibt es ein geheimes Lagerhaus. Und dort sitzen die grauen Herren aus Momo und rauchen den ganzen Leuten ihre Zeit weg. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich im Büro saß, aus dem Fenster gesehen und dem Schnee beim Fallen zugeguckt habe. Die Zeit läuft anders, nicht immer rückwärts – aber manchmal schon.

Der Zug schleicht sich durch die Landschaft. Es ist tierisch warm – ich komme mir vor wie in den Tropen. An den Fenstern des Abteils rinnt das kondensierende Wasser herunter. Leben möchte ich hier im Zug nicht. Aber wie würde es im Studentenwohnheim aussehen? Man stellt sich Grausiges vor. Das absolute Gegenteil dieses Zuges: Eisblumen an den Fenstern und Atem, der vor einem kondensiert. Aber nein, so ist es nicht. Eine gute Küche, eine Dusche, eine Toilette, einen kleinen Flur, den man mit seinen dreckigen Schuhen einsauen kann, und ein Wohn- und Schlafbereich mit zwei Betten, Tischchen, Sessel, Fernseher und (be)rauschendem Empfang. Mein Vorgänger empfiehlt statt in dem Trakt für Gäste der Akademie ein Zimmer im Studentenbereich zu beziehen. Ich habe diesen Bereich nie gesehen, aber empfand das Leben im noblen Gästetrakt schon so stark von Kompromissen und einem neuen Lebensstil geprägt, dass ich die Studentenquartiere gar nicht sehen will. Zwar sind die ersten Tage etwas einsam, wenn man es nicht schafft, aus sich rauszugehen und sich ein paar russischen Studenten aufzudrängen. Aber im Laufe der Zeit wird es doch so etwas ähnliches wie ein Rückzugsort, den man sonst in dieser Fremde nicht hat. Es gab zwar keine Pfanne, nur einen Topf, daneben große Gläser für normale und kleine für hochprozentige Getränke, Tassen, Wasserkocher, Kühlschrank, Mikrowelle, Gabeln und Löffel. Das eine Messer, das ich vorfand, war ausgezeichnet stumpf. Aber es lässt sich leben. Das nächste Mal hätte ich jedoch ein scharfes von daheim mitgenommen, ebenso wie eine Pfanne. Die Wacht im Wohnheim ist meistens doch ganz nett und man kann auch mal angetrunken um zwei Uhr Einlass bekommen. Wie das in den anderen Wohnheimen ist, weiß ich nicht. Aber besser wird es nicht. Jeder russische Student beneidet einen hierum. Und wenn man mal nicht weiß, was man tun soll, kann man eben jene Beneidenden zu sich zum Tee einladen. Vielleicht bringen sie eine Pfanne und ein paar Freunde, samt dem süßesten kleinen russischen Baby, mit und ihr macht Bliny und tanzt mit dem kleinen Fratz.

Draußen ist der tiefste Winter und im Zug ist höchster Sommer. Auf diesen Schienen herrscht ein ganz eigenes Wetter. Ich komme an und es ist tiefster Winter. Es kann mal minus dreißig Grad in der Nacht werden, der Wind pfeift einem so um die Ohren, dass es einem nochmal zehn Grad kälter vorkommt. Da werden die hundert Meter von der Busstation und die eins komma nochwas Promille im Blut doch schon ziemlich kalt. Unter mir knirscht der Schnee, aber hier am Stadtrand ist er noch sehr weiß. Dann, im März, setzt der Frühling ein. Ich denke, dass es wunderschön wird, endlich mal wieder ohne Mütze aus dem Haus zu gehen. Das ist wirklich schon ganz schön, aber sobald der Schnee schmilzt, wird es so ungemein nass, dass man sich den Schnee wieder gefroren wünscht. Er hat all die Schlaglöcher gefüllt, die jetzt, voll von Matsch und Wasser, zum Vorschein kommen.

Ich gucke auf die Uhr – Stunde um Stunde verrinnt, während ich im Zug sitze, träume, schlafe, denke, lese, warte. Zwanzig Stunden sind eine lange Zeit. Aber sie lohnen sich. Wenn man nicht solche Abenteuerfreude an dem Trip hat wie ich, wird man wenigstens mit einem mal die deutschen Züge zu schätzen wissen. All das, was passiert, kann noch so eine schreckliche Erfahrung sein. Man kommt nach Deutschland und erkennt auf einmal den Wert von so vielen Selbstverständlichkeiten. Aber der Zug hat noch einen ganz anderen Vorteil. Man kann sich auch siebzehn Stunden sparen und den Flieger nehmen. Aber die Zeit, das Denken, das Überlegen, das Warten, das kleine Russland, in das man eingesperrt ist, zwischen Klappbetten und schmalen Gängen, all das ist eine Grenze. Hier hört Deutschland auf, hier fängt mein Praktikum an. Man kann mit all dem abschließen, was einen nur belasten würde. Ich habe gerade erst zwei Klausuren und zwei Hausarbeiten geschrieben, die letzte erst gestern abgegeben. All das lasse ich hinter mir. Irgendwo zwischen Moskau und Izhevsk lasse ich es in der Pampa Russlands fallen und nehme die zwei Monate in die Hand. Im Flugzeug geht das nur schwer. Auf der anderen Seite ist der kleine Flughafen von Izhevsk schon eine Sehenswürdigkeit. Dieses kleine Ding, das noch ein bisschen Charme der Sowjetunion vermittelt, das einen Anschluss an die Welt vorgaukelt, den diese Industriestadt nie so recht haben will. Wenn man die Gelegenheit hat, jemanden dort abzuholen, sollte man das unbedingt machen. Aber mit dem Auto ist es auch eine gute halbe bis dreiviertel Stunde dorthin. Bei jeder Turbulenz im Flugzeug kriege ich einen Hauch von Panik. Der Zug aber rüttelt und wackelt vor sich hin, ohne dass ich auch nur einen Tropfen Angst verspüre.

Ich gehe das Lehrbuch durch. In meinem Unterricht verzichte ich aber größtenteils darauf. Nach einem Monat erfahre ich aus Berlin, dass es überarbeitet werden soll. Das ist auch notwendig, denke ich mir. Jedes Deutschbuch kann dem Lehrer etwas erklären, aber ob es für den Unterricht taugt, ist eine andere Frage. Wie können die Studenten lernen? Wie viel Grammatik wollen sie? All das sind Fragen, die von der Gruppe und von den einzelnen Studenten abhängen. Der eine Student lernt zauberhaft die Vokabeln, die man ihm in einer Liste vorlegt. Vokabeln, die man selbst zusammengestellt hat. Lebensmittel auf dem einen Zettel, einen anderen Zettel mit dem Titel „Im Haus“, einen Zettel mit kleinen, aber feinen Worten, hoffentlich, wahrscheinlich, noch, schon, und so weiter. Eine andere Studentin kann gar nicht so lernen und will lieber einfach nur quasseln. Im Unterricht, in einer Bar, beim Schlittschuhlaufen. Du kannst nur so unterrichten, wie die Studenten auch lernen können. Aber die ersten Tage habe ich mich, um mich erstmal an meine Gruppe heranzutrauen, ein wenig hinter Grammatik versteckt. Das schadet auch nicht immer, sondern kann ganz hilfreich sein. In jedem Fall aber ein guter Mensch sein. Das habe ich ihnen gleich gesagt. Ich bin kein Lehrer, der irgendwelche Tests macht oder mit dem Zeigefinger wedelt. Natürlich müssen sie den Kurs besuchen, aber im Endeffekt müssen sie sich selbst die Frage stellen, ob sie diese Sprache lernen wollen oder nicht. War das ein Segen, dass meine Studenten genau das tun wollten! Ob das vielleicht daran gelegen hat, dass ich ihnen jede Stunde eine kleine deutsche Süßigkeit gegeben habe? Mal gab es einen Riesen, mal einen Kinderriegel. Und das alles habe ich noch ohne Übergepäck zu bezahlen in meinem Rucksack in die russische Provinz geschleppt. Alles in allem muss die Chemie stimmen. Und dann läuft der Unterricht wie geschmiert.

Ich schaue wieder auf die Uhr. Mein Handy hat kaum noch Strom. Und eine SIM-Karte habe ich mir in Moskau auch nicht gekauft. Kaum bin ich am Bahnhof und werde von zwei russischen Studenten abgeholt, die mehr oder weniger Deutsch und Englisch können – zugegeben, es war weniger als mehr – werde ich zum nächsten Supermarkt gebracht, wo ich mich mit dem Nötigsten eindecke. Dann geht es in den Elektronikladen, wo ich eine russische Prepaidkarte bekomme. Der Minutenpreis ist alles andere als teuer. Wenn sich die deutschen Anbieter mal daran orientieren würden! Eine Nachricht ist auch recht billig. Das mit den Vorwahlen muss man aber erst einmal gelernt haben. Wie dem auch sei: Sobald du eine SIM-Karte hast, beginnt der imaginäre Wettkampf gegen dich selbst. Fakt ist: Diese Nummer wirst du in spätestens zwei Monaten nie wieder haben. Also kannst du sie jedem noch so großen Idioten andrehen, der dir nur ansatzweise sympathisch vorkommt. Deine eigenen Studenten kriegen sie sowieso. Direkt in der ersten Stunde schreibst du sie an die Tafel. Und dann, wenn du in anderen Kursen zu Besuch bist, schreibst du sie auch direkt an die Tafel. Du bist auf einer Party und lernst im Halbsuff neue Freunde kennen? Gib ihnen deine Nummer!

Der Empfang ist mal besser, mal schlechter. Aber hier, im Zug, ist das egal. Vorhin hat Irina angerufen, mich gefragt, wann ich ankomme. Sie ist die Dozentin deines Vertrauens in Izhevsk. Sie ist die gute Seele des kleinen, nicht sonderlich geräumigen, aber behaglichen internationalen Büros im fünften Stock – nach der deutschen Zählung wäre es der vierte Stock. Jeden Morgen komme ich in die Akademie, hole mir bei der Babuschka am Eingang meinen Schlüssel für besagtes Büro, Nummer Fünfhundertdreizehn, dann geht es die Treppe hoch, den Korridor lang und dann bin ich schon beim Büro. Hier ist ab und zu noch Svetlana, eine Englischlehrerin, ansonsten bin ich aber hier doch oft allein und kann ungestört arbeiten. Ab und zu kommt der ein oder andere Student vorbei und fragt mich nach Irina oder Svetlana – und benutzt dabei auch die Patronyme, die ich in zwei ewigen Monaten immer noch nicht gelernt habe. Irina Sergejevna, aber Svetlana – weiß der Teufel, wie ihr werter Herr Papa heißt. Wenn man mal nichts zu tun hat, dann geht man in die Fünfhundertsieben, die Kafedra, den Lehrstuhl. Dort findet man all die Dozentinnen für jede noch so verschiedene Sprache – zugegeben, es sind nur Englisch, Deutsch und Französisch. Im kleinen Pausenraum kann man bei Tee, Süßigkeiten und ungewohnt häufig auch Torte entspannen und mit den Dozenten quatschen. Das sind neben Irina und Svetlana auch noch Jelena, die unglaublich energiegeladene junge Deutschlehrerin, die lange Zeit in der Schweiz war, Olga – die Leiterin des Lehrstuhls – eine sehr korrekte und gutmütige Frau, die sich auch sehr dafür bedankt, wenn man einen Fehler, den sie häufiger auf Deutsch macht, korrigiert, die andere Irina – die mich nach schönster Unterrichtsmanier immer ausgefragt hat, was ich denn gestern gemacht habe und wie ich das Wetter fände – und hie und da noch ein paar andere Dozentinnen, sowie der Hahn im Korb, der einzige männliche Dozent. Namen habe ich bei bestem Willen nicht im Kopf. Wenn du sie dir alle merken willst und kannst, musst du sie mehrmals danach fragen. Aber ich war froh, dass ich gerade mal die Namen meiner Studenten zusammen bekommen habe.

Irgendwann hält der Zug mal wieder. Zwei Polizisten in Fellmützen und dicken Jacken gehen durch die Gänge. Wenn die mich jetzt etwas fragen, habe ich keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich kann kaum Russisch! In zwei Monaten, wenn ich mich in Izhevsk eingelebt habe, dann können sie mich ruhig alles fragen, was sie wollen. Aber jetzt, auf dem Hinweg, bitte nicht! Sie gehen an mir vorbei. Aber einen Blick verkneifen sie sich nicht. Ich sehe wohl sehr europäisch aus. Ich bin keiner von hier. Das merken alle sehr schnell. Ich bin nur zu Besuch. Die erste Woche kann ich noch keinen Unterricht machen, denn Jelena muss noch ihre Stunden abarbeiten, ehe ich auf die kleine aber feine
Meute losgelassen werde. Was mache ich bis dahin? Ein paar Zettel werden vorbereitet, ich finde mich so ganz langsam zurecht und immer wieder sitze ich in der Kafedra und schlürfe Tee. Und dann kommt die ein oder andere Dozentin, vor allem Olga und die Englischdozentin Natalia, und fragt mich immer wieder, ob ich dann und dann Zeit hätte, um bei ihr in einem Kurs vorbeizuschauen. Und ich sage natürlich ja. Macht ja Spaß! Und es ist auch immer wieder eine Gelegenheit, seine Handynummer los zu werden. Man lernt unterschiedliche Unterrichtskonzepte kennen, man lernt unterschiedliche Niveaus kennen, unterschiedliche Akzente. Die Studenten wirken zwar immer ein bisschen scheu – ein komischer Kerl aus Deutschland, wie ein bunter Hund – aber sie freuen sich doch immer sehr und sind dankbar, jemanden zu hören, der flüssig Deutsch und Englisch spricht. Zugegeben mein Englisch ist grammatisch auch nicht das höchste, aber immerhin hat es keinen russischen Akzent. Sie freuen sich. Und fragen dich ganz viel. Und sie sind schneller viel offener als die eigenen Studenten. Jemand, der nur einmal im Kurs zu Besuch ist, wird direkt und ohne weiteres auf ein Dorf eingeladen. Die Studenten, die dich noch die nächsten zwei Monate viermal in der Woche sehen werden, sind das etwas vorsichtiger. Also besuche ruhig diesen und jenen Kurs, gib allen deine Nummer, geh mit einem Englischkurs in die Oper oder ins Theater – eher das Theater, denn die Oper, die wir gesehen haben, hat sage und schreibe dreieinhalb Stunden gedauert! Lass dich von einem Studenten in die Banja einladen, oder zum Langlaufen, oder zum Schlittschuhlaufen, oder zum …

… Aus dem Fenster sehen und eine Nacht sehen, die so finster ist, wie sie in Deutschland nie sein könnte. Wenn du mich aus dem Zug schmeißen würdest, hätte ich nicht den blassesten Schimmer, wo ich bin. Mitten im Nirgendwo. Um einen herum schnarcht alles laut. Überall nur Russen und Russinnen! Wie das wohl werden wird, mitten in Russland, überall nur Russen und Russinnen und dann ich, der ich Deutsch unterrichten soll. Ich, selbst ein Student, soll Studenten eine Sprache beibringen, die so unlogisch ist wie Okroshka lecker ist? Womit fängt man an? Ich, du, er, sie, es! Oder werden sie das schon können? Der Segen und Fluch gleichermaßen heißt Agroimpuls. Das ist eine Organisation, die in Izhevsk neben Apollo sehr stark vertreten ist. Nicht alle, aber einige Studenten waren schon mit dieser Organisation in der Schweiz, ehe sie bei dir im Kurs sitzen. In meinem Kurs gab es neben einer unglaublich motivierten und engagierten Total-Anfängerin drei Studentinnen, die schon in der Eidgenossenschaft waren und entsprechend gut Deutsch konnten. Die andere Seite der Medaille ist, dass ich mich auf zehn Studenten gefreut hatte, von denen aber die Hälfte zu besagter Organisation gewechselt ist. Das sei nicht normal und in meinem Jahr wohl extrem ausgefallen, versichert man mir. Aber ein gewisser Schwund ist schon da. Aber die, die du vor dir hast, sind schon gut vorbereitet, engagiert und den einen, die eine oder andere und anderen könntest du eigentlich schon mit den Schweizer Vorkenntnissen nach Deutschland schicken. Bei diesen Studenten ist es dann auch nicht all zu problematisch, wenn sie von ihrem regulären Studium vollkommen eingespannt sind. Denen hilft es mehr, wenn du dich abends mit ihnen in eine Kneipe setzt und ein Bierchen schlürfst, das nach allem, aber nicht nach Bier schmeckt. Dabei quatschst du dann mit ihnen und sie fragen dich über dieses und jenes Wort aus, das du ahnungslos als schweizerisches Dialektwort abstempeln musst.

Kirov – ich steige aus. Hier hält der Zug eine Stunde. Ich gehe an den Kiosk und kaufe mir eine Flasche Wasser, atme die frische, kalte Luft so, wie die breitschultrigen Männer an ihren Zigaretten ziehen. Frischluft voll auf Lunge geraucht. Schnee, überall Schnee, ein Bahnhof, eine Stadt. Das ist Kirov. Und wie wird Izhevsk sein? Es ist die Hauptstadt Udmurtiens. Das war für mich ausschlaggebend. Denn ich interessiere mich für die udmurtische Sprache und Kultur. Davon sieht, hört, fühlt und riecht man in dieser Industriestadt aber herzlich wenig. Die siebenhunderttausend Einwohner in der Stadt an der Izh sind Russen, eine halbe Hand voll Tartaren und die Prise Udmurten, die es geben soll und die von den meisten anderen Leute irgendwie zwischen Vorurteilen und Rassismus gehasst werden, die ich aber nie zu Gesicht bekommen habe. Einen roten Platz und Kreml gibt es nicht. Dafür gibt es – nicht sonderlich viel. Izhevsk ist keine sonderlich schöne Stadt, wenn man sie sich nur anschaut. Es ist keine Stadt, die dir was gibt, du musst dir etwas nehmen. Natürlich gibt es das Kalaschnikow-Museum, in dem man für ein kleines Vermögen auch mit dem berühmten Gewehr schießen kann. Es gibt ein paar Kirchen und Museen. Aber das macht diese Stadt nicht aus. Es ist die Abwesenheit von all dem, es ist der Schnee, das Grau der Häuser, es sind die ranzigen Trolleybusse, die Leute, die kein Wort Englisch können, die sozialistischen Straßennamen, die diese Stadt so ungemein russisch machen. Kein Museum kann dich davon ablenken, mit einer Hand voll Jugendlicher in einer kleinen Hinterhauswohnung russischen Trash zu hören, Pelmeni mit oder ohne Ketchup zu essen und dabei einen unter oder über den Durst zu trinken. Keine Attraktion kann dich davon abhalten, auf Schlittschuhen gemütliche Runden auf dem Eis zu drehen und mit der Tram die fernsten Einkaufszentren zu erkunden. Diese Stadt wird nicht durch seine Plattenbauten und Schornsteine zu einem Erlebnis, sondern durch die Menschen.

Irgendwann muss ich mal. Zum Glück nicht groß. Ich habe nämlich natürlich kein Klopapier mit und die Warnung aus Berlin vergessen, dass es hier nicht so ohne weiteres das rettende Röllchen gibt, dass man es selbst mitbringen muss. Im Stehen pinkle ich sonst so gesitteter Sitzpinkler in die Schüssel. Ein echter Kompromiss zwischen Hygiene und Notdurft. Und wie wird das die zwei Monate werden, die ich auf festem Boden und nicht auf Schienen verbringen werde? Klopapier habe ich im Supermarkt gefunden. Aber die Schüssel hatte keine eigene Klobrille. Selbige lag daneben und wollte irgendwie behelfsmäßig darauf zurechtgerückt werden. Es sind die Kleinigkeiten. Herrgott, alles funktioniert, aber eben nicht auf die spießige Weise, wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Es ist nicht sonderlich spaßig und nach einem Monat nervt es einen auch schon, die Wäsche mit der Hand zu waschen und auf die Heizung zu hängen. Aber es funktioniert. Es ist einer von vielen Kompromissen, den das Leben hier prägt. Das Trinkwasser muss man entweder vom Supermarkt in Flaschen nach Hause schleppen oder lässt es sich nach Hause liefern. Bei letzterem helfen dir die Dozenten in der Akademie. Weil im Wohnheim renoviert wird, gibt es an einem Morgen kein heißes Wasser. Da wird die Dusche eben mal richtig kalt. Nicht wunderschön, aber funktioniert. Ein andermal fehlt das kalte Wasser. Und da man sich nicht verbrühen will, geht man halt einmal ungeduscht in die Akademie. Nicht wunderschön, aber funktioniert. Weil die Toiletten in der Akademie nicht nur nicht schön sind, sondern ziemlich untragbar eklig, gehe ich, wenn es mal wirklich nicht mehr geht, ins Wohnheim, eine Minute neben der Akademie, und mache da, was nicht ungemacht bleiben will. Nicht wunderschön, aber funktioniert. Das ist das Leben in Izhevsk. Nie im Leben wirst du so bewusst und genießend ein Glas Leitungswasser trinken und dir dabei dekadent vorkommen, wie an dem Tag, an dem du wieder in Deutschland bist. Ich habe am Anfang meines Aufenthaltes gefragt, ob es möglich wäre, Wifi in meinem Wohnheim zu bekommen. Nach einer Woche sollte ich welches haben – sagten sie. Und nach drei Wochen habe ich mich schließlich daran gewöhnt, montags in die Akademie zu gehen und das Dutzend Mails zu lesen, das man mir am Wochenende geschickt hat. Bis zu meiner Abreise hat sich das auch nicht geändert. Es ginge natürlich auch ein USB-Stick. Und wer nicht auf das zweiundzwanzigste Jahrhundert der vollkommenen Verdrahtung und Vernetzung verzichten will, soll das gerne machen. Aber es geht auch ohne. Es ist ein Kompromiss. Einer von vielen. Man stirbt davon aber nicht.

Der Zug wird langsamer. Das ist sie, die Stadt, die meine Heimat werden soll. Zwei Monate. Ich komme in Izhevsk an. – Ich komme in Berlin an. Mein Kopf ist voller Erinnerungen. Lässt sich ein Fazit ziehen? Irgendwas, mit dem ich das alles unter einen Hut packen kann, all die Gedanken und Überlegungen, die Erfahrungen? Es ist eine Erfahrung! Es ist etwas, das einen prägt! Und wenn man es bereut, dann ist man selbst dran Schuld! Wenn du Russland so konzentriert wie Tomatenmark erleben willst, wenn du mal richtig lachen willst, wenn du mal richtig leben willst, dann ab nach Izhevsk! Aber vergiss alles, was ich dir geschrieben habe. Erlebe es selbst!

Verfasser: Gregor Praschma

About author View all posts

Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.