Prof. Dr. habil. Marko Pantermöller

Prof. Dr. habil. Marko Pantermöller

 

Wir setzen unsere Vorstellungsreihe fort und wollen Euch heute Prof. Dr. habil. Marko Pantermöller vorstellen, der zurzeit den Lehrstuhl für Fennistik in Greifswald innehat.


Baltic Cultures: Was ist Ihre Rolle im Institut; welche Aufgaben haben Sie?

Prof. Pantermöller: Mein Aufgabenbereich in Lehre und Forschung ist die Fennistik, die sich in sprachwissenschaftliche, literaturhistorische und übersetzungswissenschaftliche Teilbereiche aufgliedert. Wie bei allen sogenannten „kleinen Fächern“ üblich, muss ein Fennist unentwegt zwischen den generalistischen Anforderungen der Lehre und der heutzutage notwendigen wissenschaftlichen Spezialisierung abwägen. Deshalb bin ich froh, dass ich in meinem Fach mit einem tollen Team agieren kann. Regelmäßig verstärken wir unser Team mit Praktikant*inn*en aus Finnland und Estland. Neben der Fennistik habe ich über mehrere Jahre als Direktor die Geschäfte des Instituts geführt. Als mich vor zwei Jahren die Studierendenschaft der Fakultät eindringlich darum bat, das Amt des Studiendekans zu übernehmen, haben meine skandinavistischen Kollegen den Staffelstab der Institutsleitung übernehmen können, nachdem sie ihrerseits aus anderen fächerübergreifenden Funktionen ausgeschieden waren. Die Erfahrungen, die ich bei der Konzeption des interdisziplinären Masterstudiengangs Sprachliche Vielfalt (Lady) sammeln konnte, helfen mir heute bei meiner Tätigkeit als Studiendekan. Eng verschmolzen mit meiner Tätigkeit als Hochschullehrer sind auch die Aufgaben, die ich im Rahmen des Nordischen Klangs und als Geschäftsführer der Hans Werner Richter-Stiftung übernehme. In den Festivaljahren mit estnischer und finnischer Schirmherrschaft fungiere ich jeweils als Festivalleiter. Diese Arbeitsteilung mit Professor Schiedermair hat sich sehr bewährt, da wir so unsere fachlichen Kompetenzen auch ideal und arbeitsteilig in die Organisation des Festivals einbringen können. Besonders froh bin ich, dass Estland 2018, im 100. Jahr nach seiner ersten Unabhängigkeitserklärung, als Schirmherr fungiert. Die kleine Baltenrepublik legt sich mächtig ins Zeug und die Zusammenarbeit mit den Akteuren der estnischen Kulturpolitik ist sehr anregend und ergebnisorientiert. Mit der Hans Werner Richter-Stiftung hole ich jedes Jahr im November eine renommierte Literaturtagung mit jeweils bis zu 15 Autoren aus dem Ostseeraum nach Greifswald. Diese Arbeit am Puls der jungen europäischen Literatur bietet auch vielfältige Anknüpfungspunkte für die Lehre an unserem Institut.

Baltic Cultures: Warum sind Sie Fennist geworden?

Prof. Pantermöller: In letzter Konsequenz war meine Entscheidung für die Fennistik ein Zufall. Diese Erfahrung teile ich übrigens mit vielen internationalen Kollegen in meinem Bereich. Allerdings hat der Zufall durchaus eine Vorgeschichte. Mein großes Interesse seit der Schule galt schon immer den Sprachen. Im letzten Drittel meiner Schulzeit habe ich eine Spezialklasse für erweiterten neusprachlichen Unterricht besucht. Durch besondere Unterrichtspläne wurden einige Abiturfächer vorgezogen und schon zu einem früheren Zeitpunkt abgelegt, so dass sich in der Abiturphase sehr viel Raum für die zusätzliche Sprachausbildung bot. An ein Sprachstudium war trotz eines sehr ordentlichen Abiturs aber nicht zu denken, da ich mein gesellschaftliches Betätigungsfeld als junger Mensch nicht in den DDR-Massenorganisationen sah, sondern in verschiedenen Initiativen unter dem Dach der evangelischen Kirche. Ernsthaft habe ich damals auch über ein Theologiestudium nachgedacht, das auch meinem Interesse für Sprachen durchaus entgegengekommen wäre. Brav nahm ich dann nach der Wende aber meinen Studienplatz für Chemie an, hängte aber nach einem Jahr und Aufenthalten in Schweden, Norwegen und Island mein bis dahin sehr erfolgreiches Studium an den Nagel, um mich in den neu eröffneten Skandinavistik-Studiengang einzuschreiben. Nachdem ich mich jedoch nicht sofort für ein zweites Fach entscheiden konnte, suchte ich noch einmal Rat am damaligen Nordischen Institut und erfuhr, dass man in Greifswald die Fennistik als eigenständigen Studiengang mit der Skandinavistik kombinieren könne. Gesagt, getan! Da das Erlernen der finnischen Sprache etwas arbeitsintensiver war und nicht nur Kraft sondern zunehmend auch Interesse band, wurde die Fennistik fast zwangsläufig zu meinem ersten Fach. Immer war ich jedoch darum bemüht, die Verbindung beider Fächer im Auge zu behalten. So studierte ich in Helsinki sowohl an einer schwedischsprachigen Hochschule als auch an der Universität. Meine erste berufliche Tätigkeit indes führte mich in ein finnischsprachiges Gebiet in Nordschweden.

Baltic Cultures: Wozu forschen Sie gerade?

Prof. Pantermöller: Im Moment bereite ich mich u.a. darauf vor, einer interdisziplinären Forschungsfrage gemeinsam mit einem Kollegen aus der internationalen Betriebswirtschaftslehre nachzugehen. Es geht um die Frage, wie das heute ausgeprägte Genossenschaftswesen nach Finnland kam. Für die Verbreitung vorgenossenschaftlichen Gedankenguts in Europa war das in zahlreiche Sprachen übersetzte Werk Das Goldmacherdorf des aus Magdeburg stammenden Deutsch-Schweizers Heinrich Zschokke von zentraler Bedeutung. Die genau 100 Jahre vor der finnischen Unabhängigkeitserklärung erschienene Schrift thematisiert kooperative Organisationsformen in Landwirtschaft und Gemeinwesen, ohne jedoch die bestehende gesellschaftliche Ordnung in Frage zu stellen. Noch 1928 stellt das Internationale Handwörterbuch des Genossenschaftswesens fest, dass einige Wirtschaftsgrundsätze aus Zschokkes Roman immer noch Anwendung für die Verwaltungstätigkeit einer Konsumgenossenschaft finden könnten. Die von Karl Niklas Keckman besorgte finnische Übersetzung dieses „Genossenschaftsromans“ erschien 1834 unter dem Namen Kultala und markiert als erster Roman in finnischer Sprache einen Meilenstein der Kulturgeschichte. Es handelt sich um die erste von der nationalromantischen Finnischen Literaturgesellschaft verlegte Publikation. Erst ein Jahr später folgte das Nationalepos Kalevala in der gleichen Serie. Ein Jahrzehnt nach Erscheinen von Kultala stellte der finnische Nationalphilosph J.V. Snellman 1844 in der Zeitung Maamiehen Ystävä fest, dass das Werk den Weg in die Hütten der meisten finnischen Bauern gefunden habe. Dabei blendet er jedoch dessen hochgradig kontroverse Rezeption aus. Der führende pietistische Erweckungsprediger Jonas Lagus sah eine große Gefahr in dem Buch, da es eine rationale Nutzlehre ohne geistlichen Unterbau propagiere. Allein auf Gewinnstreben lasse sich kein nachhaltiges Gemeinwesen errichten. Deshalb schrieb Lagus 1835 auch eine Fortsetzung zu Kultala, in dem die Dorfgemeinschaft ohne inneren seelischen Zusammenhalt zerbricht. Erst nach Durchschreitung eines tiefen Tales gerät der Hauptheld durch ein religiöses Erweckungserlebnis wieder auf die Beine. In dem Manuskript tritt mit dem Kalevalaherausgeber Elias Lönnrot auch die zentrale Figur der finnischen Nationalromantik auf, der in einer Szene zugeben muss, dass er Atheist sei, woraufhin er von dannen flieht wie der Hauptheld im Schlussgesang des Kalevala. Man sieht also, dass sich die Entwicklung einer wirtschaftlichen Organisationsform eigentlich nur erschöpfend vor den jeweiligen kulturgeschichtlichen Hintergründen erforschen lässt. Auch in sprachlicher Hinsicht ist es ein sehr interessantes Forschungsfeld, da alle Begriffe der genossenschaftlichen Wirtschaftsform im Finnischen mit eigenen Mitteln, d.h. ohne Entlehnungen versprachlicht wurden. Im kulturgeschichtlichen und sprachlichen Bereich wird also mein Beitrag für das gemeinsame Projekt liegen. Für das fundierte wirtschaftshistorische und betriebswirtschaftliche Wissen wird mein Kollege Prof. Körnert in unserem gemeinsamen Projekt stehen. Ich freue mich schon sehr auf die fruchtbare Zusammenarbeit und den Blick über den Tellerrand.

Baltic Cultures: Haben Sie einen Lese-, Theater- oder Filmtipp aus dem Norden, den man unbedingt kennen sollte?

Prof. Pantermöller: In den letzten Jahrzehnten hat der Hohe Norden Finnlands eine ganz eigene literarische Stimme entwickelt. In ganz besonderem Maße trifft dies auf die Autorin Katja Kettu zu, die 2011 mit ihrem Roman Kätilö (‘Hebamme’, dt. Wildauge 2014) für großes Aufsehen sorgte. Um ihre ausdrucksstarke und kreative Sprache erfolgreich übersetzen zu können, hatten sich Übersetzer verschiedenster Zielsprachen sogar zu einer Arbeitsgruppe zusammengefunden. Ich kann also sowohl das Original als auch die deutsche Übersetzung unbedingt empfehlen. Der historische Roman ist eine sehr gelungene Collage mehrerer interagierender Textebenen. Als Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Soldaten und einer finnischen Krankenschwester beleuchtetet der Roman ein sehr dunkles Kapitel der deutschen-finnischen Geschichte während der deutschen Besetzung Lapplands und dem anschließenden Lappland-Krieg. Inzwischen ist der Stoff auch sehr erfolgreich verfilmt worden. Für mich persönlich war der Film jedoch eher eine Ergänzung als eine Wiederholung der zutiefst berührenden Leseerfahrung.

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Julia

Julia

Fühlt sich in den finnischen Wäldern am wohlsten und träumt von einer eigenen Sauna im Garten. Hier in Greifswald, wo sie sich mit Skandinavistik und Fennistik beschäftigt, kann sie ihr Fernweh mit anderen teilen und ihre Liebe für Regen entdecken. Sonst immer auf der Suche nach nordischer Inspiration und abenteuerlichen Geschichten.