Nothing to Regret

In einem Artikel der Zeit Online (Original-Artikel findet ihr hier) schreiben verschiedene Autoren über ihre (verpassten) Erlebnisse während ihres Studentenlebens. In einigen Beiträgen erkenne ich mich selbst als Philologiestudent wieder, teilweise bauen sie mich richtig auf, in meinen letzten Semestern noch etwas zu ändern. Euch geht es vielleicht ebenso, weshalb ich euch einige Abschnitte nicht vorenthalten möchte:

„Ich schaute Indie-Filme, aber las nicht die Unabhängigkeitserklärung“

„Mit 23 Jahren war ich auf dem besten Weg, als Experte für die USA zu gelten – dabei hatte ich nicht mal die Unabhängigkeitserklärung gelesen. Oder die Verfassung. Oder irgendeinen anderen nennenswerten Text, der nicht aus dem 20. Jahrhundert stammte. Ich hatte mich für Amerikanistik eingeschrieben, weil mich Gegenwartskultur interessierte. Altenglische Texte lesen, wie meine Anglistikfreunde, oder lateinische, wie die Historiker, war mir zu blöd. Stattdessen schaute ich Hollywood- und Indiefilme und diskutierte über Popmusik und Geschlechterverhältnisse. Das war gut – aber auch ziemlich faul, ignorant und selbstgenügsam.

Kurz vor Studienende, im Austauschjahr in Washington, D.C., verblüffte mich, wie viele Amerikaner immerzu über die Gründerväter aus dem 18. Jahrhundert redeten. Und dass der amerikanische Bürgerkrieg zwar hundert Jahre länger her ist als der Vietnamkrieg, aber heute noch mindestens ebenso präsent. In meinen letzten zwei Semestern versuchte ich, den Stoff aus 200 Jahren nachzuholen. Hat nur so mittelgut geklappt, aber immerhin: Ich habe begriffen, dass Gegenwart nicht ohne Geschichte zu haben ist. Dass man den Kanon nur kritisieren kann, wenn man ihn kennt. Und dass es sich einfach lohnt, einiges von dem alten Scheiß zu lesen, der auf den ersten Blick so gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat.“

Oskar Piegsa, Anglistik-Alumnus der Uni Hamburg

„Meine Freunde sprechen Türkisch, Spanisch und Arabisch.Ich nicht.“

„I speak English. Et un peu de français. Das musste reichen. Meine Freunde belegten vom ersten Semester an Sprachkurse. Spanisch, Arabisch, Chinesisch, Schwedisch. Ich fand das übermotiviert, als wollten sie unbedingt etwas extra machen. Ich sah nur: Morgens um halb neun, zwei Mal die Woche, dazu Hausaufgaben und Anwesenheitspflicht. Und überhaupt: Wenn ich wirklich eine Sprache lernen wollte, könnte ich mir das einfach selbst beibringen.

Doch dann wurde ich neidisch: Als sich die anderen mit ihren türkischen Tandempartnern trafen oder im Mexiko-Urlaub mit der knuffigen Gang vor der Dorfdisko fließend small-talkten. Und als ich herausfand, wie teuer es außerhalb der Uni ist, eine Sprache zu lernen. Mein Auslandssemester habe ich in den Vereinigten Staaten gemacht. Wo auch sonst. Now I speak English even better. „

Anne-Kathrin Gerstlauer, Journalistik-Studentin der TU Dortmund

„Ich kann alles, aber nichts so richtig“

„Geisteswissenschaftler sind Generalisten. Wir können fast alles – zumindest von jedem ein bisschen. Dank meines Lateinamerikanistik-Studiums müsste ich wissen, dass Sor Juana Inés de la Cruz eine dichtende mexikanische Nonne aus dem 17. Jahrhundert war. Und ich müsste wissen, dass Pedro Páramo der einzige Roman des Mexikaners Juan Rulfo ist. Ich weiß es aber nicht. Es fällt mir erst wieder ein, nachdem ich nachschlage, was ich eigentlich studiert habe.

Geisteswissenschaft im Hauptfach, Geisteswissenschaft im ersten Nebenfach, Geisteswissenschaft im zweiten Nebenfach. Publizistik, Nordamerikastudien und eben Lateinamerikanistik. Ich habe von vielem ein bisschen studiert, mich dabei aber nie spezialisiert. Und genau das hätte ich tun sollen. Ich hätte mich zum Beispiel auf die mexikanische Kultur konzentrieren und in einem anderen Fach Wirtschaft oder Politik mit dem Schwerpunkt Lateinamerika studieren sollen. Dann wäre ich zwar keine Generalistin mehr, dafür hätte ich ein Spezialgebiet.“

– Jana Lavros, Alumna der FU Berlin in Publizistik, Nordamerikastudien und Lateinamerikanistik

Lest den kompletten  Artikel mit weiteren Berichten hier.

Unibibliothek Greifswald

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Josy

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„There is nothing either good or bad but thinking makes it so“ – Ursprünglich aus der Mudderstadt, lebt in Greifswald für die Anglistik und Amerikanistik. Tagträumer, Weltenbummler und realitätsfern, aber bei jedem Streich ganz vorne mit am Start.