Mustat paperit. Ein moderner Briefroman aus Finnland.

Im Rahmen des Nordischen Klanges fand am 11. Mai 2016 in der Stadtbibliothek eine Autorenlesung statt, bei der der Fennistikstudent und Komponist Benjamin Schweitzer mit der Autorin Maija Muinonen via Skype über ihren Briefroman Mustat paperit (dt. Die schwarzen Papiere) sprach. Der Roman kann ab sofort auch in der Bereichsbibliothek entliehen werden.

http://www.teos.fi/assets/gallery/104/rezcrop/r4300_684.jpg„Lieber Luc, diesen Brief schrieb ich dir, als du noch nicht lesen konntest“, so beginnt der erste einer Serie von Briefen, die Ann Miel in Maija Muinonens Roman Mustat paperit an ihren kleinen Sohn schreibt. Diese Anfangszeile steht programmatisch für die Idee des Buches: ein Briefroman – aber einer, der das Genre in besonderer Weise neu beleuchtet. Denn es sind Briefe einer Mutter, die weiß, dass sie in Kürze sterben wird, und sie richten sich in die Zukunft. Ann Miel malt sich das Leben ihres Sohnes aus und driftet dabei immer mehr vom Be-schreiben ins Vor-schreiben ab. Der Adressat der Briefe bleibt stumm, und dennoch lernen wir auch ihn in dieser Fiktion seines Lebens kennen.

Doch das Buch geht dabei über den üblichen Rahmen eines Briefromans hinaus und gewinnt der monologischen Erzählweise eine weite Perspektive ab. Maija Muinonen gelingt es, aus wenigen Motiven ein dichtes Geflecht zu spinnen, in denen etwa das durchgängig präsente Meer zur Sprache wird und die Sprache zum Meer, in dem aus Buchstaben Zeichen, Zeichnungen, Bilder werden und Gegenstände wiederum zu Buchstaben. Charakteristisch für den Stil des Buches ist der stete Wechsel zwischen scheinbar realistischer Alltagsbeschreibung und poetischen Einschlüssen. Teils driftet der Text nach und nach, zunächst ganz sacht, aus der Realität ab, teils schlägt eine scheinbar harmlose Situation plötzlich und unerwartet um – je mehr sich das Buch dem Ende, also die Schreiberin der Briefe ihrem Tod nähert, umso mehr wird auch die Sprache dekonstruiert und entgleitet ihrer Kontrolle. Und doch wird die Sprache dabei nie schwer oder lastend, oft ist ein ironischer Unterton zu hören, und die stilistische Präzision bewahrt den Text vor jeder Sentimentalität.

Wer ist die junge finnische Autorin, die sich für ihren ersten Roman eine so feine, gleichermaßen sensible wie intrikate Konstruktion ausgedacht hat? Maija Muinonen wurde 1983 in Greifswalds Partnerstadt Kotka geboren und studierte Literaturwissenschaft und theoretische Philosophie in Helsinki. Doch darf man sich die Autorin wie auch ihre Literatur keinesfalls als introspektiv-vergeistigt vorstellen. Hinter der zurückhaltenden Erscheinung des Textes und der geschliffenen Sprache lauert eine treffsichere Intuition für dramaturgische Zuspitzungen, die auf Maija Muinonens Leidenschaft für das Theater zurückgeht. Sie spielte selbst viele Jahre im renommierten Studententheater in Helsinki, schrieb Bühnentexte und konzipierte Performances.

Für Mustat Paperit, der von der Kritik als reif, artistisch und mutig beschrieben wurde, erhielt Maija Muinonen den Kalevi-Jäntti-Preis 2013. Im Jahr 2015 war sie als Stipendiatin der finnischen Kulturstiftung (Suomen Kulttuurirahasto) auf Schloss Wiepersdorf in Brandenburg, wo wir uns kennenlernten und ich mit der Arbeit an der Übersetzung ihres Romans begann. Beim Nordischen Klang wurde Maija Muinonen nun erstmals einem breiteren Publikum in Deutschland vorgestellt.

(Autor: Benjamin Schweitzer)

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.