Meine Masterarbeit vom Ei bis zum Vollinsekt

Am Anfang jeder Abschlussarbeit steht die Themenfindung ‒ mitunter ein leidiges Thema. In meinem Fach bestand nicht die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Lehrstühlen und Professoren zu wählen, denn es gab und gibt jeweils nur einen. Daher blieb mir diese Entscheidung schonmal erspart. Für eine grobe Richtung (Literatur-, Sprach-, Übersetzungswissenschaft und was es sonst noch gibt) musste ich mich trotzdem entscheiden. Manche fangen damit an und überlegen sich ihr Thema je nach Richtung. Ich bin den umgekehrten Weg gegangen, habe zuerst alle meine Ideen zusammengetragen, egal ob Literatur- oder Sprachwissenschaft, habe mit meinem Professor darüber geredet und am Ende das Thema ausgewählt, das mir am meisten zusagte. Das Thema, das ich schließlich fand, war recht außergewöhnlich: Die Insektenwelt als Motivquelle in ausgewählten Werken der zeitgenössischen finnischen Literatur ‒ kurz: Insektenmotive in 9 finnischen Romanen.

Bild: Wikimedia Commons

Die Idee dazu gaben mir zwei Romane, in denen Insekten eine größere Rolle spielen und von denen Sofi Oksanens Fegefeuer (fi. Puhdistus) auch den Fachfremden bekannt sein könnte. Zwei Romane, zumal sehr unterschiedliche, genügten mir aber nicht, um 80 bis 100 Seiten mit einem Thema zu füllen, dessen Ausmaße ich in Seiten nicht allzu hoch einschätzte. Zusätzliche Buchtipps hatten glücklicherweise mein Professor, eine Dozentin aus Finnland und meine Kommilitoninnen auf Lager; ein weiteres fand ich, indem ich auf Anraten meines Professors Insektennamen in die Suchmaske der Universitätsbibliothek Helsinki eingab. Schließlich fielen mir noch zwei Bücher mehr oder weniger zufällig in die Hände, nachdem ich das Thema schon angemeldet hatte. Letztendlich hätte ich angesichts der Seitenvorgaben und der beschränkten Zeit meinen Untersuchungskorpus wieder verringern können, denn  ich analysierte die 9 Werke getrennt voneinander (1 Kapitel pro Roman). Doch als es aufs Ende zuging, wollte ich keine der Analysen streichen, da ich sie dann umsonst geschrieben hätte und da jeder Roman etwas zum Gesamtbild des Ergebnisses beitrug, egal ob er ein zentrales oder eher marginales Werk für meine Arbeit darstellte.

Einer der Gründe für mein Thema war, dass ich gerne Literatur analysiere und interpretiere. Damit meine ich, dass ich herausstellen will, was der Text meiner Meinung nach aussagt und wie ich zu diesem Schluss komme? Wenn ich mir ein bestimmtes Motiv herauspicke, schaue ich mir den Text, nachdem ich ihn einmal oder mehrmals vollständig gelesen habe, mit Scheuklappen an. Auf mein Thema bezogen sah das ungefähr so aus:

Buch auf: Viel viel Text Text Text, Sätze Sätze Sätze Wort Wort Wort, noch mehr Text, aha BIENE, Satz Satz noch mehr Sätze, … SUMMT es, FLIEGE hier, AMEISE da, nächstes Kapitel, oh, ein SCHMETTERLING … Nächstes Buch, FLATTER FLATTER, Blumenwiese, SCHMETTERLINGE, FLIEGEN, Misthaufen, FLIEGEneier, Wurst brumm brumm brumm summ summ summ … VERPUPPEN … HONIG, heilige BIENEN, krabbelnde Aliens und so weiter und so fort.

Alle Textstellen, die in irgendeiner Weise mit Insekten in Verbindung stehen oder für meine Thesen relevant sein könnten, notieren, dann kann ich mir später leichter ein Gesamtbild machen und finde einfacher Passagen wieder, die ich zitieren möchte. Natürlich musste ich im Verlauf der Arbeit trotzdem immer wieder Passagen suchen, die ich mir nicht notiert hatte, weil sie nicht direkt mit Insekten zu tun hatten, die für mich aber nötig waren, um etwas erklären zu können, dass ich über den Roman schreiben wollte. Oft saß ich auch da und brachte außer Nervosität gar nichts zustande. Vielleicht organisieren sich andere Studenten geschickter, aber jeder hat seine eigene Ordnung und Unordnung und am Ende konnten sich Inhalt und Umfang meiner Arbeit wirklich sehen lassen ‒ trotz einer tiefen Krisenphase, die wirklich wirklich wirklich nicht schön war, und den vielen Grübeleien und Zweifeln. Also: Lasst euch nicht entmutigen, und bevor ihr alleine damit durchdreht, geht mit Fragen und Problemen zu euren Betreuern!

Und zum Schluss noch eine inhaltliche Zusammenfassung:

Allgemeines

In nahezu jedem der Romane finden Insekten stellenweise als realistisches Gestaltungsmittel Verwendung. Dahinter kann sich aber auf den zweiten Blick noch mehr verbergen. Gerade Bestandteile der Realität rufen bestimmte Assoziationen hervor, derer die Autoren sich bedienen können. Viele Insekten tragen einen markanten symbolischen Wert. Die Fliege bspw. ist stark negativ konnotiert, sie wird mit Angst, Krankheit, Tod und mangelnder Hygiene in Verbindung gebracht. Die Biene gilt dagegen als geradezu glückverheißend und heilig. Falter werden Träumen und Seelenwelten zugerechnet. Als Symbolträger transportieren diese und andere Insekten spezifische (z.B. bedrückende, angsterfüllte, glückliche, geheimnisvolle) Stimmungen, die zum Gesamteindruck und zur Thematik des Textes beitragen.
Immer wieder treten Insekten als Beobachtungsobjekte von Figuren auf. Generell gilt, dass Insekten Aufmerksamkeit auf sich ziehen können und dann als sehr kleine und flinke Tiere die Wahrnehmung von Figuren, Erzählern und Lesern fesseln und ablenken können. Für die Figuren kann das eine Schutzfunktion darstellen, da sie auf diesem Wege unangenehmen und schmerzhaften Erfahrungen zumindest im Geiste ausweichen können. In Fegefeuer wird durch die Fokussierung der Fliege sogar das Romangeschehen eingeleitet, womit der Fliege auch eine strategisch-funktionale Rolle zukommt.

das Fremde

Insekten sehen ja schon auf den ersten Blick sehr anders aus als Menschen. Abgesehen vom Größenunterschied haben sie 6 Beine, Facettenaugen, einen aus verschiedenen Abschnitten bestehenden Körper, manchmal einen Saugrüssel und meistens Flügel. Das macht sie zu Repräsentanten fremder Welten oder einfach des Fremden im Allgemeinen ‒ fremde Arten, fremde Kulturen oder einfach andere Menschen. Hin und wieder werden sie auch mit Aliens verglichen.

die außermenschliche Natur

Foto: privat

Eine Ausprägung des Fremden bzw. des Anderen ist die außermenschliche Natur, die die Insekten bspw. in Selja Ahavas Taivaalta tippuvat asiat repräsentieren. Sie dringen in den Bereich des Menschen vor, der sich von der Natur nicht abschotten kann, da er ein Teil ihrer ist. Das beinhaltet, dass er sich auch nicht gänzlich vor ihr schützen kann. Bedingt durch ihre Aktivität zur warmen Jahreszeit und durch das Aufsuchen von zuckerhaltigen Quellen – Obst – einerseits und durch ihr Fehlen im Winter andererseits stehen Insekten hier im Zusammenhang mit Lebenskraft und dem Jahreslauf der Natur. In Leena Krohns Tainaron ist der Totengräber, dessen Larven sich von Kadavern ernähren, ein Sinnbild für den Kreislauf des Lebens. Totes Material wird wiederverwertet, Abfall gibt es nicht. In Katja Kettus Yöperhonen werden anhand der Wachsproduktion der Bienen Stoff- und Energiekreisläufe erklärt. Die Bienen stehen dort außerdem für Vitalität und Lebenskraft – sowohl im ursprünglichen Sinne für die Lebenskraft eines Organismus als auch im übertragenen Sinne für die Lebendigkeit einer Kultur. Erwähnt wird auch das Bienensterben, das tatsächlich ein reales ökologisches Problem darstellt. Ausführlich setzt sich damit Johanna Sinisalo in Enkelten verta auseinander. Der Roman knüpft an die lange gemeinsame Kulturgeschichte von Mensch und Honigbiene an und macht auf die Funktion der Honigbiene und auch anderer Insekten für das Ökosystem aufmerksam. Nicht zuletzt zum eigenen Wohle täte der Mensch angesichts der Bedeutung der Insekten gut daran, seine im Roman „insektophob“ genannte Einstellung zu überdenken, sich nicht hierarchisch über andere Arten zu stellen, und seine Umwelt zu schützen, zu der er in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Ebenso wenig wie er sich der Bestäuberfunktion der Insekten bewusst ist, scheint er nämlich in Betracht zu ziehen, welche Auswirkungen sein Handeln für andere Lebewesen und Ökosysteme bergen.

Götter-, Traum- und Seelenwelten, Reisen durch die Zeit

Foto: focus.de

In der Mythologie herrscht vielfach die Vorstellung, Insekten stünden mit anderen Welten in Verbindung ‒ ein Aspekt, der sich häufig in den neun Werken wiederfindet. Oft handelt es sich dabei um die Welt der Götter oder um die Welt der Seelen der Verstorbenen. Gerade diese zwei lassen sich oft nicht deutlich voneinander trennen, da der Bezug des Insekts dazu lediglich angedeutet wird oder da sie sich ohnehin überschneiden. Eine weitere Welt, die sich vom Hier und Jetzt unterscheiden lässt, sind Schlaf und Traum. In Enkelten verta können Insekten sogar durch die Zeit reisen. Wenn das auch in anderen Werken so nicht der Fall ist, stehen Insekten dennoch des Öfteren mit der Vergangenheit der Figuren in Verbindung. Beispielsweise ist die Fliege in Puhdistus die Verkörperung der Vergangenheit Aliides. Häufig lässt sich auch ein Zusammenhang zwischen Insekten und einer höheren Macht erkennen. Das äußert sich darin, dass die Insekten in den Augen der Figuren bspw. als heilig oder als Unheilsboten gelten.
Was immer wieder zum Vorschein kommt, ist eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen Insekten und der menschlichen Seele. Die Übergänge zwischen den einzelnen Aspekten dieser Verbindung sind fließend. Eine Ausprägung ist die schon in der Mythologie tradierte Vorstellung, Insekten seien Seelentiere. Die Seele verlässt den menschlichen Körper und wandelt in der Gestalt eines Insekts umher. Katja Kettu greift in Yöperhonen die Mythologie der Tschremissen ‒ eines in Russland lebenden finnougrischen Volkes ‒ auf, wonach die Seele als Falter den Körper des Schlafenden oder Toten verlässt. Es gibt auch die Möglichkeit, dass sie Figuren im Traum erscheinen, dass sie ein Bild ihrer seelischen Verfassung oder die Verkörperung ihrer Sehnsüchte sind, wie in Joel Haahtelas Perhoskerääjä (dt. Der Schmetterlingssammler), wo sich die Stimmung des Romans und des Protagonisten in den Schmetterlingen widerspiegelt. Sie sind Ausdruck des Vagen, Unbestimmten, Träumerischen und treten daher im Traum, auf der Grenze zwischen Schlaf und Wachen und im Kontext von Licht und Schatten auf. Gleiches gilt auch für Yöperhonen, dessen Haupthandlungsstrang in einem Land „auf der Grenze von Schlaf und Wachen“ situiert ist und das u.a. das allmähliche Einschlafen, also das Verschwinden, einer Kultur thematisiert.

ein Bild für den Menschen

Insekten werden häufig als Bild für den Menschen herangezogen. Was das Bild aussagt, ist sehr unterschiedlich, kontextabhängig und hängt mitunter auch mit dem jeweiligen Insekt zusammen. Vor allem in Enkelten verta, aber auch in J. P. Mäkeläs Muurahaispuu, finden Übertragungen vom Sozialgefüge der Insekten auf das menschliche Sexualleben statt. In denselben Werken wird die Sinneswahrnehmung von Insekten zum Anreiz genommen, auf die Unvollständigkeit der menschlichen Wahrnehmung hinzuweisen. Ansonsten allerdings sind Sozialität und Kommunikation der Insekten in den von mir untersuchten Werken eher von geringer Bedeutung.

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Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.