Mænd & Høns

Sture Böcke, Von Menschen und Pferden und nun Männer und Hühner – es scheint, als würde der skandinavische Bauernhof weiter vervollständigt werden. Die Regie in Mænd & Høns oder Men & Chicken führt der Däne Anders Thomas Jensen, der schon für seinen Film Adams Äpfel bekannt ist. In Men & Chicken, einem Film aus dem letzten Jahr, treffen nicht minder skurrile Charaktere aufeinander.

Die Brüder Elias (Mads Mikkelsen) und Gabriel (David Dencik) sitzen auf der Couch und sehen sich eine VHS-Kassette an, die ihr jüngst verstorbener Vater ihnen vermacht hat. Mit der Aufnahme (und hier bereits ein Beispiel für die unterhaltsamen Details des Films: der Verstorbene hat die Kamera so platziert, dass man nicht sein Gesicht, sondern die Unterhose fokussiert, in der die dünnen Beinchen mit Pantoffeln stecken; ein erster Hinweis auf das übergeordnete Thema von Vererbung) erfahren sie, dass sie Adoptivkinder sind und nur den Vater, einen Evolutionsbiologen, als gemeinsames Elternteil haben.

Diese Erkenntnis lässt die beiden ungleichen Geschwister aufbrechen, ihren leiblichen Vater zu suchen, der auf einer dänischen und wenig besiedelten Insel leben soll. In den ersten Filmsequenzen werden bereits die Wesenszüge der Halbbrüder klar: Elias scheint zurückgeblieben und hat zudem einen unabänderlichen Drang zu onanieren, während Gabriel der kluge und belesene Kopf in diesem einseitigen Zweiergespann ist.

Als die beiden das alte Sanatorium, die ehemalige Wirkungsstätte ihres Alten, erreichen, treffen sie jedoch nicht auf ihren Vater, sondern auf drei skurrile Gestalten, die sich später ebenfalls als ihre Halbbrüder und Kinder des Wissenschaftlers herausstellen. Sie sind Elias und Gabriel in zwei Merkmalen ähnlich: erstens wirken sie genauso belämmert und zweitens stehen sich fünf Erwachsene mit einer Hasenscharte gegenüber. Ständig wundert man sich fortan über die Hasenscharten und über das hicksende Geräusch Gabriels, der wie ein sonderbarer Schluckauf klingt. Da muss mehr dahinterstecken!

Eines ist jedenfalls klar: so schnell werden Elias und Gabriel diese seltsame, verlassene Ruine mit Gruselcharakter, bewohnt von allerlei Hühnern und anderem Getier nicht verlassen. Nicht, bevor sie ihren Vater dort ausfindig gemacht haben und hinter das wahre Geheimnis ihrer Wurzeln kommen. Und so begibt sich der Zuschauer mit auf die Suche, auch, wenn er sich hin und wieder leicht angeekelt in den Sessel drückt und nicht sicher ist, ob er wissen will, was im Sanatoriumskeller lauert.

Jensens Film ist ein aufreibender und- na klar- grotesker Film, der wie erwartet bisher Ungesehenes und Unbeschriebenes auf die Leinwand bringt. Er ist komplexer als zunächst gedacht: Zoophilie, Verhaltensbiologie, Artentransformation und Inzest – hier vermischen sich knallharte Evolutionsbiologie und die friedliebende Wesensseite des Menschen. Natascha Gerold schreibt in ihrer Besprechung, der Film sei eine „Reflexion über den Fort­schritt der modernen Wissen­schaft, auch wenn Setting und Figuren nicht unbedingt unserer Zeit zu entstammen scheinen.“

Allen voran Mads Mikkelsen überzeugt in der Rolle des Elias, der, mit unattraktivem Schnauzbart und kindlich-naivem Blick, kaum wieder zu erkennen ist. Und dabei ist es wie immer, wenn Mikkelsen vor der Linse erscheint: Man sieht nicht den Dänen in einer Rolle, sondern einen lebenden Filmcharakter: ob in der Rolle des Mannes, der urplötzlich von seiner leiblichen Tochter erfährt (Nach der Hochzeit), als Kindergärtner von der Gesellschaft mit dem unberechtigten Vorwurf der Pädophilie ausgestoßen wird (Die Jagd) oder des schizophrenen Pfarrers (Adams Äpfel).

In der Abschlussszene von Men & Chicken sitzt Elias alias Mikkelsen jedenfalls mit einem Huhn auf dem Schoß und schaut in die Kamera. Dieses Bild vom Film bleibt ganz besonders in Erinnerung, denn es stimmt verdutzt und provoziert milde: Alles ist animalisch und alles menschlich?!

Der Film läuft morgen, den 4.Mai, im Programm des Nordischen Klang Festivals im Pommerschen Landesmuseum um 21Uhr für 3,50€.

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.