Krigen

Die schweren Stahlkappenstiefel treffen auf den trockenen Wüstenboden und wirbeln Staub auf. Die schwer bewaffneten und behelmten Soldaten in Tarnkleidung, auf der kleine dänische Flaggen aufgedruckt sind, setzen ihre Schritte behutsam. Man folgt ihnen aus der Perspektive einer nervösen Handkamera über den kleinen Sandhügel, doch dann wird die angespannte Stille gebrochen. Eine Bombe zündet. Ein auf und ab flackerndes Bild, schnelle Schritte, lautes Stimmenwirrwarr und die Codes der Kriegsrhetorik.

IMG_7206

Die in Afghanistan stationierten dänischen Soldaten kommen nach diesem Anschlag, bei dem einer ihrer Kameraden ums Leben kommt, im Zeltlager zusammen. Großgewachsene, trainierte Männer mit Kurzhaarschnitt, die mitgenommenen, aber mit konzentrierten Gesichtern den Worten ihres Offiziers Carl Pedersen (Pilou Asbæk) folgen. Dieser will auf den dramatischen Vorfall mit einer Patrouille außerhalb des militärischen Lagers reagieren, um Präsenz vor der afghanischen Zivilbevölkerung zu zeigen und Schutz im Kampf gegen terroristische Gruppierungen und Attentäter zu gewährleisten.

Lasse, ein Däne mit offensichtlich arabischen Wurzeln (und am liebsten würde man hier auf die Nennung der Herkunft verzichten, aber zu groß ist die Vermutung, der Film hebe diese Figur absichtlich heraus, um eine multikulturelle dänische Gesellschaft, auch im Militär, abzubilden), schreckt vor diesem Befehl zurück und sucht das Zwiegespräch. Lasse ist nach dem Tod seines Kameraden emotional geschwächt und bittet Pedersen, ihn vom Dienst zu befreien und nach Dänemark zurückzuschicken. Pedersen redet ihm allerdings zu, die Nerven nicht zu verlieren und teilt ihn für die Patrouille am nächsten Tag ein.

Wie vermutet erreicht der Plot hier seine Dramatik und der Folgetag endet in einem heftigen Nahkampf gegen die Taliban. Das Gefecht und den heftigen Schusswechsel überlebt Lasse dabei nur knapp. Um sein Leben zu retten, gibt Pedersen den Befehl für einen Bombenabwurf auf ein von ihm nicht genau bekanntes Zielobjekt, bei dem eine Gruppe afghanischer Kinder getötet wird. Die Konsequenzen seiner folgenschweren Entscheidung werden nun zum Hauptthema des Films. Pedersen gerät sprichwörtlich ins Visier heftiger Kritik und seine Schuld und Verantwortungslosigkeit müssen vor dem dänischen Gericht verhandelt werden.

Wer Kriegsschauplätze von der Flimmerkiste und von der Wohnzimmercouch aus von den Fernsehnachrichten auf n-tv kennt, kann sich kaum anmaßen, einzuschätzen, ob die Szenen des Films real wirken. Sie wirken in jedem Fall authentisch geschauspielert und scheinen dem abstrakten Terminus „Krieg“ eine konkrete Gestalt geben zu wollen, von, ja, von was eigentlich?

Ständig fragt man sich auf welcher Seite man selbst steht und auf welcher Seite der Film steht und erkennt die problematischen Fragen des Kriegseinsatzes, die die Filmhandlung aufwirft: Wie können Soldaten die Lage überblicken, rational bleiben und „richtig“ handeln?

Damit behandelt der Film Themen, die kaum unemotional und ohne politisches Terrain zu betreten, diskutiert werden können. Aus der Sicht dänischer Soldaten und Soldatinnen im Afghanistaneinsatz bildet der Film eine diverse, aber kooperierende Gemeinschaft ab, die sich im Notfall, auch vor Gericht, kameradschaftlich für den anderen einsetzt. Ihre Taten im Krieg werden Zuhause in Dänemark nicht heroisiert, sondern rechtsstaatlich und langwierig verhandelt. Ist das Realität?

Der häufige Schwenk zwischen den Handlungsorten Afghanistan und Dänemark veranschaulicht die unterschiedlichen Rollen der Figuren, vor allem des Offiziersbefehlshaber Pedersen, der als Hauptfigur hervorsticht. Pedersens Herausforderung liegt in der Leitung seiner Kompanie in einem Krieg, dessen Ende nicht abzusehen ist und im Spagat zwischen den kontroversen Welten, zwischen Kriegsschauplatz und Familienleben. Seine Situation ist eine dauernde Belastprobe, die sich beispielsweise zeigt, wenn Telefonate aus dem Camp mit seiner Familie nach Dänemark nicht selten aufgrund der Verbindungsprobleme abgebrochen werden müssen und bewusstmachen, wie unvereinbar seine zwei Leben sind. Carls Frau Maria (Tuva Novotny) und die drei gemeinsamen Kinder bewältigen ihren Alltag daheim allein. Die Folgen des Kriegseinsatzes für die Familie sind auch hier deutlich zu spüren. Der älteste Sohn rebelliert, weil ihm der Vater fehlt und Maria kann die Erziehung der Kinder und ihren Job nur schlecht ohne die Hilfe ihres Mannes bewerkstelligen.

Mit einem erneuten Blickwechsel zurück nach Afghanistan zeigt der Film, dass Krieg ebenfalls einen Alltag kennt: wenn die Soldaten nicht außerhalb des Militärcamps auf Patrouille sind oder Minen entschärfen, reparieren sie ihre Ausrüstung und gelegentlich die Papierdrachen afghanischer Kinder. Einen Großteil der Zeit verbringen sie mit Warten, indem sie lethargisch auf ihren Feldbetten liegen. Einige sprechen Farsi und übersetzen, wenn es zu Zusammentreffen mit der einheimischen Bevölkerung kommt. Außerhalb des militärischen Lagers muss jeder Schritt abgesichert und jedes trügerische Zeichen ernst genommen werden. Welchen Afghanen kann man trauen und wer muss sofort nach Sprenggürteln absucht werden?

Doch was denkt man nun von diesem Film, der versucht, das ethische Dilemma des Krieges und die Komplexität von Krieg auf unterschiedlichen Ebenen zu thematisieren und doch um einen Hauch Empathie für das tragische Schicksal des dänischen Offiziers Pedersen zu bitten scheint? Die unfreiwillige Ermordung der afghanischen Kinder gerät vor dem persönlichen Schicksal Pedersens fälschlicherweise in den Hintergund, weshalb der Film als Erzählung nicht dazu verleiten sollte, den SoldatInnen der Realität ein hohes Maß an korrekter und ethisch vertretbarer Handlungstätigkeit und Verantwortung abzusprechen.

Im Hinterkopf hallt der Kommentar Ernest Hemingways nach: „Never think that war, no matter how necessary, nor how justified, is not a crime.”

Empfehlenswert ist der Film  trotz schwieriger Story durch die starke schauspielerische Leistung Asbæks und den übergeordneten Hinweis auf die dänische Außen- und Kriegspolitik. Dänemarks Kriegsbeteiligung unter anderem in Afghanistan hat eine lange, kontroverse Geschichte. Und historische und gegenwärtige Kriegseinsätze anderer Länder natürlich auch…

„A War“ war 2016 für den Auslands-Oscar nominiert und sticht im internationalen Repertoire überwiegend amerikanischer Kriegsfilme hervor, wobei der Regisseur Tobias Lindholm, ohne im Film die Rechtmäßigkeit einer Kriegsbeteiligung zu thematisieren, den Fokus auf die allgemeinen Folgen von Kriegsbeteiligung legt. Was ändert sich im eigenen Leben eines Soldaten, innerhalb seiner Kompanie und seiner Familie, wenn er zurück in die isolierte, gewaltfreie Welt nach Hause kommt? Im Film wird der Offizier Pedersen von den eigenen Kindern gefragt, ob er andere Menschen getötet hat. Dann wird der Filmtitel eingeblendet. Schwarz auf weiß und weiß auf schwarz: KRIGEN.

About author View all posts

Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.