Von Wohnzimmerbahnhöfen und stinkendem Parfum

Euer Baltic Cultures Adventskalender – Türchen 10

Konversationsfibel Teil2  – Tipps für slawische Weihnachtsstimmung

Die Weihnachtszeit naht und der Duft von Glühwein und Plätzchen zieht bereits durch Wohnzimmer, Innenstädte und Einkaufspassagen zwischen Lissabon und Lappland. Gerade in den kalten Regionen rücken die Menschen in diesen Tagen etwas näher zusammen. Auch in Warschau und Sankt Petersburg stehen bereits reich geschmückte Tannen und Weihnachtsmanndouble in den Fußgängerzonen. Weihnachtsszeit – das heißt auch, sich näherzukommen und zusammenzuwachsen. Doch Vorsicht – vor dem Glühweinstand und am Festtagstisch lauern so einige Fettnäpfchen in der Kommunikation. Wer nicht aufpasst, wird vom sprachlichen Nachbar nicht nur nicht verstanden, sondern macht sich vielleicht sogar lächerlich. In Teil 1 unserer Kolummne haben wir euch in estnisch-finnische „False Friends“ eingeweiht. Heute haben wir für euch einige polnisch-russische Fettnäpfchen gesammelt, damit ihr diese gekonnt umschiffen könnt.

Quelle: Pixabay

Wer slawische Sprachen nicht kennt, kommt leicht in die Versuchung, zu vermuten, es handele sich im Osten Europas um einen konsonantenlastigen Einheitsbrei. Doch die Slavia, die slavische Welt, unterscheidet sich mehr, als so manche glauben mögen. Szenen wie in skandinavischen Filmen, in den sich die Nachbarn aus Dänemark, Schweden und Norwegen ohne Übersetzer verständigen können, sind in der slawischen Welt, bis auf einig Ausnahmen, durchaus selten. Zu groß sind die grammatischen Differenzen, zu unterschiedlich der Wortschatz. Obwohl viele Wörter auf gemeinsame Grundformen hinauslaufen, gehen interslawische Gespräche nicht selten ordentlich schief.

Um einige Steine aus dem Verständnisweg zu räumen, begleiten wir heute das fiktive Paar Kirill und Agnieszka. Kirills Muttersprache ist Russisch, Agnieszkas Muttersprache Polnisch. Viele grammatische Tendenzen sind in beiden Sprachen zwar gleich, viele Fälle und Zeitformen ähneln sich. Doch der Teufel steckt im Detail und so schleichen sich des Öfteren kleine Verstehensprobleme in die interslavischen Glücksmomente. Unsere Geschichte beginnt an einem gemütlichen Adventssonntag, die beiden liegen auf dem Sofa und sinnieren über die anstehenden Feiertage. Schon hier ergibt sich der erste Stolperstein: Gut, dass beide auf dem Sofa (rus. диван/divan) Platz gefunden haben und keiner von beiden mit dem Boden (pol. dywan – Teppich) vorliebnehmen muss. Die Weihnachtsfeiertage fallen bei ihnen besonders lang aus. Das polnische Weihnachtsfest wird nach katholischem Ritus an Heiligabend und den zwei Weihnachtsfeiertagen am 25. und 26. Dezember begangen. Die orthodoxe Weihnachtsfeier bei Kirills Eltern erwartet die beiden jedoch erst etwa zwei Wochen später, am 7. Januar.

„Der Schmuck gefällt mir!“, erfreut sich Kirill an den Girlanden und Tannenzweigen im Wohnzimmer. Ein echter Palast (rus. дворец/dworec) ist das! Seine Freundin sieht ihn mit großen Augen an, denn im wahrsten Sinne des Wortes versteht sie nämlich nur Bahnhof (pol. dworzec). Als er ihre Verwirrung bemerkt, wechselt Kirill schnell das Thema. „Das Geschenk für deine Mutter ist übrigens schon auf dem Weg. Die Bestellung (rus. заказ/zakaz) ist raus!“ Agnieszkas Verwirrung wird jedoch nur noch größer. Von welchem Verbot (pol. zakaz) redet er? Wem will er etwas verbieten? Mir? Meiner Mutter?

„Was wünschst du dir eigentlich zu Weihnachten?“, entgegnet sie rasch, um ihre Verwirrtheit zu überspielen. Kirill überlegt nicht lang. „Das Buch, von dem ich neulich geredet habe! Erinnerst du dich dran?“ Leider erinnerte sie sich nicht daran. Mit hochrotem Kopf gesteht sie es ihm. Doch dieses Mal sollte ihr ein falscher Freund aus der Patsche helfen. Das pol. zapomnieć (vergessen) hielt ihr Freund für das rus. запомнить/zapomnit‘ (sich erinnern). So hat er statt „Zapomniłam!“ („Ich habe das vergessen!“) den Satz „Запомнила.“ („Zapomnila“ – „Ich habe mich erinnert!“) gehört. Das Buch kennt Agnieszka nun zwar immer noch nicht, doch wenigstens weiß ihr Freund noch nichts davon. „Und was wünschst du dir zu Weihnachten?“ Agnieszka erinnert sich an das Parfüm, dass Kirill ihr im Jahr davor geschenkt hatte. Durch die Blumen versucht sie ihm klarzumachen, dass er dieses Geschenk gerne wiederholen könne. Welch ein Duft (pol. won) das doch war! Kirill ist plötzlich pikiert. Seine Mundwinkel sinken nach unten. Er fühlt sich gekränkt. Dabei dachte er, das Parfüm gefalle ihr. War ihre Freude nur gespielt? Dass sie es als Gestank (rus. вонь/won‘) bezeichnet, ist wirklich unnötig!

Kirill versteht die Welt nicht mehr. Er war doch immer nett zu Agnieszka gewesen, ein echter кавалер (kavaler), ein Kavalier, wie er im Buche steht. Da werden die beiden wohl noch einige Male den Sprachkurs besuchen müssen, damit er nicht bald als kawaler endet, als Jungeselle.

                                 

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.