Von schimmelnden Regierungen und Hochzeitsproblemen

Euer Baltic Cultures Adventskalender – Türchen 4

Konversationsfibel Teil 1 – Tipps für den finnougrischen Weihnachtsmarktbummel

Die Weihnachtszeit naht und der Duft von Glühwein und Plätzchen zieht bereits durch Wohnzimmer, Innenstädte und Einkaufspassagen zwischen Lissabon und Lappland. Gerade in den kalten Regionen rücken die Menschen in diesen Tagen etwas näher zusammen. Auch in Helsinki und Tallinn strömen tausende Menschen wieder auf zu Weihnachtsmärkte, um sich etwas aufzuwärmen. Nicht selten schwingen sich die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Städte auf die Fähre, um der Nachbarstadt einen Besuch abzustatten. Weihnachtsszeit – das heißt auch, sich näherzukommen und zusammenzuwachsen. Doch Vorsicht – vor dem Glühweinstand und am Festtagstisch lauern so einige Fettnäpfchen in der Kommunikation. Wer nicht aufpasst, wird vom Nachbar nicht nur nicht verstanden, sondern macht sich vielleicht sogar lächerlich. Wir haben für euch einige dieser Fettnäpfchen gesammelt, damit ihr diese gekonnt umschiffen könnt.

Blick auf den Weihnachtsmarkt in Tallinn
Foto: Brand Estonia

Begleiten wir dazu die beiden fiktiven Freundinnen – Anu aus Tallinn und Kerttu aus Helsinki – auf den Weihnachtsmarkt. Auf der Bühne erklingt fröhliche Weihnachtsmusik, es duftet nach gebrannten Mandeln, Tannenzweigen, Glögg. Die beißende nordische Kälte kann den beiden nichts anhaben. Beide tragen dicke Wollkleidung. Anu und Kerttu verstehen sich gut, ihre Muttersprachen ähneln sich – kein Problem. Nun ja, fast kein Problem, könnte man meinen. Ähnlichkeit reicht in der Sprache nicht. Anu zeigt sich nämlich schon etwas pikiert. Kerttu versteht noch nicht ganz, weshalb. Sie hatte lediglich auf die Preistafel am Glöggstand gezeigt und sich an den mit Helsinki verglichen günstigen Preisen erfreut. „Halpa!“ Günstig! Kerttu ahnt nicht, dass halb auf Estnisch schlecht bedeutet. Von dieser unverblümten Ablehnung fühlt sich Anu verwirrt. Auch das Gespräch, das sie führen, kommt nicht wirklich voran.

Anu hatte von der Hochzeit ihrer Freundin berichten wollen, die in einem Schloss in der Nähe stattgefunden hat. Dort gab es so viele schöne Räume – einer prachtvoller als der andere. Der Sektempfang hatte in der Bibliothek stattgefunden. Anu hätte sich stundenlang durch die vielen Büchern wühlen können! Doch Kerttu scheint die Freude ihrer Freundin nicht nachvollziehen zu können, ihr Blick wird finster und sie wirkt verdutzt. In ihrem Kopf entsteht ein groteskes Bild von Leichen und Bibelversen. Wieso? Schon die Hochzeit war bei Kerttu nicht angekommen, das estnische pulmad (Hochzeit) bedeutet im Finnischen nämlich nur Probleme (pulmat). Das sollte sich jedoch als die geringste Tücke erweisen. Der Monolog über die zahlreichen Räume (estn. ruumid) hatte bei Kerttu zahlreiche Assoziationen zu Horrorfilmen ausgelöst. Das finnische ruumit bezeichnet nämlich Leichen. Das sich Anu anbetrachts der toten Körper in Bibeln (fin. raamattut) stürzen wollte, kann man aber nun wirklich nicht nachvollziehen. Und das mag Anu also? Dabei ist sie doch eigentlich nur ein Bücherwurm (estn. raamatudBücher).

Verlegen probiert Kerttu, das Thema zu wechseln. Die Ehefrau (fin. vaimo) von Kerttus Bruder arbeite jetzt für die Regierung (fin. hallitus). Anu kann ihr nicht folgen. Im Gespräch scheint der Wurm drin zu sein. Das alles ergibt einfach keinen Sinn. Der Geist (estn. vaim) arbeitet in Sipiläs Schimmelpilz (estn. hallitus)? Auch dieser Themenwechsel hat wohl nicht funktioniert. Doch sei es erstmal drum. Kerttu und Anu probieren, diese Probleme abzuschütteln. Sichtlich durcheinander ziehen die Freundinnen vom Glöggstand hin zu Handarbeit und Kleinkunst. „Milline vahva käru!“ Anu deutet auf einen kleinen Kinderspielwagen aus Holz. „Der Wagen ist ja cool!“ Kerttu dreht sich panisch um. Doch Anu kann ihr bald versichern, dass es nicht brennt. (fin. käry – Brandgeruch).

Beide entschließen sich, mit der Straßenbahn erstmal ins Hotel zu fahren. Da vorne ist sie schon! „Ruttu!“, ruft Anu. Mach schnell! Dass das finnische Wort rutto den schwarzen Tod, die Pest, bezeichnet, ahnt sie nicht. Völlig verwirrt sitzen beide jetzt in der Straßenbahn und überlegen sich, vielleicht doch noch einmal die Sprachschulbank zu drücken. Schließlich mögen sich die beiden trotz ihrer Kommunikationsprobleme sehr. Anu liebt Kerttus Lachfalten, wenn  sie sich freut. Doch sie entscheidet sich, ihr das sicherheitshalber nicht zu sagen. Besser so. Das estnische kortsud (Falten) könnte Kerttu (fin. kortsutKondome) wahrlich falsch verstehen.

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.