Grönlandabend beim Nordischen Klang

Am 09. Mai um 16:49, 101 Minuten, bevor der dänisch-norwegische Autor Kim Leine in Greifswald lesen und über seinen Roman „Ewigkeitsfjord“ („Profeterne i Evighedsfjorden“) sprechen sollte, erhielt er prominente Unterstützung aus seiner Heimat: Der Schauspieler Nikolaj Coster Waldau, bekannt als Jaime Lennister aus Game of Thrones, empfahl in einem kurzen Video-Interview auf der Seite des Dänischen Rundfunks das Werk seines Lieblingsautors. Perfektes Timing: Denn Kim Leines naturalistisches Erzählen, angelehnt an die Größen des neunzehnten Jahrhunderts (Tolstoi, Zola, Flaubert), hat, und das wohl ganz unfreiwillig, einiges von einer horizontal erzählten Fernsehserie.

Der Roman handelt vom Leben, Wirken und dem moralischen Niedergang Morten Falcks, der als dänischer Missionar nach Grönland kommt und dort zunächst auf die ablehnende Bevölkerung trifft. Er versucht, seinen inneren Dämonen durch gesteigertes Freiheits- und Schuldbewusstsein zu begegnen, aber nach und nach reißt er sich selbst und andere in den Abgrund. Im Zusammentreffen mit den im dänischen Originaltitel erwähnten „Propheten“ Maria Magdalena und Habakuk, die in einer Kolonie ihre eigene Form des Christentums leben, entsteht für kurze Zeit so etwas wie Nähe und Freundschaft; doch als Morten beginnt, sich den dänischen Autoritäten zu widersetzen, übertritt er eine Grenze nach der anderen. Leine knüpft hierbei verschiedenste Handlungsfäden zusammen und erweist sich als versiert im „foreshadowing“: Der Leser erhält Informationsbruchstücke, die sich zunächst nicht einordnen lassen, an einem späteren Punkt der Geschichte aber Sinn ergeben. Hier findet er Anschluss an seine literarischen Vorbilder, ohne allerdings einem dogmatischen Naturalismus anheimzufallen; „Ewigkeitsfjord“ verfolgt eine dezidiert postkolonialistische Strategie, die daraus besteht, dass der Leser aus heutiger Perspektive die auf religiösen und wirtschaftlichen Interessen beruhende Unrechtsherrschaft der Dänen über die Grönländer nachvollziehen kann.

Die Beziehung zwischen den Einheimischen und der Kolonialmacht war dann auch das Thema, das den Grönlandabend des Nordischen Klangs bestimmte. Wie begegnet Morten Falck Maria Magdalena und Habakuk und wie begegnen sie ihm? Welche Konflikte ergeben sich daraus? Ein sprachliches Stimmengewirr aus Dänisch, Norwegisch, Deutsch und Englisch gab den Blick auf eine wechselvolle Geschichte der Aneignungen, der Rebellion und der Einflussnahme preis; so ist der „Ewigkeitsfjord“ vor allem die Erzählung eines Menschen, der mit der rauen Natur kämpft und sie kultivieren möchte, dabei aber immer zwischen Autoritätsgehorsam und Freiheitsidealen schwankt.

Das alles wäre auf der Ebene der Fiktion verblieben, hätte der zweite Teil des Abends keine Brücke zwischen Literatur und Wirklichkeit geschlagen. Anni Seitz‘ Dokumentarfilm „Sermiligaaq“ ist eine ethnographische Studie über das Leben in einer kleinen grönländischen Ortschaft, ein Leben, das sich seit Morten Falcks Zeiten natürlich geändert hat. Kim Leine, der vor der Veröffentlichung seines Debütromans als Krankenpfleger in Grönland arbeitete, hat selbst eine kurze Zeit in Sermiligaaq verbracht. Daraus entspann sich ein Dialog zwischen ihm, der Regisseurin und dem Publikum; Leine lobte Seitz‘ Film, von dem er meinte, dass auch die Dänen ihn sehen sollten. Leine argumentierte, dass die Dokumentation der ehemaligen Kolonialmacht den Alltag der grönländischen Bevölkerung auf empathische Weise näherbringen könnte.

Die Diskussion mit dem Publikum zeigte, dass die Fiktion vielleicht doch ein geeignetes Mittel ist, um Geschichte sichtbar werden zu lassen. Wenn sie sich dann noch an die Realität angleicht, wie das bei Leine der Fall ist, der seinen Roman an realen historischen Ereignissen ausgerichtet hat, so ist das eine Herangehensweise, die durchaus eine (Lese-)Empfehlung wert ist.

About author View all posts

Matthias

Matthias

Matthias, geboren 1992 in Trier, studierte von 2012 bis 2015 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, wo er sich für skandinavische Sprachen zu interessieren begann. Die führten ihn nach Greifswald, wo er jetzt Kultur/Interkulturalität/Literatur studiert. Veröffentlichungen von Texten u. a. in BELLA triste, metamorphosen, Lasso, Filologen, Resonans, Trappe Tusind.