Kein Sack Flöhe, aber ein lettisches Floorballteam

Wer schonmal ein Erasmus-Semester gemacht hat, früher auf Ferienfreizeiten mitgefahren ist, oder ehrenamtlich arbeitet und Seminare mit anderen Freiwilligen mitmacht, der kennt das bestimmt: Man fährt irgendwo hin, trifft dort eine Gruppe fremder Menschen, und nach einiger Zeit, sei es eine Woche oder ein Jahr, muss man sich von Freunden verabschieden.
So war es auch bei mir, als ich mich vor zwei Wochen in den Zug setzte und nach Österreich fuhr, um dort freiwillig bei den Special Olympics World Winter Games zu arbeiten.

Was ich vorher wusste: Ich war als “Delegation Assistant Liaison”, kurz DAL, eingeteilt, wo man, wie uns vorher gesagt wurde, dem oder der “Head of Delegation” (HOD), also Chef der Delegation eines Landes, bei organisatorischen Aufgaben hilft, zum Beispiel durch Übersetzen. Ich würde in Graz bei dem “Assistant-HOD” der lettischen Delegation und dem lettischen Floorball-Team sein, während ein zweiter DAL, zufällig auch Norddeutscher, in der Ramsau (einem Skigebiet) mit der HOD und den lettischen Skifahrer*innen und Schneeschuhläufer*innen eingeteilt war.

Vorbereitung Im Zug. Gut fürs Gefühl, praktischer Nutzen fraglich.

Vorbereitung Im Zug. Gut fürs Gefühl, praktischer Nutzen fraglich.

Was ich vorher nicht wusste: Den ganzen Tag über war ich mit dem Team unterwegs, studierte Spielpläne, schrie am Spielfeldrand, war zuständig für Erstversorgung von Schlägen auf Knöchel, auf Ellenbogen und in Magengruben (Wer braucht schon das Rote Kreuz?), Trost bei einer roten Karte (Das war nicht nett, aber beeindruckend: ZWEI Dänen lagen am Boden), und Bereitstellung von überhaupt allem: “Anna, hast du eine Schere?” “Anna, hast du einen Schraubendreher? Bei meinem Schläger ist die Schraube locker.” (…Hoch lebe das in meinem Trekkingrucksack versteckte Schweizer Taschenmesser!)

Mitfiebern am Spielfeldrand Mitfiebern am Spielfeldrand

Als ich im letzten Herbst die Nachricht bekam, dass ich für die lettische Mannschaft eingeteilt war, war ich zunächst etwas angefressen. Schließlich hatte ich bei der Bewerbung angegeben, Finnisch und Estnisch zu sprechen, nicht jedoch Lettisch, und meine Lettischkenntnisse reichten über “Ich heiße Anna”, “Guten Tag” und “Wo wohnst du?” auch kaum hinaus. Doch nach kurzer Zeit wollte ich meine 8 Jungs um nichts in der Welt mehr eintauschen. Die wichtigsten lettischen Vokabeln hatte ich bald drauf – auksts (kalt), silts (warm), formas (Trikots), spēle (Spiel), pieci (fünf, kann man auch beim High Five sagen), vārti (Tor), ūdens (Wasser). Dazu einige unwichtigere, aber lustige Vokabeln, die ich immer wieder einwerfen konnte, wie garlaicīgi (langweilig) oder sliņķis (Faultier). Und was dann nicht passte, musste eben passend gemacht werden, so auch die englische Sprache. “Will Sandris not be able to play?” klingt zwar gut, aber “Sandris no play?”, mit traurigem Gesichtsausdruck und Kopfschütteln, wird auch tatsächlich verstanden. Und meine unbeholfenen Versuche, Lettisch zu sprechen (“Was machst du?” – “Ich setze.” – “Das heißt: Ich SITZE.”) lockten bald auch einige Brocken Englisch und sogar Deutsch aus den Jungs heraus.

Auf der Tribüne nach unserem großen Einmarsch zur Eröffnungsfeier

Auf der Tribüne nach unserem großen Einmarsch zur Eröffnungsfeier

Am letzten Tag gewannen die Jungs die Silbermedaille, und als wir abends bei der Abschlussfeier im Grazer Stadion saßen und der Ehrenpräsident von Special Olympics Österreich, Arnold Schwarzenegger, seine Rede hielt, schaute ich wehmütig in die feucht glänzenden Augen “meiner” Jungs. Es war für alle ein schwerer Abschied von Österreich.

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Anna

Anna

Eine norddeutsche Deern, die die Finnougristik im Herzen trägt. Ist von vielen Sachen begeistert. Handtuchwedelnde Heinis, die in deutschen öffentlichen Saunen Aufgüsse machen, gehören nicht dazu.