Käsehobel, SMS & co: Erfindungen aus Fennoskandinavien

(in Zusammenarbeit mit Svenja)

Schon seit ihrem Beginn versucht die Menschheit immer wieder, mit revolutionären Ideen das Leben einfacher oder schöner zu gestalten. Oft gelingt das auch und sie verändern mit ihrem Mut zu kleinen und großen Neuerungen den Alltag vieler. Dabei sind es bei weitem nicht nur die großen Namen, vor allem aus dem mitteleuropäischen Raum,  denen Ehre gebührt. Auch die kleineren Nationen des Nordens haben einiges zu bieten. Nokia, Angry Birds und Skype sind jedoch nicht die einzigen nordischen Innovationen, die mittlerweile weltweit bekannt und beliebt sind. Ungeahnt viele Erfindungen schafften ihren Weg von Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark in die weite Welt hinaus. Hier ist eine kleine Auswahl:

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Der Schwede Carl von Linné, der später auch Rektor der Universität in Uppsala wurde, reiste für seine Forschungen unter anderem nach Lappland und verfasste zahlreiche Werke zur Zoologie und Botanik. Seine Hauptwerke „Species Plantarum“ und „Systema Naturae“ entstanden 1753 und 1758. Darin legte er die Grundlagen für die moderne Nomenklatur für Pflanzen, Tiere und Mineralien. Sein zweigliedriges System für wissenschaftliche Namen der zoologischen und botanischen Entdeckungen ist auch heute noch gängig und wird als binäre oder binominale Nomenklatur bezeichnet: im ersten Teil steht die großgeschriebene Gattung, im zweiten Teil die kleingeschriebene der Gattung untergeordnete Art. Mit dieser Systematik konnten neu entdeckte Arten ohne Probleme einer bereits etablierten Gattung untergeordnet werden.

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Ebenfalls aus Schweden stammt der Astronom Anders Celsius, dessen Namen wir alle täglich begegnen. Er war nicht nur Professor an der Universität Uppsala, Autor und Poet, sondern experimentierte im 18. Jahrhundert auch mit Temperaturen und Vergleichen von verschiedenen Temperaturpunkten. Den Punkt, an dem Wasser zu kochen begann, legte er mit 0 fest, den Gefrierpunkt mit 100. Die Bezeichnungen wurden erst später vertauscht. Alles dazwischen teilte er in gleiche Teile und notierte nebenbei den herrschenden Luftdruck, um genaue Messbedingungen zu schaffen. Revolutionär war vor allem sein Vorschlag, die Skala für universell gültig zu erklären. Letztendlich war dies aber wohl ein gut fundierter Vorschlag. Wie sonst wäre es zu erklären, dass seine Einteilung noch heute – seit 1742 sind immerhin schon einige Jahre vergangen – unsere Thermometer lesbar macht?

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Nobel

Der dritte im Bunde der erfinderischen Schweden ist Alfred Nobel. Einige Zeit forschte er mit Nitroglyzerin, das schon zuvor von einem Italiener entdeckt wurde. Er wollte herausfinden, wie der explosive Stoff, der allein durch Stöße zur Detonation gebracht werden konnte, transportfähig gemacht und kontrolliert gezündet werden könnte. Dabei experimentierte er unter anderem in Kombination mit Schwarzpulver, war jedoch zunächst nicht besonders erfolgreich. Tragischerweise explodierte während seiner Experimente auch sein eigener Schuppen in Stockholm und vier Menschen wurden bei diesem Unfall in den Tod gerissen. Durch Zufall entdeckte er schließlich die Möglichkeit, Nitroglyzerin flexibler zu machen: mit Kieselgur und später mit Gelee. Nobel gelang es damit, ein hoch wirksames Sprengmittel für den kommerziellen Einsatz und als Waffe herzustellen. Obwohl er damit ein Vermögen machte, machte ihn die Erfindung des Dynamits, das gegen Menschen gerichtet so verheerende Auswirkungen haben konnte, nicht glücklich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Telegraphon

In Dänemark entwickelte der Telegraphen-Ingenieur Valdemar Poulsen 1989 ein sogenanntes Telegraphon. Sein Ziel war es, damit erstmals Schallwellen, sprich Sprache und Töne, als elektromagnetische Induktion auf ein Stahlband zu schreiben und so Telefonate aufzuzeichnen. Vorgestellt wurde das revolutionäre Gerät erstmals 1900 bei der Weltausstellung in Paris, wo es übrigens nicht nur beim österreichischen Kaiser Franz Joseph Begeisterung auslöste. Weiterentwickelt wurde die Erfindung erst einige Jahre später 1928 von einem Deutsch-Österreicher. Im Unterschied zu Poulsen verwendete dieser kein Stahlband, sondern ein mit Eisen beschichtetes Papierband und meldete schließlich ein Patent auf seine Erfindung an.

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Eine viel jüngere Erfindung aus Dänemark stammt von Lars und Jens Eilstrup Rasmussen. Jens studierte in Aarhus Computertechnik und Mathematik. 2003 begann er, zusammen mit seinem Bruder Lars an Where 2 Technologies zu tüfteln, ein Kartierprogramm als Prototyp ihres nächsten Programms namens Expedition. 2004 kaufte Google dieses Programm, aber die beiden Brüder wurden ebenfalls Teil des Google-Teams und waren an der Weiterentwicklung ihrer Software beteiligt. Bereits im Folgejahr eroberte Google Maps, basierend auf der Software des Brüderpaares, den Markt. Außerdem stammt der Google Maps Pin von Jens Eilstrup Rasmussen. Im Gegensatz zu anderen möglichen Formen verdeckt er so wenig wie möglich von der Karte und zeigt mit seiner Spitze präzise auf den gesuchten Punkt. Selbst das Museum of Modern Art in New York hat die ebenso einfache wie geniale Idee des Pins bemerkt und sich bereits ein Exemplar für seine permanente Ausstellung gesichert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Braunkäse

Der norwegische Tischler Thor Bjørklund ist der Erfinder eines Objekts, das aus den meisten nordischen Küchen nicht mehr wegzudenken ist und auch bei uns zu Lande den Käseliebhabern das Leben erleichtert. Bjørklund störte sich daran, dass sich sein brunost (süßer, brauner und für Norwegen typische Käse) nie in gleichmäßige und ordentliche Scheiben ließ. Inspiriert von seiner täglichen Arbeit am Holz baute er nach dem Vorbild seines Holzhobels kurzerhand einen Käsehobel. 1925 ließ er sich den Käsehobel patentieren und gründete 1927 die Firma Thor Bjørklund & Sønner AS, die bis 1975 insgesamt rund 50 Millionen von seiner Kreation hergestellt hat. 2009 wurde die Firma von einem Konkurrenten aufgekauft, aber Lillehammer dient bis heute als Produktionsort.

Tripp Trapp® Natural.

https://www.stokke.com

In den 60er und 70er Jahren sah es auf dem Kinderstühlemarkt sehr mau aus. Genauer gesagt mussten Kinder entweder auf Erwachsenenstühlen oder sehr niedrigen Kinderstühlen sitzen. Als der kleine Sohn des industriellen Desiners Peter Opsvik beginnt, aus seinem Kinderstuhl rauszuwachsen und bei Tisch auf einem Stuhl für Erwachsene sitzend und kaum über die Tischkante guckend nicht mehr am Familienleben am Esstisch teilnehmen kann, stellt er sich der  Herausforderung “Kinderstuhl”.  Er entwarf einen Kinderstuhl, der mit dem Kind wächst und sich durch seine verstellbaren Sitz-und Fußplatten an die Bedürfnisse jedes Kindes anpassen lässt. Außerdem wurde bei dem Design zusätzlich darauf geachtet, dass er stabil genug dafür ist, dass die Kinder selber auf ihren Platz klettern können. Aus der ursprünglichen Idee, es dem kleinen Thor zu ermöglichen, auf gleicher Ebene mit den Erwachsenen am Familienleben bei Tisch teilzuhaben, entwickelte sich etwas viel Größeres: bis heute wurden schon über 7 Millionen Tripp-Trapp-Stühle verkauft.

http://www.aerosolverband.de/spraydose

Erik Rotheim, ebenfalls Norweger, besitzt seit 1927 ein Patent, das die Grundlage für einen auch heute noch oft gebrauchten und in jedem Haushalt vorhandenen Gegenstand ist: die Spraydose. Eigentlich war er – wie kann es auch anders sein, bei den langen skandinavischen Wintern – auf der Suche nach einer besseren Möglichkeit, seine Ski zu wachsen. Dabei ging es ihm um ein möglichst effektives „Ausspritzen und Verteilen von Flüssigkeiten oder halbflüssigen Massen“ (so lautete sein Patent). Seine Erfindung blieb zunächst in Norwegen. Dank Richard und Alf Bjercke, die heute ebenfalls in diesem Zusammenhang genannt werden, machte die Spraydose bald auch größere Schritte innerhalb Norwegens und über die Grenze hinweg. Die beiden entwickelten die Idee weiter und produzierten bald Farb- und Lackspraydosen (wenn auch zunächst in eher kleinem Maßstab).

http://tech.wp.pl/

Finnischen klugen Köpfen verdanken wir nicht nur Nokia, sondern auch die SMSMatti Makkonen, Angestellter der finnischen staatlichen Telefongesellschaft, gilt als der Vater der Kurznachricht zwischen Mobiltelefonen. Seine eigentliche Aufgabe bestand darin, das GSM Mobilfunknetz zu standardisieren und es für die Bevölkerung interessant zu machen. Nach dem Vorbild der vor allem in den USA beliebten Paging-Dienste entstand dabei als Nebenprodukt die Idee, frei gewordenene Kapazitäten für Textnachrichten zu verwenden. Er selbst sagte, die Idee dazu entstand innerhalb einer Gruppe aus Technikern bei einer abendlichen Pizza und dänischem Bier. Ursprünglich nannten die Tüftler ihre Idee tekstinäppelin. Auf die Idee, ihre Erfindung patentieren zu lassen und damit Geld zu verdienen, kamen die Techniker allerdings nicht.

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http://www.finlande.nl

Arvi Lehti sei Dank fand eine weniger technische, dafür aber ebenfalls sehr praktische Erfindung ihren Weg aus Finnland in die Welt: der Reflektor. Der Landwirt erdachte in den 1950ern einen so einfachen wie genialen Weg zur besseren Sichtbarkeit in der Dunkelheit der langen finnischen Winter: Dreiecke aus reflektierendem Kunstoffmaterial, die er an seinen Kutschen und Fuhrwerken befestigte. Heute ist der Reflektor aus dem finnischen Winter nicht mehr wegzudenken. Er ermöglicht es Fußgängern, schon aus einer Distanz von 300 Metern gesehen zu werden, und es gibt kaum einen Finnen, der im Winter keinen stilvollen Reflektor an der Jacke trägt – schließlich ist der Reflektor heutzutage oft von ausgefallenem Design und wird zum schicken Accessoire. Seit 2003 ist das Tragen eines Reflektors in Finnland sogar gesetzlich vorgeschrieben.

https://fi.wikipedia.org/wiki/Maiju_Gebhard

Ein Teil der Küche, der hierzulande viel zu selten anzutreffen ist, beruht auf einer Idee von Maiju Gebhard. Der Gedanke hinter der in den 40er Jahren entstandenen und simplen aber genialen Idee des Geschirrabtopfschrankes ist wie folgt: Dadurch, dass das Geschirr nicht mehr von Hand abgetrocknet oder zum Trocknen in einen gesonderten Ständer gestellt werden muss, werden Platz und Zeit gespart. Form follows function war dabei der Grundsatz der Erfinderin. In Finnland finden sich Geschirrabtropfschränke auch heute noch in beinahe jeder Küche, ganz egal, ob im Studentenwohnheim, im Einfamilienhaus oder in der Teeküche der Firma.

 

 

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http://scienceblogs.de/deutsches-museum/

Eine der älteste Erfindung, die Fennoskandinavien zugeschrieben wird, ist ungefähr 5000 Jahre alt: die Schlittschuhe. Einen Erfinder im eigentlichen Sinne kann man dafür zwar nicht mehr benennen, aber es spricht einiges dafür, diese Erfindung den Finnen (die damals natürlich eigentlich noch keine Finnen waren) zuzuschreiben. Die Zahl der Seen pro Quadratkilometer in Finnland ist größer als an jedem anderen Ort der Welt. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Bewohner dieser Gegend, schon früh den Nutzen entdeckten, im Winter bei der Fortbewegung auf den gefrorenen Gewässern mit Gehhilfen Energie zu sparen. Entsprechende Experimente haben diese Vermutung bewiesen: der Energieverbrauch konnte auf Schlittschuhen um ca. 10 Prozent verringert werden. Immer wieder finden Archäologen außerdem Reste alter Schlittschuhe aus Knochen (von Rentieren, Kühen, Pferden).

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Von Kartierungssoftware bis Käsehobel – die klugen Köpfe aus Fennoskandinavien haben doch einiges zu bieten und wahrscheinlich bereichern sogar einige ihrer innovativen Ideen schon seit einiger Zeit unser eigenes Leben, ohne dass wir es wussten. Es lohnt sich also doch, hin und wieder hinter die Dinge zu blicken und mehr über ihren Ursprung zu erfahren. Wir halten jedenfalls weiterhin die Augen offen.

 

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Mareen

Mareen

Fühlt sich an vielen Orten zu Hause: in Süddeutschland, Finnland, Greifswald und sowieso überall, wo es Kaffee, spannende Geschichten und schöne Landschaften gibt. Seit kurzem für die Fennistik in Greifswald und vor allem interessiert an den Geschichten und Sprachen des Nordens – mit gelegentlichen Abstechern an andere bunte Orte der Welt.