Junge Literatur in Europa – und das literarische junge Europa in Greifswald

Schon zum 17. Mal trafen sich in Greifswald in diesem Jahr junge Autorinnen und Autorinnen zur Tagung „Junge Literatur in Europa“. Während der drei Tage tauschten sie sich über die Literatur und ihr eigenes Schreiben aus. Die Gespräche bei Lesungen, Diskussionsrunden und auch während der Kaffeepausen drehten sich um die unterschiedlichsten Themen und auch interessierte Gäste konnten mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen. Wir waren auch dabei und konnten vor allem viel Leseinspiration für den Winter mit nach Hause nehmen.

Auf dem Tisch im Studiensaal des Internationalen Begegnungszentrums der Universität Greifswald stapeln sich Tagungsbände aus den vergangenen 13 Jahren und im Festsaal ist alles vorbereitet, um die Gäste zur bereits 17. internationalen Autorentagung „Junge Literatur in Europa“ in Greifswald zu empfangen. Die Tagung wurde von der Hans Werner Richter-Stiftung ins Leben gerufen und soll jungen europäischen Stimmen die Möglichkeit geben, sich in freundschaftlicher Atmosphäre austauschen zu können – über Literatur und ihr eigenes Schreiben, aber auch über ihr gemeinsames Zuhause Europa, wie in diesem Jahr bei einer abendlichen Gesprächsrunde im Koeppenhaus. Bei der Tagung wirken nicht nur Autoren mit, sondern auch Journalisten, Verlagslektoren, Übersetzer und Literaturwissenschaftler.

Am Donnerstagnachmittag kommen zwei Busse aus Berlin voll mit Autorinnen und Autoren in Greifswald an und nach und nach füllt sich der Festsaal auch mit anderen Gästen und Zuhörern. Die Autoren sind aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands, aus Slowenien, Tschechien, Litauen, Österreich, der Schweiz, Finnland und Estland nach Greifswald gereist. So unterschiedlich ihre Herkunftsländer auch sein mögen, so sehr ist ihnen doch allen die Freude am Schreiben und das Interesse an der Literatur gemeinsam, wie sich schon bald herausstellen soll. Die folgenden Tage stehen ganz im Zeichen des Dialogs der Autorinnen und Autoren untereinander und mit den interessierten Zuhörern.

Die vorgelesenen Texte – Gedichte, Kurzprosa, Auszüge aus Romanen und poetologische Texte – begeistern, regen zum Nachdenken an und sind immer wieder Anlass für Gespräche über die Literatur, aber auch über das Schreiben selbst. Welche Rolle spielt Empathie beim Schreiben eines Textes? Darf ein Roman eine Moral enthalten? Und welche Verantwortung trägt der Autor beim Schreiben? Über das Schreiben selbst spreche ich mit der finnischen Tagungsteilnehmerin Anna Maria Mäki. Fünf ihrer Texte werden bald in studentischer Übersetzung auf Deutsch im aktuellen Band der Neuen Nordischen Novellen erscheinen. Sie schreibt Kurzprosa, hat aber in Zukunft auch Romanprojekte geplant. Eine ihrer Sammlungen – Virginian vaatteet – ist eine Sammlung aus mehreren kurzen Texten und wurde, wie sie uns im Autorengespräch selbst erzählt, von einem Kritiker als „Fotoalbum ohne Bilder“ beschrieben. Nach der Lesung frage ich nach, wie sie zum Schreiben kam und wie sie die Chancen einer normalen Studentin wie mir einschätzt, auch irgendwann etwas Vernünftiges zu Papier zu bringen. „Schreiben kann man lernen,“ sagt sie. Sie erzählt, dass in ihrer eigenen schriftstellerischen Entwicklung die Einzeltutorien in den Schreibkursen, die sie in Helsinki und Turku besucht hat, besonders hilfreich waren. Mit einem Gewächshaus vergleicht sie die Schreibkurse. Die Schriftsteller wachsen heran, entwickeln sich und ihr eigenes Schreiben weiter. Und irgendwann kommt der Gärtner – in diesem Fall natürlich ein Verleger – und pflückt die schönsten Blumen. Wie gut, dass Anna Maria auch gepflückt worden ist.

Wenn sich junge Stimmen aus Europa in Greifswald treffen, ist es aber natürlich auch wichtig, dass sie sich nicht nur über die Literatur austauschen, sondern auch davon ausgehend einen Bogen spannen zu ihrem gemeinsamen „Zuhause in Europa“. So lautet der Titel der Diskussionsrunde am zweiten Tag im Koeppenhaus. Sieben der Autoren sprechen mit Hans-Gerd Koch, Vorstand der Hans Werner Richter-Stiftung, darüber, was sie unter Heimat verstehen, und stellen sich und gleichzeitig dem Publikum die Frage, was Europa für sie bedeutet. Wie sieht Europa heute aus und wie könnte es in Zukunft sein? Die Autoren lesen Texte zu Europa – schaurig überspitzte Prophezeiungen, politische Texte, realistische Beschreibungen der europäischen Gegenwart. Welche Rolle spielt Kultur und vor allem die Literatur, wenn es darum geht, das Europa, wie wir es kennen und seine Werte rechtfertigen, auch in Zukunft zu bewahren? Kann Literatur ein Umdenken weg vom aktuellen Pessimismus bewirken oder zumindest dazu beitragen? Die Frage wird von Aleš Šteger aus Slowenien in den Raum gestellt. Eine Antwort finden wir an dem Abend nicht, aber vielleicht liefert sein Film Beyond Boundaries, der am 23. November in Berlin an der Akademie der Künste gezeigt wird, ja Antworten? Der Trailer weckt jedenfalls nicht nur bei den Autoren im Publikum im Koeppenhaus Interesse.

Aber nicht nur der Filmtrailer macht Lust auf mehr, sondern vor allem die Autorinnen und Autoren und ihre mitgebrachten Texte. Ich habe fleißig Autorennamen und Romantitel aufgeschrieben und nehme aus der Tagung eine lange Liste an Büchern mit, die ich unbedingt in nächster Zeit lesen möchte – und damit bin ich unter den Gästen nicht die einzige. Bleibt zu hoffen, dass auch die teilnehmenden Autorinnen und Autoren mit Inspirationen und neuen Gedanken nach Hause zurückkehren und uns vielleicht in Greifswald bald wieder zur Jungen Literatur in Europa besuchen.

Für alle, die sich über die diesjährigen Teilnehmer informieren möchte oder noch literarische Weihnachtsgeschenke sucht, ist hier das Programm zum Download.

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Mareen

Mareen

Fühlt sich an vielen Orten zu Hause: in Süddeutschland, Finnland, Greifswald und sowieso überall, wo es Kaffee, spannende Geschichten und schöne Landschaften gibt. Seit kurzem für die Fennistik in Greifswald und vor allem interessiert an den Geschichten und Sprachen des Nordens – mit gelegentlichen Abstechern an andere bunte Orte der Welt.