IKI-hi-krrr-kri-krikri-krrr-kri

Einige von euch haben vielleicht das ein oder andere Konzert beim diesjährigen Nordischen Klang besucht und wissen noch, was sich hinter diesen drei Buchstaben verbirgt – IKI.

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Die Gruppe (ganz recht, dies ist ein Beitrag zum Ensemble IKI – zu anderen Bedeutungen, wie einer litauischen Einzelhandelskette, siehe hier.) besteht aus einer wechselnden Anzahl junger Frauen, die alle aus den verschiedensten Ecken Nordeuropas stammen. Kennengelernt haben sie sich am Rhythmic Music Conservatory in Kopenhagen. Ihr erstes Album schaffte es auf den ersten Platz des Danish Music Award 2011. Kürzlich erschien ihr zweites, Lava. Schwer zu sagen, ob ihr Konzert das beste des diesjährigen Klanges war, das ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Zweifellos war es aber das merkwürdigste und beeindruckendste.

Ich als Laie würde das, was IKI machen, als experimentelle Musik bezeichnen. Möglicherweise gibt es schon so etwas wie wiederkehrende Elemente oder eine bestimmte Technik, der sie sich bei ihren Auftritten bedienen. Nichtsdestotrotz ist alles, was sich während ihres Auftritts auf der Bühne ereignet, Improvisation. Sie wissen weder am Tag davor, wie der Auftritt ablaufen wird, und auch dann noch nicht, wenn sie die Bühne betreten. Es gibt keinen Plan. Als ich mich nach dem Auftritt mit ihnen unterhielt, sagte mir eine von ihnen sogar, dass sie den Rest der Gruppe nicht einmal gekannt habe, bevor sie in Greifswald angekommen sei. Sie sei für jemanden eingesprungen und  neu in der Gruppe. Respekt!

Vielleicht sind die gelegentlichen kurzen, aber deutlichen Pausen zwischen zwei Stücken der Improvisitation geschuldet. Es sind Pausen, die nicht stören. Vielmehr stützen sie noch die merkwürdige Atmosphäre und tragen zur Lebendigkeit der Musik bei. Die einen lassen die vernommenen Töne auf sich wirken, die anderen sind froh, ihren Ohren die verdiente Verschnaufpause zu gönnen. Ich zähle mich zu der ersten Gruppe dazu.

Letztendlich macht jede Pause doch irgendwann eine Pause und gibt Raum frei für IKIs Stimmen. Es handelt sich dabei nicht um das, was man landläufig als „singen“ bezeichnet. Manche würden wohl lieber das Wort „Katzenjammer“ gebrauchen. IKIs Musik ist kein gewöhnlicher Gesang. Eine oder mehrere Sängerinnen beginnen, Laute von sich zu geben, von welcher Art auch immer sie seien, und die anderen stimmen auf ihre Art und Weise ein. Nicht in jedem Fall kann der Zuhörer Wörter heraushören – ganz zu schweigen von ihm verständlichen, bekannten Wörtern. Sie erzeugen mit ihren Sprechorganen vornehmlich solche Laute, die zumindest nicht im Wortschatz der Sprachen vorkommen, die ich spreche. Gänzlich unbekannt sind sie unseren Ohren aber dennoch nicht. Wir gähnen, wir rülpsen, wir schnalzen mit der Zunge, mit den Lippen, pusten, lachen ein glückliches oder gehässiges Lachen, zischen und in vielen Fällen signalisieren wir unserem Gegenüber etwas damit. Zuneigung, Ironie, Angst oder etwas anderes, auch wenn uns das gar nich bewusst ist oder wir auch gar nicht wissen, was wir damit eigentlich sagen wollen. Was soll der Mist hier, pfff, komm, Alter, lass gehen, gähnende Langeweile, ich schnalz einfach n bißchen rum, wrrrrauuu, ey lass mich bloß in Ruhe. Euch fallen bestimmt noch treffendere Beispiele ein. Was ich damit sagen will: Sprache ist mehr als nur das, was in Grammatiken steht. Sprache findet auch außerhalb des Phoneminventars der gesprochenen Sprache statt, und ich rede nicht von Körpersprache. Es ist beeindruckend, was man mit wenigen Lauten alles ausdrücken kann. Die Sängerinnen finden in jedem Lied neu zu einander. Es mag alles völlig zusammenhangslos klingen und wirken, aber in Wirklichkeit ist es das nicht. Jede von ihnen bekommt eine bestimmte Rolle, die aus dem In-Kontakt-Treten mit den anderen entsteht und sich verändern kann. Es ergibt sich jedes Mal eine kleine Geschichte, so wie im echten Leben Sinn und Inhalt durch das In-Kontakt-Treten mit der Welt gestiftet werden. Auf diese Weise ähnelt IKIs Bühnenkunst häufig mehr einem Teaterstück als einem Lied.

 Wenn der Zuhörer nicht an solche Musik gewöhnt ist und sie nicht einmal erwartet, kann sie langweilig, gar abstoßend auf ihn wirken. Der Durchschnittsmensch hat wohl einen anderen Begriff von Musik und einem Lied. Ein Lied besteht aus Wörtern, die zusammen eine Bedeutung ergeben, es gibt klare Melodien, einen Höhepunkt, und ein Lied muss vor allem eins sein: schön und wohlklingend. Nicht alle diese Kriterien findet man in IKIs Musik wieder. Dementsprechend sagte eine Frau, die eine Reihe hinter mir saß, mit gelangweilter Stimme zu ihrem Sitznachbarn oder zu sich selbst: „Jetzt sing doch einmal richtig, Mädel!“ Aber IKIs Auftritte sollte man besuchen, ohne Erwartungen zu haben. Dann kann das, was man dort zu hören und sehen bekommt, interessant und lustig sein. Es liegt etwas Erneuerndes in ihrer Musik, dem man sich erst öffnen muss, das dann aber unsere Kreativität entfesselt.

Schaut auf ihrer Homepage vorbei und seht, was sie selbst über sich schreiben!

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Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.