Herzstein | Hjartasteinn

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Der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson hat schon viele Preise im Kurzfilmbereich gewonnen. Bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen fand die Deutschlandpremiere seines Spielfilmdebüts Hjartasteinn (dt. Herzstein) statt. Der Film konnte nicht nur die Zuschauer überzeugen, sondern auch die Jury, sodass der NDR Filmpreis, der mit 12.500 Euro am höchsten dotierte Preis, dieses Jahr an Hjartasteinn und somit nach Island ging.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Der Film spielt in einem kleinen und abgelegenen Fischerdorf in Ostisland und er beginnt so, wie man sich das Leben dort vorstellt. Die Möwen kreisen in der Luft und krähen lautstark, während vier sichtlich gelangweilte Jungen am Wasser in der Sonne liegen und nach einer Weile mit einer Schnur Fische fangen. Sie fangen sie aber nicht nur, sondern töten sie mit Schlägen und Tritten und nehmen sie mit bloßer Hand aus. Der Zuschauer darf das Spektakel mit wechselnden Nahaufnahmen der Gesichter, der Hände und der Fische mitverfolgen. Manche wenden bei dem blutigen Anblick ihr Gesicht von der Leinwand ab. Der Übergang von der stillen Idylle der ersten Sekunden hin zu dieser Brutalität kommt unerwartet, bereitet einen aber schon darauf vor, dass dies ein Film ist, der genau von solchen Kontrasten lebt: laut – leise, Sanftheit – Gewalt, enge Dorfgemeinschaft – weite Landschaft, Heterosexualität – Homosexualität… Die Liste ist lang.

Das Verhältnis zwischen den Erwachsenen, besonders den Eltern, und den Kindern im Dorf wird gleich in der zweiten Szene definiert. Thor (Baldur Einarsson), der Protagonist, bringt die von ihm gefangenen Fische mit nach Hause, aber seine Mutter, die rauchend an der Tür steht, unterstellt ihm, dass er die Fische geklaut hätte und sie anlügen würde. Das schwierige Verhältnis zwischen den Generationen durchzieht den ganzen Film, wobei die Erwachsenen in diesem Film eigentlich kaum selber auftreten. Sie sind für die Kinder keine Bezugs- und Vertrauenspersonen. Wenn sie in Szenen zu sehen sind, dann meist in Verbindung mit Streit, körperlicher Gewalt, Trunkenheit oder sexueller Freizügigkeit. Dass ihre Kinder bei Freunden übernachten, nachts heimlich Gäste haben oder sie alleine mit gestohlenen Pferden campen gehen, das fällt keinem von ihnen auf.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Die beiden Hauptcharaktere im Film sind Thor und Kristján (Blær Hinriksson). Sie sind beste Freunde und die Beziehung zwischen den beiden wird bereits von Thors Familie und Freunden charakterisiert, bevor Kristján seinen ersten richtigen Auftritt hat. Am Abendbrottisch fragt die Mutter Thor, ob er denn schon eine feste Freundin habe, worauf die Schwestern lachen und ihn ärgern wollen, indem sie sagen, dass er wohl eher einen festen Freund habe. Im Imbiss werden die beiden später von anderen Jugendlichen mit den Worten „Da kommt das glückliche Paar!“ hämisch lachend begrüßt. In der Tat ist es so, dass es zwischen den Jungen immer wieder zaghafte Annäherungsversuche gibt, für die sich der Film viel Zeit nimmt. Während Kristján sich aber wirklich in seinen besten Freund verliebt, kommentiert Thor die von ihm ausgehenden und von Kristján nicht abgewehrten intimen Berührungen mit einem scherzhaften „Ihhh, du Schwuchtel, du magst das!“.
Thor, der gerne vor dem Spiegel steht und die Muskeln anspannt, nach Achsel- und Schamhaar sucht und das Küssen an seinem Spiegelbild übt, kann es offensichtlich kaum erwarten, endlich ein „richtiger“ Mann zu werden und dazu gehört für ihn eine Beziehung, der erste Kuss und das erste Mal. Er hat sich Beta (Diljá Valsdóttir) als potenzielle Partnerin ausgesucht und Kristján hilft ihm trotz seiner eigenen Gefühle dabei, ihr Herz zu gewinnen.

Das Wunderbare an den Nordischen Filmtagen ist, dass man aus erster Hand Informationen über den Film und den Drehprozess erfahren kann, die einem andere Blickwinkel auf den Film bieten. In Lübeck war an diesen Tagen der Regisseur und Drehbuchautor anwesend, um sich nach der Vorstellung einigen Fragen zu stellen. Zuerst wird die besondere Rolle der Landschaft beleuchtet. Der 1982 geborene Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson erzählt, dass man in seiner Jugend, also in den 90er-Jahren (in denen auch der Film spielt), in Island weder über Homosexualität noch als Junge über seine Gefühle offen reden durfte. Er selber habe oft die Nähe zur Natur gesucht, um dort seine Gefühle auszuleben und ihnen Ausdruck zu verleihen. Glücklicherweise habe die isländische Gesellschaft mittlerweile aber größtenteils ihre feindliche Haltung gegenüber Homosexuellen abgelegt, fügt er hinzu.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Ähnlich wie in seiner Jugend dient auch Thor und Kristján die Natur als Raum, in dem sie sich ausprobieren und ihren Gefühlen freien Lauf lassen können. So finden beispielsweise die ersten körperlichen Annäherungen zwischen ihnen auf einem abgelegenen Schrottplatz mit dem Meer und Bergen als Kulisse statt. Ein besonders markantes Ereignis ist der heimliche Campingtrip, den Thor und Kristján zusammen mit Beta und ihrer besten Freundin unternehmen. Als die anderen beiden vermutlich schlafen, haben Thor und Beta ihren ersten Kuss. Thor bemerkt aber, dass Kristján, der neben Beta liegt, sie heimlich beobachtet. Nach einem kurzen zögern reicht er ihm – unbemerkt von Beta – seine Hand und so schlafen die beiden Händchen haltend mit Beta zwischen ihnen ein. Am nächsten Morgen geht Kristján alleine baden. Er ist sichtbar überfordert mit seinen Gefühlen, taucht unter und gibt dann unter Wasser mit geballter Faust einen Schrei von sich, der für die anderen nicht hörbar ist. In der Zwischenzeit hat Kristjáns Vater sie gefunden und wird seinem Sohn gegenüber verbal und körperlich ausfallend. Nachhallend bleiben einem die vermeintlich hilfreichen Worte „Hör einfach auf, so komisch zu sein. Dann wird alles gut.“ von Thor in Erinnerung. Seine ersten zurückweisenden Worte Kristján gegenüber.

Im Laufe des Filmes gibt es viele kleine Momente, in denen man merkt, dass es auch Kristján dämmert, dass er tatsächlich schwul sein könnte. In einem schwulenfeindlichen Dorf mit einem Vater, der angeblich einen anderen Mann wegen dessen Homosexualität so stark verprügelt haben soll, dass dieser das Dorf verlassen und nach Reykjavik flüchten musste, nicht das einfachste Los. Als Kristján das ständige Streiten seiner Eltern nicht mehr erträgt, will er zu Thor flüchten. Der ist jedoch gerade bei Beta und erlebt dort mit ihr sein erstes Mal, weshalb er nur Thors Schwester antrifft. Als sie ihn mit den Worten „Es ist okay, wenn du wirklich schwul bist.“ verabschiedet, brechen bei ihm alle Dämme und er fasst einen schrecklichen Entschluss.

Am Ende stellt sich die Frage, warum der Film vorranging die Geschichte von Thor und die Erlebnisse aus seiner Sicht erzählt, wenn Kristján offensichtlich ein schwerwiegenderes Schicksal hat. Diese Entscheidung sei laut Guðmundur Arnar Guðmundsson aus zwei pragmatischen Gründen getroffen worden: er könne sich mehr mit Thor identifizieren und der Film wäre zu düster geworden, wenn man sich auf Kristjáns Leben konzentriert hätte. Mit dem Fokus auf Thor werden die schweren Szenen zwischendurch immer wieder von leichten Momenten aufgelockert. Herzstein gehört mit 127 Minuten eindeutig zu den längsten Filmen des Festivals, aber trotzdem hat jede Szene einen berechtigten Platz und trägt zu der organischen Entwicklung der Filmgeschehnisse bei.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.