Finnland in Bildern – das Land der 1000 Seen vor 100 Jahren

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Ein altes Fotoalbum, das das damalige Greifswalder Institut für Finnlandkunde seinerzeit vom finnischen Außenministerium überreicht bekam und das daraufhin lange Jahre, gut versteckt in einem dunklen Winkel der kleinen Fachbibliothek, im Verborgenen gelebt hat, ist kürzlich wieder zu Tage getreten.

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Das Institut für Finnlandkunde bestand unter diesem Namen von 1922 bis 1945, folglich muss die Schenkung innerhalb dieses groben Zeitraumes stattgefunden haben. Das Album enthält ein Foto des finnischen Präsidenten Risto Ryti, dessen Amtszeit in die Zeit zwischen dem 19. Dezember 1940 und dem 1. August 1944 fiel. Bei dem Foto handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Zeitschrift Suomen Kuvalehti Nr. 1/1941, es ist also zu Beginn von Rytis Amtszeit als Präsident entstanden. Das Bild dürfte allerdings nachträglich dem Album beigelegt worden sein. Allein stilistisch hebt es sich als Zeitungsausschnitt von den sonstigen Fotos ab.
Ein anderes Foto zeigt den ersten Präsidenten Finnlands, K. J. Ståhlberg. Die Beschriftung lautet „Der Reichspräsident Ståhlberg“, was suggeriert, dass Ståhlberg gerade Präsident war, als das Institut für Finnlandkunde das Album überreicht bekam. Anderenfalls hätte das Bild mit „Der ehem. Präsident“ oder „Der erste Präsident“ beschriftet werden können, um darauf hinzuweisen, dass Ståhlberg zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr Präsident war. So wurde auch bei der Beschriftung der Bilder des „gewesenen Reichsvorstehers P. E. Svinhufvud“ und des „gewesenen Reichsvorstehers, General K. G. Mannerheim“ verfahren. Mit „Reichsvorsteher“ ist das Amt des „Reichsverwesers“ gemeint. Svinhufvud und Mannerheim waren Reichsverweser in den Jahren 1918 und 1919. Daran schloss sich vom 25. Juli 1919 bis zum 2. März 1925 Ståhlbergs Amtszeit als Präsident an. Stammt das Album demzufolge aus den Jahren 1922 bis 1925? Und falls ja, wann sind die Fotos entstanden? Abgesehen von den vereinzelten Aufnahmen historischer Ereignisse wie dem Einzug der finnischen Weißen Armee in Helsinki am 16. Mai 1918 ist das kaum zu sagen. Die Inventarisierungsnummer des Albums liefert allerdings ein weiteres Indiz. Zwar ist just der betreffende Invetarisierungsband seit dem 2. Weltkrieg verschollen, erhaltene Anschlussbände mit höheren Inventariesierungsnummern deuten jedoch darauf hin, dass das Geschenk des finnischen Außenministeriums vom Beginn der 20er Jahre stammt. Es ist nicht auszuschließen, dass es zur Institutsgründung überreicht wurde.

Wer auch immer das Album zusammengestellt hat, war so freundlich, die Bilder zu beschriften. Bemerkenswert ist der Umgang mit den finnischsprachigen Ortsbezeichnungen. Mal sind sowohl die finnische als auch die schwedische Form gegeben, teils mit der finnischen  an erster Stelle und der schwedischen in Klammern, teils umgekehrt, mal gibt es nur die finnische oder auch nur die schwedische.  In Finnland gab es damals wie heute zwei Amtssprachen – Finnisch und Schwedisch. Die Beschriftung der Fotos ist wohl zweierlei motiviert. Durch die Verwandtschaft von Deutsch und Schwedisch sind die schwedischen Namen für Deutschsprachige durchsichtiger und verständlicher als die finnischen. Andererseits wollte man den Betrachter der Bilder vielleicht an die finnischen Namen heranführen.
Wir haben in etwa die Hälfte der Fotos ausgewählt und uns größtenteils an die schon vorhandenen Beschriftungen gehalten, manches jedoch etwas umformuliert, teils zur Korrektur von Rechtschreib- oder Grammatikfehlern. So sind aus den „Renntieren“ schließlich doch noch Rentiere geworden und die „Landschaft aus Saarijärvi“ ist nun die „Landschaft bei Saarijärvi“.

Letztendlich sind ja die Bilder das eigentlich Spannende an dem Fund. Beinahe hundert Jahre Abstand führen uns vor Augen, was sich seit jener Zeit verändert hat in Finnland. Während beispielsweise Sörnäinen heute nicht mehr „bei Helsinki“ liegt, sondern mittendrin (wobei es genau genommen auch damals schon zu Helsinki gehörte), trat Finnland Petsamo und Viipuri im  Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion ab. Doch es gibt auch viel Amüsantes zu entdecken, wie z.B. das „Frauenturnen“ oder das „Touristenlager in Lappland“, das vielleicht damals wie heute weniger Touristen anlocken würde als vielmehr Abenteurer.

Die Bilder variieren von Landschaftsphotographien über Aufnahmen von den sich entwickelnden Städten und des Landlebens zu Fotos von bedeutenden Persönlichkeiten und dem Militär. So wollte der junge Nationalstaat Finnland sich darstellen:

Romantische Natur, florierende Städte, kulturelle Errungenschaften,
tragende Landwirtschaft und Industrie, prächtige Gebäude, tüchtige Menschen
und eine starke vertrauenswürdige Armee!

Aber seht selbst – viel Spaß mit der Galerie!

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Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.