Finnisch färbt ab

Repovesi Nationalpark in Finland (Quelle: Wikimedia Commons)

Repovesi Nationalpark in Finland (Quelle: Wikimedia Commons)

Nach dem Ursprung ihrer Finnlandbegeisterung befragt, antworten Finnlandfreunde egal welchen Alters immer wieder, Finnland habe sie schon nach einer ersten intensiven Begegnung nie wieder losgelassen. Oftmals heißt es dann metaphorisch, man sei vom „Finnlandvirus infiziert worden“. Dass eine Begegnung mit Finnland hartnäckige Spuren im Gemüt hinterlassen kann, ist also wohlbekannt. Wie sieht es aber mit der Sprache aus? Hinterlässt das angeblich so anders- artige Finnische Spuren in der Sprache deutscher Muttersprachler, wenn sie sich z.B. über Jahre hinweg in Finnland aufgehalten haben und partiell zweisprachig geworden sind? Kann es also sein, dass das Finnische abfärbt, wie in dem folgenden Beispiel angenommen:

Fi: Viime yönä näin ihanan unen.
Dt: „farbecht“ klänge es so: Letzte Nacht hatte ich einen schönen Traum.
Dt: „abgefärbt“ jedoch so: Letzte Nacht habe ich einen schönen Traum gesehen.
nähdä unta —> wörtlich: einen Traum sehen —> eigentlich: träumen, einen Traum haben

In meiner Masterarbeit „Finnisch-Deutscher-Transfer; Untersuchungen zu rückgerichteten Interferenzerscheinungen im Sprachgebrauch in Finnland lebender Deutscher“ wollte ich der Frage nachgehen, welchen Einfluss eine fremde Sprache, auch wenn sie nur als Zweit – oder Drittsprache erlernt wurde, auf die Muttersprache haben kann. Dieses Phänomen der Veränderung sprachlicher Elemente, die sich am Vorbild einer anderen Sprache orientiert, nennt man Interferenz. Man könnte nun denken, Interferenzen seien Fehler. Allerdings sind die von der Norm abweichenden sprachlichen Gebilde durchaus nicht immer „falsch“, sondern können auch als eine kreative Form des Umgangs mit der Sprache angesehen werden.
Interferenz kann in allen sprachlichen Bereichen auftreten, z.B. in der Aussprache. Das merkt man zum Beispiel daran, dass Buchstaben oder Buchstabenkombinationen völlig untypisch ausgesprochen werden. Man spricht dann von einem Akzent, z.B. wenn ein Finne das „ö“ in mögen genauso ausspricht wie das „ö“ in möchten. Auch in der Grammatik können sich Strukturen einschleichen, die in den Ohren eines Muttersprachlers seltsam klingen, z.B. Ostan maitoa kaupasta. —> wörtlich: Ich kaufe Milch aus/von dem Geschäft. —> eigentlich: Ich kaufe Milch im Geschäft.
Interferenz kann auch im Wortschatz und in Redensarten auftreten. Es werden z.B. Wörter oder Wortgruppen an der finnischen Entsprechung orientiert übersetzt: ilotulitus —> wörtlich: Freudenfeuer —> eigentlich: Feuerwerk.
Um herauszufinden, welchen Einfluss das Finnische auf den Wortschatzgebrauch in Finnland lebender Deutscher haben kann, habe ich zwei Fragebögen entworfen, deren Beispielsätze und Bilder Interferenzen verursachen sollten. An der Beantwortung der Fragebögen haben insgesamt 40 Personen im Alter zwischen 16 und 77 Jahren teilgenommen. Die Teilnehmer sind alle in Deutschland geboren und sind aus unterschiedlichen Gründen nach Finnland ausgewandert. Die meisten sprechen Finnisch nach eigener Einschätzung gut bis sehr gut und wenden auch im Alltag, also im Beruf und in der Freizeit häufig die finnische Sprache an. Ihnen wurden insgesamt 112 lexikalische Interferenzverursacher präsentiert. Von denen riefen 74 tatsächlich eine normabweichende Antwort hervor. Insgesamt sind allerdings nur 4,55% der erwarteten Interferenzen tatsächlich aufgetreten. Das „Traum sehen“ und das „Freudenfeuer“ gehörten dazu. In einigen Bereichen häuften sich die Abweichungen. Diese Vokabeln sind in der unten abgebildeten Grafik aufgeführt.

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Hier einige Beispielantworten zur Veranschaulichung:

  • Vaaletukkainen nainen laittoi o-aukkoisen paidan päälleen. —> wörtlich: Die blonde Frau zog sich ein Shirt mit einem ”O-Ausschnitt” an. —> eigentlich: Die blonde Frau zog ein T-Shirt an, das einen Rundhalsausschnitt hatte.
  • Apulaislääkäri ei tiennyt mitään taudista. Hän oli oikein keltanokka —> wörtlich: Der Hilfsarzt wusste nichts von der Krankheit. Er war eine richtige Gelbnase. —> eigentlich: Der Assistenzarzt wusste nichts von der Krankheit. Er war ein richtiger Grünschnabel.
  • Verotoimiston työntekijä otti kopiot kaikista asiapapereistani. —> wörtlich: Der Angestellte im Steuerbüro nahm Kopien von all meinen Sachpapieren. —> eigentlich: Der Angestellte im Steueramt machte von allen meinen Unterlagen Kopien.

Neben den erwarteten Antworten gab es auch jene, die überraschend, originell und äußerst komisch waren. Zwar kein Beispiel für eine Interferenz, aber durchaus erwähnenswert ist die folgende Antwort eines Teilnehmers: Durch ein Bild, auf denen Handschellen abgebildet waren, wollte ich die wörtliche Übersetzung in Handeisen nach dem finnischen Muster käsiraudat provo- zieren. Die Testperson identifizierte die Handschellen jedoch als Eheringe [?!].
Auch die Übersetzung eines Herren, der ripsi ‘Wimper’ und rapsi ‘Raps’ sowie luomi ‘Augenlid’ und luomu Abkürzung f. luonnonmukainen ‘natürlich’ (entspricht im Deutschen etwa BIO, bei Produkten aus ökologischem Anbau) zu verwechseln schien, war unfreiwillig komisch:

  • Vaimoni ostaa kemikaaliosastosta ripsiväriä ja luomiväriä. Teilnehmer: Meine Frau kauft Raps – und Biofarbe aus der Chemikalienabteilung. Eigentlich: Meine Frau kauft Wimperntusche und Lidschatten aus der Drogerieabteilung.

Als echter Interferenzbeleg kann in diesem Beispiel freilich nur die Chemikalienabteilung dienen. Als Ergebnis meiner Untersuchung kann ich sagen, dass das Finnische sehr wohl „abfärbt“. Einmal mehr, einmal weniger. Es stellte sich heraus, dass das Auftreten von Interferenzen aber in jedem Fall ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ist. Der Sprachkontakt zur anderssprachigen Gruppe allein reicht nicht aus, um Interferenz zu erklären. Auch die sprachliche Identität, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, die Sprachbeherrschung der Fremdsprache Finnisch und die Sprachbeherrschung der Muttersprache können durchaus wichtige Kriterien sein. Interferenz ist jedoch in hohem Maße situationsgebunden. Zudem hängt sie offensichtlich auch vom Sprechertyp ab. Ähnlich kennen wir ist es ja auch von unseren Regionalsprachen, der eine „berlinert“ schon nach einem kurzen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt, den anderen lässt die sprachliche Umgebung auf Dauer nahezu unberührt.

(Die Autorin Janine Bachmann M.A. studierte im Masterstudiengang Fennistik” der Uni Greifswald.)

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