Ein Sprachexperiment zum Normenverständnis im Litauischen

Seit zwei Jahren gibt es an der Universität Greifswald den Studiengang M.A. Sprachliche Vielfalt/Language Diversity, der die Linguistik anglophoner, baltischer, finnischer, skandinavischer und slawischer Kulturen miteinander verbindet. Das Studium besteht aus insgesamt drei Säulen: Allgemeine Theorien und Methoden, Schwerpunktbereich und Profilierungsbereich. Der Schwerpunktbereich entspricht dabei der bereits im Bachelorstudium studierten Philologie und im Profilierungsbereich können wahlweise Kenntnisse einer zweiten bereits studierten Philologie vertieft oder eine neue Philologie von den Studenten gewählt werden.
Vor wenigen Tagen konnte der Masterstudiengang seine erste Absolventin hervorbringen. Greta Onusait hatte im Schwerpunktbereich Baltistik und im Profilierungsbereich Skandinavistik studiert. In ihrer Master-Arbeit beschäftigte sie sich mittels eines Sprachexperiments mit dem Normverständnis im Litauischen.

 

Masterarbeit – Ein Sprachexperiment zum Normenverständnis im Litauischen
Greta Onusait

In meiner Masterarbeit habe ich versucht, das Normenverständnis sowie die Grenzen der sprachlichen Normen, unter Berücksichtigung der Korrektheitsvorstellungen, mittels eines Sprachexperiments zu ergründen, das auf dem berühmten Tassenexperiment (1973) von William Labov basiert. In seiner Untersuchung lag der Fokus auf dem Gebrauch von Wörtern. Es ging bei dem Experiment um Bezeichnungen von Tassen und Tassen ähnlichen Objekten sowie um die Verwendung von Begriffen, wie u.a. Schüssel, Becher, Vase, Krug und selbstverständlich Tasse. Labov interessierte sich für den Nachweis eines Prototyps unter verschiedenen Vertretern. Um das zu untersuchen, legte er Probanden verschiedene Zeichnungen vor, und diese sollten angeben, um was für ein Gefäß es sich handelt.
In meinem Sprachexperiment ging es um die Einschätzung von mehreren Sätzen. Ich habe einen litauischen Satz, der morphologisch, syntaktisch und auch lexikalisch korrekt war, sukzessive verändert, indem ich verschiedene Fehler eingebaut habe. Beispielsweise fügte ich Entlehnungen ein, verkürzte oder entfernte Prä- sowie Suffixe oder verwendete Präpositionen mit einem falschen Kasus:

1. Der Ausgangssatz: Jis paima svogūną iš maišo ir pradeda jį pjaustyti. Siaubas, kaip ašaroja
akys!
(„Er nimmt eine Zwiebel aus dem Sack und beginnt sie zu schneiden. Wie schrecklich
die Augen tränen!“)

2. Jis paima svogūną iš maišo ir praded jį pjaustyti. Siaubas, kaip ašaroja akys!
(verkürzte Endung: „pradeda“ – „praded“)

3. Jis paima svogūną iš maišo ir praded jį pjaustyt. Siaubas, kaip ašaroja akys!
(verkürzte Endung: „pjaustyti“ – „pjaustyt“)

4. Jis paima svogūną iš maišo ir praded jį pjaustyt. Siaubas, kaip ašaroj akys!
(verkürzte Endung: „ašaroja“ – „ašaroj“)

5. Jis ima svogūną iš maišo ir praded jį pjaustyt. Siaubas, kaip ašaroj akys!
(Präfix entfernt: „paima“ – „ima“)

6. Jis ima cibulį iš maišo ir praded jį pjaustyt. Siaubas, kaip ašaroj akys! (standardsprachliches Substantiv „ svogūną“ durch die weißrussische Entlehnung „cibulį“ ersetzt)

7. Jisai ima cibulį iš terbos ir praded jį pjaustyt. Siaubas, kaip ašaroj akys!
(„jis“ durch „jisai“ ausgetauscht, standardsprachliches Substantiv „maišo“ durch die weißrussische/polnische Entlehung „terbos“ ersetzt)

8. Jisai ima cibulį iš terbos ir praded jį pjaustyt. Košmaras, kaip ašaroj akys!
(standardsprachliches Substantiv „siaubas“ durch französische Entlehnung „košmaras“ ausgetauscht)

9. Jisai ima cibulį nuo terbos ir praded jį pjaustyt. Košmaras, kaip ašaroj akys!
(falsche Präposition in Verbindung mit dem richtigen Kasus: „iš“ – „nuo“)

10. Jisai ima cibulį nuo terbas ir praded jį pjaustyt. Košmaras, kaip ašaroj akys!
(Veränderung des Kasus: „terbos“ – „terbas“)

11. Jisai im cibulį nuo terbas ir praded jo pjaustyt. Košmars, kaip ašaroj akys!
(Entfernung und Verkürzung der Endungen: „ima“ – „im“, „košmaras“ – „košmars“, „jį“ gegen „jo“ ausgetauscht)

Diese Sätze habe ich litauischsprachigen Personen verschiedenen Alters, verschiedener Sprachfähigkeit und verschiedener nationaler Identität vorgestellt. Ideal wären 90 Probanden gewesen, aber bedauerlicherweise haben nur 55 teilgenommen. Sie sollten die unterschiedlichen Varianten anhand von neun Eigenschaften, wie z.B. „Schriftsprache“, „würde ich auch so sagen“ und/oder „fehlerhaft“ bewerten. Dabei hatten sie die Möglichkeit, bei jeder einzelnen Eigenschaft mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten.
Die Analyse der Ergebnisse lieferte Erkenntnisse über bestimmte Häufungen, und man konnte Aussagen über Tendenzen in Bezug auf die Korrektheitsvorstellungen, das Normenverständnis und die Grenzen der Normen in der litauischen Sprache treffen. Mit fortlaufenden Verschlechterungen und daher mit steigender Inkorrektheit der Sätze hat die Akzeptanz abgenommen. Man könnte damit argumentieren, dass die Korrektheit Einfluss auf das Normenverständnis nimmt und es dementsprechend auch begrenzt. Aufgrund dessen, dass kein Satz eindeutig als „fehlerhaft“ bewertet wurde, ohne dass es Zustimmungen für „würde ich auch so sagen“ und/oder „Schriftsprache“ gegeben hat, sind die Grenzen bezüglich des Verständnisses der sprachlichen Normen jedoch unscharf.
Der Ausgangssatz ist die korrekteste Version der elf Sätze (nach den Richtlinien der Sprachkommission Litauens) und wurde als besonders „schön“ empfunden. Die darauf folgenden Sätze, besonders die letzten beiden (die inkorrektesten Varianten), entsprachen eher weniger den Korrektheitsvorstellungen der Probanden. Kleinere Fehler wie verkürzte Endungen oder Kasusfehler wurden tendenziell mehr toleriert als beispielsweise Lehnwörter. Es war interessant zu beobachten, wie die Befragten auf Entlehnungen reagiert haben. Zusätzlich zu den zuvor getätigten Veränderungen wurde ab dem sechsten Satz ein Lehnwort aus dem Weißrussischen verwendet, und ab diesem  Satz stieg die Zustimmung für die Eigenschaft „fehlerhaft“ markant an. Neben den Kasusfehlern sowie falsch verwendeten Präpositionen könnten Entlehnungen daher ebenso Beachtung bei den Korrektheitsvorstellungen finden und das Normenverständnis beeinflussen oder auch begrenzen. In diesem Zusammenhang könnte die Geschichte Litauens eine wichtige Rolle spielen.
Das Sprachexperiment kann selbstverständlich noch ausgeweitet werden, indem beispielsweise das Alter und das Geschlecht mit in die Auswertung einbezogen werden. Darüber hinaus kann man sich noch intensiver mit Aspekten wie der Identität beschäftigen und die Untersuchung parallel in verschiedenen Sprachen durchführen.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.