Ein Haus im Wald

Der 2015 erschiene schwedische Film „Granny’s Dancing on the Table“ schildert eindringlich die Familiengeschichte der 13-jährigen Eini, die fernab der Zivilisation bei ihrem gewalttätigen Vater aufwächst. Regisseurin und Drehbuchschreiberin ist die Schwedin Hanna Sköld. Der Film wurde teilweise über Crowfunding ermöglicht. Im interessanten Genremix wechseln sich Trickfilm- und Realfimszenen ab.

grannys dancing on the tableEini (Blanca Engström) wächst isoliert in der Wildnis Schwedens mit ihrem alleinerziehenden Vater (Lennart Jähkel) auf, der auch ihren einzigen menschlichen Bezugspunkt bildet. Ihr Vater, dessen Lebensgeschichte und Psychologie durch die Trickfilmsequenzen beleuchtet wird, hat sich einer rückwärtsgewandten und puritanischen Lebensweise verschrieben und übt ein absolutistisches Regime über seine Tochter aus. Seine Weltvorstellung, in welchem beispielsweise Musik und körperliche Zuneigung bereits gefährliche Auswüchse menschlicher Regungen sind, soll auch die Grundlage der Weltphilosophie seiner Tochter bilden. Er hält sie in einem Käfig aus Entsagung und Furcht vor der Welt gefangen und scheut sich nicht, sie für kleine Missgeschicke hart zu züchtigen, ganz zu schweigen von ihren ersten explorativen Ausbrüchen in den allgegenwärtigen Wald. Sein unbedingter Anspruch auf Gehorsam und totale Unterordnung setzt Eini dabei zur Zeit der Handlung besonders schwer zu, da sie sich auf der Schwelle zur Pubertät befindet und ihre jugendlichen Bedürfnisse nicht ausleben kann. Vater und Tochter hegen ein argwöhnisches, von latenten Aggressionen geprägtes Verhältnis zueinander.

Die einzige Welt, in der Eini ihren eigenen Regeln folgen darf, ist das Reich ihrer Einbildungskraft. Hier bildet sich ihre Familiengeschichte und insbesondere die der rebellischen Großmutter in Trickfilmform ab. Die Leben ihrer zwei Großmütter können unterschiedlicher nicht sein. Die eine wandert in die USA aus, die andere bleibt im Wald zurück und zieht Einis Vater (das Kind ihrer ausgewanderten Schwester) groß. In den USA gibt sich die eine Großmutter dem ausschweifenden Künstlerleben hin, während die andere der psychischen und körperlichen Gewalt ihres Mannes ausgeliefert ist. Einziger Lichtblick ihres Lebens ist ihr Ziehsohn, Einis Vater, der ihr und seiner Schwester in ihrer sprachlosen Verzweiflung bis zu deren beiden Ableben beisteht und dabei selbst schweren seelischen Schaden nimmt.

In Einis Phantasie kehrt die ausgewanderte Großmutter nach dem Tod der zurückgebliebenen Großmutter in das Häuschen im Wald zurück und beschert ihr bis zu ihrem Tod eine von Ausgelassenheit geprägte Zeit. Die frühe Flucht ihrer Großmutter lässt sie in Einis Kinderphantasie zu einer Heldengestalt aufsteigen. Die Großmutter als diejenige, die es in die Welt außerhalb der Isolation und des Waldes geschafft hat, war weder hilflos der Männerwelt ausgeliefert, noch anderen Zwängen untergeordnet.
In den Retrospektiven der Großmutter tobt das Leben. In der wirklichen Welt in der Holzhütte im Wald scheint im völligen Kontrastprogramm das Leben stillzustehen. Es wird nur wenig gesprochen. Den Akt des Sprechens in den Trickfilmsequenzen übernimmt die Erzählerstimme der Großmutter.

Als sehr gebildeter Mann folgt Einis Vater dem Credo, alles über die Welt wissen zu müssen, sich aber vor ihr zu verbergen. Der Kontakt mit seiner Mutter in den USA bestand aus Briefen, die er, nachdem sein Leben durch den Vater immer unerträglicher wurde, ungelesen ließ. Die von seiner Mutter geschilderte Welt wirkte angesichts der Nöte des Lebens mit seinem Ziehvater und der suizidalen Ziehmutter zu phantastisch und zu weit weg. Kontrolle gegen die Unberechenbarkeit der Außenwelt kann seiner Meinung nach nur innerhalb der eigenen vier Wände garantiert werden.
In den kammerspielartigen Realfilmszenen wird es niemals laut. Vater wie Tochter reden langsam, leise und bedacht, was eine allgegenwärtige bedrohliche Grundstimmung erzeugt. Jede Geste seitens des Vaters, sei sie auch noch so gut gemeint, wirkt, als könnte sie jeden Moment kippen. Lange Standbilder und sparsame musikalische Untermalung unterstreichen die Anspannung und machen sie allgegenwärtig und spürbar.

Der Einrichtung des Hauses im Wald nach zu schließen ist die reelle Handlung zeitlich schwierig zu bestimmen und wirkt eher zeitlos. Der Jogginganzug Einis lässt auf die Jetztzeit schließen, wie auch das Auto des Vaters und ein batteriebetriebenes Radio, welches sie im Wald aufliest. Ansonsten wirkt der Spielort seltsam steril. Die Natur versinnbildlicht im Trickfilm wie auch in den Echtfilmsequenzen den Ort, menschlichen Trieben nachzugehen. Hier wird Einis Vater gezeugt, hier befriedigt sich Einis Großmutter sexuell, hier macht Eini ersten Kontakt mit der Zivilisation als sie das alte Radio im Wald findet. Im Gegensatz dazu ist das Häuschen die Domäne der Väter und Ehegatten, eine Domäne der Kontrolle, der Enge und der Unterdrückung.

Eini ist so blass, dass sie beinahe selbst aus Wachs bestehen könnte. Ihre gläserne Anmut und ihre zerbrechliche Stimme geben ihr den Eindruck einer zum Leben erweckten Wachsfigur.

In den Trickfilmszenen werden die Puppen in Stop-Motion-Technik zum Leben erweckt. Ihre groben und abgehakten Bewegungen sowie ihre feinen, lebensechten und bis auf blinzelnde Augen unbeweglichen Gesichter, lassen sie alles andere als kindgerecht erscheinen, passen aber beispielsweise perfekt zur sprachlosen Agonie des Lebens im Häuschen tief im Wald. Die Annahme, die Puppen brächten einen gewissen Abstand zur Heftigkeit der wahren Geschichte, relativiert sich sehr schnell. Im Gegenteil – sie lassen der Phantasie noch viel mehr Spielraum und lassen erahnen, wie unmenschlich es zugegangen sein mag. Hier wird die Phantasie als Brutkasten des menschenmöglichen Schreckens stimuliert.

Mit „Granny’s Dancing on the Table” ist Frau Sköld meiner Meinung nach einer der verstörendsten und innovativsten Leinwandproduktionen (wenn nicht DIE) der diesjährigen Nordischen Filmtage gelungen. Die Masse an Anspielungen und Symbolik ist schwindelerregend. Jedes Detail des Films scheint sorgsam durchgeplant, jede Szene ist so perfekt produziert, dass die 85 Minuten Spielzeit zum Martyrium werden können. Dieser Film ist nichts für zarte Gemüter, denn er erweckt in seiner Intensität an keiner Stelle den Eindruck, die Handlung wäre aus der Luft gegriffen.

(Autor: Thomas Mövius mit seiner persönlichen Nachricht: Es können bedingt durch die zweimonatige Pause zwischen der Filmvorstellung und dem Verfasssen dieser Rezension kleinere inhaltliche Ungereimtheiten auftauchen, was ich zu entschuldigen bitte.)

   

About author View all posts

Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.