Ein Blick nach Nuuk

Der aus der Fußball-EM resultierende Medienhype mit seinen Nachrichten über Island als Insel der rothaarigen Wikinger, Feen und anderer Kuriositäten wird allmählich langweilig. Und doch wird spätestens seit der Europameisterschaft genauer nach Island geschaut. Von Island aus rutschen wir mit dem Zeigefinger auf der Landkarte eine Insel weiter nordwestwärts: nach Grönland. Interessanterweise werfen auch die Grönländer vermehrt Blicke nach Island, und das nicht nur während der Fußballeuropameisterschaft. Um ein wenig mehr über das weitgehend unbekannte Land mit seiner wunderschönen Natur und seiner komplexen Kolonialgeschichte zu erfahren, haben wir Ebbe Volquardsen, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Skandinavische Literaturen am Institut für Fennistik und Skandinavistik der Universität Greifswald, kontaktiert. Ebbe hat Greifswald zu Beginn des Jahres verlassen und arbeitet seit Februar als Assistant Professor für Kulturgeschichte an Ilisimatusarfik, der Universität Grönlands in Nuuk. Im Skype-Gespräch berichtet er von seiner neuen Heimat mit interessanten Informationen über Stadt und Land, Politik und Kultur und seinem wissenschaftlichen Fachgebiet, der Rolle, die Kolonialgeschichte und Identitätsfragen für die grönländische Gesellschaft spielen.

Nuuk

Strand und Kolonihavn in Nuuk

Als Ebbe meinen Skype-Anruf annimmt, begrüßen wir uns gut gelaunt mit einer Zeitdifferenz von vier Stunden zur grönländischen Nachmittags- und deutschen Abendzeit. Obwohl ich schon einiges über Ebbes neues Leben in Grönland weiß, will ich noch einmal genauer nachfragen. Immerhin ist ein Umzug nach Grönland wirklich etwas Besonderes und einen solchen Ortswechsel erlebt man nicht alle Tage. Was macht er auf der größten Insel der Welt und was verband ihn schon vor seinem Umzug mit Grönland?

Ebbe hat bereits eine Menge über die Kultur, Politik, Literatur und Geschichte der Insel geforscht und berichtet zunächst über sein aktuelles Forschungsprojekt. Darin untersucht er die Rolle, die literarische und populäre historiografische Texte bei der Etablierung und Festigung von Vorstellungen von der dänischen Kolonialvergangenheit in Grönland und dem ehemaligen Dänisch Westindien einnehmen, die diese als ungewöhnlich human markieren. Zuvor hatte er sich bereits mit der grönländischen Romanliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt und die Positionen analysiert, die diese Texte im Diskurs um Identitätsfindung und Nationsbildung einnehmen. Mich beeindruckt diese stringente Fortführung seines Forschungsvorhabens, das eindeutig auf Grönlands Geschichte und Kultur fokussiert.

Als Experte für das postkoloniale Nordeuropa, bedeutete das Stellenangebot aus Grönland für Ebbe seinem Untersuchungsgegenstand noch näher zu rücken. Zusammen mit seinen Studierenden steht er einem interdisziplinären Aufgabengebiet gegenüber, das Geschichte, Anthropologie und übergreifende Kulturtheorien miteinander vereint. Später in unserem Telefonat wird er noch darauf zurückkommen, warum der Job in Grönland eine neue, spannende Herausforderung für ihn darstellt. Als ich ihn gleich zu Beginn frage, wie er seinen Umzug auf die Insel erlebt hat, sagt er, es habe zunächst eher wenige Überraschungen gegeben. Vielmehr käme es ihm so vor, als sei er längerfristig in ein ihm vertrautes Land gezogen. Daraus schließe ich, dass er womöglich zuvor schon einmal in Grönland gewesen ist und frage nach. Zusammen mit Kollegin Lill-Ann Körber von der Humbold-Universität zu Berlin organisierte Ebbe im Jahr 2010 eine größer angelegte Reise. Die jährliche Exkursion des Nordeuropa-Instituts, die Lehrende und Studierende meist nach Schweden, Norwegen oder Dänemark führt, sollte, so hatten es sich die beiden in den Kopf gesetzt, in diesem Jahr nach Grönland gehen. Ein Jahr verging bis die nötigen Drittmittel für dieses Projekt eingeworben und das Reiseprogramm entworfen war. Schließlich flogen sie mit einer Gruppe von achtzehn Studierenden über Island nach Nuuk und nach ein paar Tagen weiter nach Ilulissat. Ebbe beschreibt die Exkursion als eine sehr schöne Zeit, da sie die Möglichkeit hatten Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Politiker in Grönland kennenzulernen und zu interviewen, wobei das postkoloniale Grönland thematisch im Fokus stand. Ebbe gehörte zu den ersten innerhalb der deutschsprachigen Skandinavistik, die postkoloniale Konzepte auf Nordeuropa anwandten. Seitdem forscht er unter anderem zu Grönland. Dabei interessiert ihn, inwieweit grönländische Kultur, Geschichte und Gesellschaft etwas über Dänemark aussagen, über die dänische Kolonialzeit, sowie die Identität und Kultur eines Landes, das einst das Zentrum eines mittelgroßen europäischen Imperiums bildete, sich aber heute oft über seine bescheidene territoriale Größe und gegenläufig dazu über eine vorgestellte wertepolitische Überlegenheit definiert. Die meisten Menschen mögen wissen, dass Grönland auf irgendeine Weise zu Dänemark gehört, und stellen sich eine schneebedeckte, eintönige Landschaft vor, die von Inuit bewohnt wird. In der Tat fühlen sich etwa neunzig Prozent der Grönländer der indigenen Bevölkerung zugehörig, wobei die meisten allerdings auch europäische Vorfahren haben. Unabhängig davon haben manche Grönländer Dänisch als Muttersprache. In den meisten Familien wird jedoch grönländisch gesprochen. Die komplexe Sprachsituation mit zwei Landessprachen, die von den einzelnen Bürgern unterschiedlich gut beherrscht werden, prägt Politik und Alltag in Grönland, und auch die wissenschaftliche Arbeit wie etwa Ebbes eigenen Universitätsunterricht.

Während ich Ebbe zuhöre, fällt mir der Film „Sumé. The sound of a revolution.“ ein, den ich letztes Jahr bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gesehen habe. Der Film erzählt die bewegende Geschichte der grönländischen Rockband Sumé, die 1973 mit der ersten grönländischsprachigen Rockplatte das Selbstbewusstsein des fremdbestimmten Inselvolks weckte. Der Film berichtet mithilfe von Archivbildern, Zeitzeugenberichten und Konzertmitschnitten eindringlich über den Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark, durch deren Vormundschaft soziokulturelle Traditionen und Strukturen der grönländischen Bevölkerung weitgehend verblassten. Er zeigt auch, wie ergriffen die Menschen noch heute sind, wenn sie die Songs von früher hören, eine Musik, die in den 1970er Jahren zum Leitsymbol einer aufkeimenden Jugendbewegung auf dem Weg zur grönländischen Selbstverwaltung wurde. Die Bilder des Films spielen sich in meinem Kopf ab und während ich meine Gedanken ordne, nennt Ebbe etwas anderes, über das ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht habe. Das Merkwürdigste ist doch, sagt er, dass man hier auf einer Insel wohnt, die Nuuk heißt. Schließlich endet die Straße beim Flughafen und den Rest des Landes kann man allein mit einer in den Sommermonaten verkehrenden Fähre oder mit dem Flugzeug bereisen. Eine Infrastruktur mit geteerten Landstraßen gibt es nicht. Das Verreisen in die Nachbargemeinde ist somit nicht einfach und vor allem kostspielig. „Road Trips“ werden für die zahlreichen Bootsbesitzer vielmehr zu „Water Trips“, und obwohl einige Bewohner der Hauptstadt, auf Grönländisch Nuummiut, Sommer- oder Ferienhütten außerhalb der Stadt besitzen, sind Wochenendausflüge á là „Oma und Opa auf dem Land besuchen“ eher ungewöhnlich und schwer zu realisieren. Das heißt, obwohl Grönland eine riesige Landesfläche besitzt, ist der Platz, auf dem sich das eigentliche Alltagsleben abspielt, doch relativ klein. Wer aber denkt, den Städtern würde es an Natur mangeln, liegt falsch. In der Stadt gibt es tolle Plätze am Wasser als Rückzugsorte mit atemberaubenden Blickachsen, die natürlich mit der Zeit gewohnter, aber nicht weniger sehenswert werden, so Ebbe. Als er mir dann noch seinen Blick aus dem Fenster beschreibt, bei dem er auf Berge und Wasser schaut, denke ich, dass er es wirklich gut getroffen hat.

Ein wenig mehr möchte ich noch von Nuuk hören. Die Stadt interessiert mich, denn seit ich bei meinen Recherchen auf der Tourismus-Webseite greenland.com gelandet bin, habe ich endlich eine ungefähre visuelle Vorstellung von der Hauptstadt und bin vom vielfältigen Kulturangebot verblüfft. Ebbe meint, die Hauptstadt sei, wie auch in anderen Ländern, anders, als der Rest des Landes. In Nuuk leben rund 17.000 Menschen und die Stadt könne schon als eine kleine Metropole bezeichnet werden. Es gibt zahlreiche Restaurants; die vielen Neubauten sind schick und modern. In der Stadt befinden sich die Verwaltung des Landes und der Gemeinde, die Ministerien und das größte Krankenhaus, was die Zusammensetzung der Bevölkerung prägt. Vieles sei zwar wesentlich teurer als in Deutschland, so Ebbe, aber ihm mangelt es an nichts. Nur selten komme es vor, dass man eine gewünschte Ware nicht in einem der zahlreichen Supermärkte fände, die vom Angebot her stark an die in Dänemark verbreiteten Handelsketten erinnerten. Da in Nuuk im Gegensatz zu den entlegenen Dörfern tatsächlich alles vorrätig sei, vergesse man leicht, dass sich die relativ spärliche Infrastruktur der Insel, doch stark von der des europäischen Festlandes unterscheide.

Da die Tourismusseite greenland.com für ein großes Kulturangebot in der Hauptstadt wirbt, frage ich Ebbe danach. Verglichen mit einer mitteleuropäischen Kleinstadt hat Nuuk tatsächlich so einiges zu bieten: ein Nationaltheater, ein Kunst-, ein Stadt- und ein Nationalmuseum, ein großes Kultur- und Kongresszentrum, ein Kino und zahlreiche Kneipen, in denen am Wochenende oft Livemusik zu hören ist. Das Kunst- und Musikangebot ist erstaunlich und beeindruckend. Auch die Filmszene mausert sich allmählich und präsentiert von Spielfilmen bis hin zu Videoinstallationen eine große Palette eines Kunstrepertoires. Auch in der Belletristik tut sich einiges. Ebbe erzählt von einer neuen Generation von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die auf grönländisch schreiben und dank vorliegender Übersetzungen auch in Dänemark auf großes Interesse stoßen.

Dass auf grönländisch geschrieben und gelesen wird, leitet unser Gespräch hin zur Sprachthematik. Ebbe selbst spricht fließend dänisch, womit er zumindest in der bilingualen Hauptstadt natürlich super zurechtkommt. Trotzdem möchte er auch das Grönländische näher kennenlernen. Im September beginnt er einen Sprachkurs und ist gespannt, wie schnell oder langsam er vorankommen wird. Die gesamte Sprachstruktur des Grönländischen weicht völlig von allen indogermanischen Sprachen ab. Doch die Hoffnung bleibt, denn gewisse Fortschritte beim Artikulieren und Wiedererkennen der fremd erscheinenden Worte erzielt er bereits. Er fragt mich, ob ich schon mal einen grönländischen Text gesehen hätte und ich muss zugeben, dass ich bis auf einige Wörter noch nichts vor mir liegen hatte. Oder doch, schießt es mir dann durch den Kopf. Ich verfolge die Fanpage der grönländischen Band Nanook und tatsächlich erinnere ich mich an die langen, langen Wörter und Satzglieder. Die Schwierigkeit besteht zunächst darin, diese Wörter in ihrer Gänze überhaupt wahrzunehmen. Seit seinem Umzug nach Grönland gelingt es Ebbe aber allmählich, sich etwa die komplizierten und vielsilbigen Orts- und Straßennahmen zu merken, und sich halbwegs korrekt wiederzugeben.

Die Sprachsituation bleibt das bestimmende Thema unseres Gesprächs; sie ist auch einer der wichtigsten Punkte auf der politischen Agenda, ein Kernthema der grönländischen Gesellschaft und Politik. In Grönland sind viele Menschen zweisprachig und sprechen dänisch und grönländisch. Es gibt aber auch diejenigen, die nur dänisch und diejenigen, die nur grönländisch beherrschen. Bis in die 1990er Jahre wurde eine zweigliedrige Schulpolitik verfolgt. Auch viele grönländischsprachige Eltern entschieden sich dafür, ihre Kinder in die mit höherem sozialen Status verbundenen dänischsprachigen Klassen zu schicken, die ursprünglich eingerichtet worden waren, um die Kinder der im Land lebenden Dänen in deren Muttersprache zu unterrichten. Die unter anderem daraus resultierende Sprachsituation ist sehr komplex, stetig aktuell und kaum zu lösen. Aus Ebbes Sicht bleibt die Sprachsituation ein schwer zu überwindendes postkoloniales Dilemma. Im Moment gäbe es innerhalb der grönländischen Politik die Überlegung, das Englische anstelle des Dänischen zur ersten Fremdsprache in den Grundschulen aufzuwerten. Dies sei jedoch nur auf den ersten Blick eine gute Lösung. Da Grönländer dänische Staatsbürger sind, denen in Dänemark bedingungslos ein großer Arbeits- und Ausbildungsmarkt und nicht zuletzt auch ein Anspruch auf Sozialleistungen zur Verfügung stünden, seien einfach noch zu viele Vorzüge an das Beherrschen der dänischen Sprache auf hohem Niveau geknüpft.

In der Tat, meint Ebbe, sei das Nicht-Beherrschen des Dänischen für viele Menschen in Grönland ein Nachteil und oft auch ein Grund zur Scham. Natürlich merke ich, dass sich noch viel länger über die Sprachkonflikte in Grönland reden ließe, wahrscheinlich ohne Ausgang und doch frage ich Ebbe nun nach einem Wort, von dem ich ein paar Mal im Zusammenhang mit der Mentalität auf Grönland gelesen habe. Ein Sinnbild des Grönländischen sei „Ajungilak“, was so viel bedeutet wie „Ist schon in Ordnung.“ oder „wird schon passen.“. Man kann nicht planen, was in den nächsten vierzehn Tagen passiert. Man weiß nicht, ob sich das Wetter für einen Bootsausflug eignet, ob das Paket aus Kopenhagen pünktlich eintrifft, ob der Wind nicht zu stark ist, um mit dem Flugzeug zu fliegen. Ebbe will zwar nicht die Klimatheorie der Aufklärung vom unterschiedlichen Wesen der Völker strapazieren, aber natürlich nimmt ein harsches Klima wie in Grönland Einfluss auf die alltägliche Lebensweise. Manche Dinge werden einfach etwas ruhiger angegangen.

Grönlands Bevölkerung lässt sich wie so vieles andere auch, nicht über einen Kamm scheren. Ebbe berichtet noch ein wenig mehr von seinem Alltag in der Hauptstadt, den man am besten mit „sehr abwechslungsreich“ beschreiben kann. Fast täglich entdeckt er neue Seiten und Ecken der Stadt, kulturelle Angebote und befindet sich selbst in dem von ihm als vertraut beschriebenen Umfeld, in einem tagtäglichen Lernprozess. Er erzählt wie er kürzlich eine Veranstaltung des Gewerkschaftsbundes besucht hat, bei dem Bürger und Bürgerinnen Fragen zu unterschiedlichen Themen stellen konnten. In der Diskussionsrunde der Parteivorsitzenden ging es um die Infrastruktur Grönlands, neue Flughafenprojekte, die hohen Preise für In- und Auslandsflüge, die stagnierende Wirtschaft vor allem im Bereich der Fischerei, den Tourismus und die aktuelle Rohstoffpolitik. Eine kontroverse Debatte wird derzeit leidenschaftlich über das Für und Wider eines möglichen Uranabbaus in Südgrönland geführt. Die größte Oppositionspartei wendet sich aus umwelt- und sicherheitspolitischen Erwägungen vehement gegen dieses Vorhaben, das dem grönländischen Staatssäckel erhebliche Einnahmen bescheren könnte, – und fordert eine Volksabstimmung. Ich frage Ebbe, ob man vom geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU etwas mitbekommt. Er selbst hat natürlich verfolgt, was in Europa passiert, aber bezweifelt, dass sich der größte Teil der grönländischen Bevölkerung für den Brexit interessiert. In gewissen Kreisen, vor allem unter seinen Arbeitskollegen, die teilweise auch aus Dänemark kommen, wird sich über die europäische Politik unterhalten. In Grönland denken ein paar Menschen in diesem Zuge möglicherweise an ihren eigenen Austritt aus der EWG, den „Gröxit“ im Jahr 1985, zurück, nach dem die Grönländer als dänische Staatsbürger allerdings auch EU-Bürger blieben und somit weiterhin Vorteile wie etwa die Freizügigkeit genießen. Allerdings ist das Land seither nicht mehr an die europäische Fischereipolitik gebunden; die Gewässer innerhalb der Zweihundertmeilenzone stehen allein grönländischen Fischern zur Verfügung.  Ebbe erzählt, dass die liberale Partei im grönländischen Parlament kürzlich die Frage aufgeworfen habe, ob Grönland sich der EU wieder anschließen sollte. Die Chancen, dass dieses Thema weiter diskutiert wird, seien aber eher gering. Obwohl eine erneute EU-Mitgliedschaft für Grönland durchaus Vorteile verspräche – etwa bei der Lockerung der einseitigen Abhängigkeit von Dänemark oder bei der Finanzierung großer Infrastrukturprojekte – erscheint europäische Politik für viele Grönländer doch sehr fern.  Im Land beschäftigt man sich viel mehr mit eigenen Problemen wie der Sprachsituation auf der Insel. Und so wird unser Gespräch erneut auf dieses Thema gelenkt.

Als ich nach den wichtigsten Medien im Land frage, nennt Ebbe zwei grönländische Zeitungen, die jeweils einmal pro Woche erscheinen. Jeder der Zeitungsartikel ist sowohl in Grönländisch als auch in Dänisch verfasst. Wie die Zeitungen werden nahezu alle Schriftzeugnisse ins Dänische bzw. Grönländische übersetzt; die grönländischen Fernsehnachrichten sind dänisch untertitelt, die Nachrichten im Radio werden in beiden Sprachen eingesprochen. Die Übersetzungswissenschaften bilden einen wichtigen Studiengang an der Universität in Nuuk und nicht nur in Politik, Verwaltung und Medien ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Simultanübersetzern und Dolmetschern groß. Eine spannende Information zum Sprachgebrauch, die Ebbe ebenfalls nennt, ist, dass selbst viele Menschen, die in erster Linie Grönländisch sprechen, beim Lesen dennoch die dänische Sprache vorziehen. Gründe dafür mögen sein, dass das Grönländische für einige eher eine gesprochene Sprache ist. Aber auch die Tatsache, dass die meisten gedruckten Texte eher schlecht als recht vom Dänischen ins Grönländische übersetzt werden, mag dazu beitragen, dass diejenigen, die die Wahl haben, sich beim Lesen eher für die dänische Originalfassung entscheiden. Die neuen in grönländischer Sprache verfassten Romane und Novellen verkaufen sich jedenfalls gut und werden von grönländischsprachigen Leserinnen und Lesern gern im Original rezipiert.

Obwohl Grönland nach dem Referendum von 2008, ein selbstverwaltendes Land ist, bestehen immer noch enge politische, wirtschaftliche und nicht zuletzt familiäre Verbindungen zu Dänemark. Die Geschichte Dänemarks und Grönlands sei aufgrund der Kolonialvergangenheit bis heute eng miteinander verflochten, das eine ohne das andere nicht vorstellbar. Da ich wissen möchte, wo sich die Grönländer zwischen Amerika und Europa selbst verorten und ob sie in Zeiten des amerikanischen Wahlkampfes und der Unruhe in Europa eher das eine oder andere verfolgen, erzählt Ebbe kurz von der starken gefühlsmäßigen Verbindung mancher Grönländer zu Kanada. Diese ist nicht nur durch die direkte Nachbarschaft, sondern auch durch die Tatsache begründet, dass in den Provinzen Nunavik und Nunavut ebenfalls Menschen leben, die zum Volk der Inuit gehören; insbesondere die ältere grönländische Generation pflegt Verbindungen im zirkumpolaren Raum. Der Anblick einer kanadischen Flagge neben einer dänischen und einer grönländischen ist im Stadtbild von Nuuk daher nichts Außergewöhnliches. Während eine Verbindung nach Nordamerika also zweifellos besteht, lässt sich seit einiger Zeit allerdings eine neue Entwicklung feststellen. Nicht erst im Zuge der Euphorie über das gute Abschneiden der isländischen Nationalmannschaft blicken insbesondere jüngere Grönländer auf das nahe Island, dessen im Vergleich zu Nuuk ungleich urbanere Hauptstadt Reykjavík nach Etablierung einer direkten Fluglinie mit Abstand das am schnellsten und preiswertesten zu erreichende Reiseziel außerhalb Grönlands ist.

Island ist im Gespräch und auch auf dem Gewerkschaftstag, den Ebbe kürzlich besuchte, reisten viele Gäste aus Island an. Island, so Ebbes Beobachtung, liege als Vorbildgesellschaft für viele Grönländer im Trend. Der nordatlantische Nachbarstaat löse somit allmählich Dänemark als kolonial unvorbelastetes Beispiel für „best practice“ ab. Die isländische Fußballnationalmannschaft, die noch bis vor Kurzem zahlreiche Europäer durch tolle Spiele begeisterte, hat auch die Herzen der Grönländer erobert und beim ersten organisierten „Public Viewing“ in Nuuk dieses Jahr wurden die südöstlich gelegenen Inselnachbarn ganz besonders bejubelt.

Die Lösung des spannungsreichen Verhältnisses zwischen Dänemark und Grönland und die Überwindung des postkolonialen Status, gestalten sich nach wie vor schwierig. Dänische Waren und Populärkultur prägen das grönländische Leben. Im alltäglichen Kontakt mit den Einheimischen spürt Ebbe das insbesondere jetzt, wo er als Professor für Kulturgeschichte und als Deutscher Zeit mit seinen Studierenden verbringt, und eben solche Themen diskutiert. In seinem Fachgebiet übernimmt er die Aufgabe, sich mit einem sehr sensiblen Bereich der Geschichte Grönlands auseinanderzusetzen, den er in seiner Arbeit als mit der Materie sehr vertrauter Wissenschaftler und gleichzeitig „Fremder“ zusammen mit seinen grönländischen Studierenden differenziert und reflektiert bearbeitet. Dennoch beschäftigen ihn kulturelle und identitätsmäßige Selbstverortungen von Grönländern und Dänen und die Konsequenzen der Kolonialzeit nahezu täglich. Im Gegensatz zu seiner Arbeit an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland, ist Ebbe nach Seminarschluss in Nuuk gedanklich nicht selten in schwierige Fragestellungen vertieft. Um sein Forschungsgebiet weiter zu ergründen und auszuloten, nähert er sich, diesen Eindruck gewinne ich während unseres Gesprächs, seinem neuen Wohnort vielseitig interessiert und neugierig. Seitdem Ebbe in Nuuk wohnt, habe er sich bemüht, eine Vielzahl auch kleinerer Veranstaltungen zu besuchen, Netzwerke zu knüpfen und lokale Akteure kennenzulernen. Dabei ergeben sich interessante Gespräche und es entpuppen sich beispielsweise kleinere Konzerte mit zuvor unbekannten Musikern als großartige Klangerlebnisse.

Eine Menge von dem, worüber Ebbe berichtet, nämlich das neue Umfeld nach einem Umzug zu erkunden und weitere Erfahrungen zu sammeln, wäre auch in anderen Ländern und an anderen Plätzen vorstellbar. Und doch hat Grönland seine eigene, besondere Geschichte. Eine Geschichte, die wegen der langen Zugehörigkeit zu und Abhängigkeit von Dänemark, nicht gerade einfach zu verstehen ist und über die ich Ebbe noch viel mehr ausquetschen müsste.

An einem letzten Beispiel verdeutlichen sich diese Schwierigkeiten der Betrachtung des Landes in seiner Beziehung zu Dänemark. Auch zeigt sich hier, wie politisch Sprache sein kann. Als ich frage, ob man im Dänischen und Grönländischen „auf“ oder „in“ Grönland sagt, offenbart sich das riesige Geflecht aus unterschiedlichen Ansichten der Generationen je nach Alter, Herkunft und Geschichte, Beabsichtigtem und Vergessenem, Konflikten und Innovationen. Im Dänischen hört man beides. Es gebe immer noch Dänen, die Grönland auch als „Norddänemark“ bezeichnen. Damit wollen sie aber nicht provozieren oder verletzen, sondern Gleichberechtigung und Zusammengehörigkeit ausdrücken – ein Relikt aus der Zeit, als Grönland eine offiziell gleichberechtigte dänische Provinz war. „På“ für „auf“ hat natürlich sprachlich schon eine Bedeutung im kolonialen Zusammenhang. „Auf Grönland“ gehört zum kolonialen Diskurs, denn „auf“ bedeutet, dass diese Insel zu einem Staat gehört, in diesem Fall zu Dänemark. Nicht immer wird einem versehentlich herausgerutschten „på“ allerdings so viel Bedeutung beigemessen.

Die tiefenkulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Grönland und Dänemark weiter zu ergründen und zu erforschen, wird weiterhin Ebbes Aufgabe bleiben, der er sich an seinem neuen Arbeitsplatz im direkten Kontakt mit Einheimischen stellt. Zum Schluss unseres Gesprächs frage ich nach ein paar Lesetipps zu Grönland. Und da kommt er sofort zurück auf die aufstrebende junge grönländische Autorenschaft, die sich auf der Insel etabliert.

Sehr empfehlenswert findet Ebbe den Roman „Homo sapienne“ von Niviaq Korneliussen aus dem Jahr 2014. Der Roman ist trotz des eigentlich ernsten Themas zuweilen amüsant und in jugendlicher Alltagssprache geschrieben, für viele Grönländer, die eine puristische Sprachpolitik pflegen, kommt dies einem Tabubruch gleich: Grönländisch, Dänisch und Englisch werden im Text miteinander vermischt; einige Kapitel sind komplett in WhatsApp-Nachrichten geschrieben. Auch inhaltlich suchen die Geschichten, die im urbanen Grönland spielen und sich um Queering, Coming-Out und Geschlechteridentitäten im Allgemeinen drehen, innerhalb der grönländischen Literatur bislang ihres Gleichen.

Homo Sapienne

Die Novellensammlung „Zombieland“ von Sørine Steenholdt sei ebenfalls sehr gelungen. In Kurzgeschichten behandelt die Autorin düstere, apokalyptische Welten, in denen es dennoch um ganz reale Probleme der grönländischen Gesellschaft, nicht zuletzt den Missbrauch und die Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen, geht. Die Protagonisten der Geschichten erfahren auf unterschiedliche Weise psychische wie physische Verletzungen durch die oft traumatisierte und dem Alkohol verfallene Elterngeneration; die allgegewärtigen Bemühungen dem sozialen Erbe zu entkommen, scheitern dabei zumeist kläglich, sodass am Ende wenig Hoffnung auf einen Ausweg aus den scheinbar endlosen Teufelskreisen bleibt, die Steenholdt in eleganter Sprache und treffenden Bildern skizziert. Die ästhetische Schönheit des Texts macht den eigentlich unerträglichen Inhalt der Geschichten verdaulich.

Zombieland

Korneliussens Formexperimente und Steenholdts schonungsloser Sozialrealismus haben die grönländische Literaturlandschaft radikal erneuert. Die Bücher der beiden Absolventinnen der Universität, wurden nicht nur in Grönland mit großer Begeisterung aufgenommen; auch in Dänemark wurden sie sehr positiv besprochen. Das grönländische Romane zeitgleich in dänischer Übersetzung erscheinen, scheint sich übrigens als ein neues Phänomen im grönländischen Literaturbetrieb zu etablieren.

Wer jenseits der literarischen Texte einen Einblick in die gegenwärtige grönländische Gesellschaft mitsamt ihrer Brüche und postkolonialen Nachwehen gewinnen möchte, dem empfiehlt Ebbe den Essay Invasionen des Privaten der österreichisch-koreanischen Autorin Anna Kim, die sich einige Monate in Nuuk aufgehalten hat und nicht zuletzt über Fragen der Ethnizität und des displacement reflektiert. Im Herbst dieses Jahres erscheint dann unter Mitwirkung von Ebbe Volquardsen sowie mehrerer seiner Kolleginnen und Kollegen von der Universität Grönlands ein vom Erlanger Soziologen Frank Sowa herausgegebener Sammelband mit dem Titel Grönland –Kontinuitäten und Brüche im Leben der Menschen in der Arktis. Hier wird Grönlandforschung aus zahlreichen Disziplinen – von der Geschichte, der Anthropologie und der Politikwissenschaft über die Klimaforschung bis hin zur Literatur- und Kunstgeschichte – erstmals in einem Band einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht. Wer mer über dieses Projekt lesen möchte, kann auch auf ein Interview mit Frank Sowa bei Besser Nord als Nie aus dem letzten Jahr zurückgreifen und hier nachlesen.

Da viele Filme aus Grönland leider nicht englisch untertitelt sind, nennt Ebbe auch noch einen empfehlenswerten und teilweise humorvollen Dokumentarfilm mit dem Titel Village at the end of the world. Die dänisch-britische Co-Produktion ist gut gemacht und spielt in einem kleinen grönländischen Dorf und mit traditionellen Grönlandvorstellungen.

Es gibt also einiges zu lesen und zu schauen über Grönland und vor allem die neue grönländische Autorenschaft sollte man dabei unbedingt im Blick behalten.

Literatur- und Filmtipps:

Korneliussen, Niviaq: Homo sapienne. Roman. Nuussuaq: Milik, 2014. 182 Seiten. DKK 249,00.

Steenholdt, Sørine: Zombieland [Zombiet Nunaat]. Noveller. Nuussuaq: Milik, 2015. 134 Seiten. DKK 249,00.

Kim, Anna: Invasionen des Privaten. Essay. Wien: Literaturverlag Droschl, 2011. 112 Seiten. EUR 15,00.

Sowa, Frank (Hg.): Grönland. Kontinuitäten und Brüche im Leben der Menschen in der Arktis. Leverkusen: Budrich UniPress, 2016 [im Erscheinen]. 300 Seiten. EUR 39,00.

Gavron, Sarah & David Katznelson: Village at the End of the World. DVD (88 Minuten). Dogwoof, 2013. ca. EUR 13,00

Wir danken Ebbe für das Interview und wünschen eine schöne Zeit in Grönland!

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.