„Ich sehe uns als Labor“ – e-Estonia im Faktencheck

Jeder Erstklässler lernt, zu programmieren anstatt in Schreibschrift zu schreiben. Immer und überall gibt es kostenloses Wi-Fi. Wahllokale gibt es nicht mehr. Jeder wählt online.
Estlands digitaler Fortschritt ist weit bekannt. Sogar große Nationen wie Deutschland und Frankreich zieht es häufig in den Norden des Baltikums, um dem digitalen Staat einen Besuch abzuleisten. Das Land gilt nicht nur als Vorreiter, sondern regelrecht als Wegweiser im digitalen Zeitalter. Auch Zeitungen und Blogs haben das Phänomen e-Estonia für sich entdeckt. Doch nicht selten mischt sich Wahrheit mit Fiktion. Um die digitale Gesellschaft ranken sich Mythen und Legenden. Wir haben uns die Zeit genommen, einen Blick hinter das Phänomen zu werfen und ein paar der verbreitetsten Mythen aufzudecken.

Quelle: brand.estonia.ee

Außer Holz nichts los

Wer zum ersten Mal von e-Estonia erfährt, fragt sich wohl zuerst: „Wieso ausgerechnet dort?“ Ein kurzer Blick auf das Estland der frühen Neunziger liefert jedoch schnell einige Gründe. 1991 erklärte sich die estnische Sowjetrepublik für unabhängig von der Sowjetunion. Plötzlich stand eine kleine, junge Führungsriege im Namen der ganzen, jungen Republik vor der großen Frage: „Und nun?“. Ausgerechnet die wirtschaftlichen Standortnachteile verhalfen Estland jedoch zu seinem heutigen Ruf. Das Land verfügte kaum über nennenswerte Ressourcen, die wenigen Industriezweige waren zum Ende der Sowjetunion hin heruntergewirtschaftet. Holz, Ölschiefer und landwirtschaftliche Erzeugnisse versprachen keinen dauerhaft wachsenden Wohlstand. Digitale Dienstleistungen erschienen schnell als geeigneter Ausweg aus der wirtschaftlichen Sackgasse. Ein Pferd, auf dass es sich zu setzen lohnen sollte.

Im Galopp durch die Rodeo-Jahre

Ein weiterer wichtiger Grund: Estland ist klein. Gerade einmal 1,34 Millionen Menschen bevölkern die Baltenrepublik auf einer Größe, die in etwa Niedersachsen entspricht. Digitale Neuerungen, der Ausbau von Leitungen und Netzen, die Einführung von Dienstleistungen und Systemen – das alles konnte schneller vorangetrieben werden, als es in größeren Flächenstaaten möglich gewesen wäre. Nicht zuletzt spielte wohl auch die Plötzlichkeit der unverhofften Unabhängigkeit dem jungen, unerfahrenen Regierungskabinett in die Hände. In den politisch stürmischen Neunzigern, die in Estland die „Rodeo-Jahre“ genannt werden, wurden viele Entscheidungen schnell und unbedacht getroffen. Wirtschaftliche und soziale Reformen und technische Neuerungen hüllten das Land zunächst in einen Nebel der Unsicherheit, der jedoch bald verfliegen sollte. Schon bald profitierte Estland von seinem überstürzten Sprung in die digitale Zukunft. Bereits 1999 waren alle Schulen Estlands an das Internet angeschlossen. Mit der Erfindung von Skype fand das Volk bald sein „estnisches Nokia“.

Europas Versuchslabor

Viele technische Dienstleistungen, von denen wir in Deutschland heute noch träumen oder die uns zur Zeit als neu erscheinen, sind in Estland schon seit Jahren Realität. Schon seit dem Jahr 2002 lassen sich Verträge digital unterschreiben. Im Übrigen sind digitale Unterschriften EU-Weit analogen Unterschriften rechtlich gleichgestellt. Seit 2005 ist es möglich, am Wahltag über das Internet abzustimmen. Kein Wunder also, dass man nicht selten in Tallinn auf internationale Delegationen trifft, die sich digitale Lösungen in der Praxis ansehen möchten. Und es wirkt: circa 7% des estnischen Bruttoinlandsproduktes werden mittlerweile von IT-Firmen erbracht.

„Wir sind ein Labor, ein Pathfinder Country“, fasst Marten Kaevats, digitaler Berater der Regierung Estlands, zusammen. Er verstehe nicht, warum im letzten Jahr ein israelisches Unternehmen für eine Anwendung, mit der man Parktickets per Handy kaufen kann, einen Preis für ebenjene Lösung erhielt. „Wir machen das schon seit 2000.“ Die Marke Estland kreist um den digitalen Vorsprung. e-Estonia das soll auf der ganzen Welt synonym für mutige, innovative Ideen stehen.

Foto: Renee Altrov (Brand Estonia)

Jedes Jahr 820 Jahre mehr Zeit haben

Insbesondere in der Verwaltung bietet Estland zahlreiche Lösungen, die die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und anderen Ländern nur staunen lassen. Mehr als 500 Dienstleistungen können in Estland digital erledigt werden – vom Kindergeldantrag bis zum Jagdschein. Einfach ID-Karte in den Leser am Computer, persönliche Pin eingeben, Anträge ausfüllen, digital unterschreiben. Damit spart man sich nicht nur den Weg zum Amt, sondern auch Unmengen an Ressourcen (nicht zuletzt Papier), Aufwand und Zeit. Nur drei Dinge sind online nicht möglich: die Heirat, die Scheidung, der Immobilienkauf. Eine Steuererklärung geht jedoch in unter 3 Minuten. Das Prinzip: die Daten liegen beim Amt ja bereits vor, die Bürgerinnen und Bürger müssen den effizienten Austausch nur authorisieren. Schwupps. Fertig! Und schon kann man sich auf Wichtigeres konzentrieren. Alleine die Regierung spart eigenen Angaben zufolge dank effizientem Datenaustausch und digitalen Unterschriften jährlich einen 300 Meter hohen Papierstapel und 820 Jahre Arbeitszeit. Pro Jahr.

Vor wenigen Jahren sorgte eine neue Innovation für Schlagzeilen: die e-Residentschaft. Eine Art digitaler Staatsbürgerschaft, die Menschen außerhalb von Estland die Möglichkeit verschafft, alle e-Services Estlands nutzen zu können. Eine Möglichkeit, die nicht nur in Großbritannien wegen des kommenden Brexit Anklang findet. Mehr als 20.000 e-Bürgerinnen und Bürger haben sich bereits angemeldet, die daraufhin über 3.000 Firmen in Estland gründeten.

Und Sicherheit?

Bei vielen Datenschutzorganisationen in Deutschland würden die estnischen Verhältnisse wohl ein flaues Gefühl im Magen auslösen. Sensible Daten online austauschen? Unvorstellbar! In Estland geht das. Mehrstufige Sicherungssysteme sollen die Daten der Bevölkerung schützen. Über allem trohnt das Prinzip der endgültigen Datenkontrolle. Im Online-Portal kann immer gesichtet werden, wer zuletzt Zugang zu welchen meiner Daten angefragt hat. Nicht jede Behörde ist zudem authorisiert, alle Daten zu sehen. Nur authorisierte Daten können betrachtet werden. Mein Arzt darf meine Krankenakte einsehen, jedoch nicht meinen Führerscheinstatus. Wann mein Arzt auf welche Daten zugegriffen hat, kann ich immer online verfolgen. Die Kontrolle darüber liegt allein bei mir. Gerade im Polizeisektor hat diese Transparenz Estland einen Sprung im Antikorruptionsindex beschert.

Dank dem System X-Road können Datensätze sicher ausgetauscht werden. Jeder Datensatz wird dabei nur einmal erhoben. Wenn nun eine Behörde auf einen Datensatz zugreifen muss, der in einer anderen Behörde liegt, werden diese Daten nicht kopiert. Bildlich gesprochen, wird keine Kopie eines Datenblattes gemacht, die dann in den staubigen Aktenschränken unzähliger Behörden verschwindet. Die Behörde wirft lediglich einen digitalen Blick in den Datensatz. Das Datenbankensystem X-Road macht es möglich. Es kommuniziert zwischen den einzelnen, autonomen Datenbanken. Es arbeitet seit 2001 fast ohne Störung. Fast.

Ein Shutdown, der Geschichte macht

2007 kommt Estland ein Rekord zu Teil, auf den es lieber verzichtet hätte. So wird es der erste Staat, der Ziel eines Hackerangriffs wurde, vermutlich in Folge eines diplomatischen Disputs mit Russland. Daten werden nicht geklaut, doch mehrere Tage lang lagen alle estnischen Behörden lahm. Ein Jahr später rüstet Estland im Bereich Cyber-Sicherheit auf: Die Daten, wie etwa zu digitalen Unterschriften, werden nun per Blockchain gesichert, was sie unzugänglich für Hacker machen soll. Zusätzlich lagert seit letztem Jahr eine gesamte Sicherungskopie der estnischen Regierungsdaten in Luxemburg. Diese sogenannte „digitale Botschaft“ soll Estland Daten selbst dann schützen, wenn die Regierung in Tallinn wegen Angriffen oder Naturkatastrophen außer Gefecht gesetzt wäre.

Nicht zuletzt sind auch die estnischen Gesetzgeber im digitalen Zeitalter angekommen. Wo Deutschland noch um Lösungen ringt, existieren in Estland bereits entsprechende legislative Anpassungen. Kaum ein anderes Land auf der Welt hat seine Gesetze in diesem Maße an digitale Herausforderungen angepasst. Alleine diese rechtlichen Fragestellungen werfen Deutschland um Jahre zurück.

Mythen, Mythen, Mythen

Im Eifer der e-Estonia-Euphorie haben sich im Internet und sogar in der Berichterstattung leider zahlreiche Mythen verbreitet. Wir haben für euch sechs dieser e-Legenden untersucht.
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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.