„Dreymar við hafið“/“Träume am Meer“ (2017/FO)

Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

You can go anywhere you want to: As far as you want.“, behauptet die 16-jährige Ragna, die mit ihrem jüngeren Bruder und ihrer problembelasteten Mutter in ein kleines, ödes Dorf auf den Färöern gezogen ist. Die gleichaltrige Ester lässt sich gerne davon überzeugen und in eine Welt der Grenzüberschreitungen, Freiheit und des Jugendseins mitreißen. Hauptsache weg von ihren religiösen Eltern, ihrem gutbehüteten und gleichermaßen langweiligen Alltag.

„Dreymar við hafið“, der auf den 59. Nordischen Filmtagen in Lübeck zu sehen war, ist einer von drei Spielfilmen, der im Jahr 2017 auf den Färöern produziert wurde.1 Ein wichtiges Jahr also für die färöische Filmindustrie, die insgesamt ebenso überschaubar wie die Inselchen selbst ist. Im 78-minütigen Jugendfilm erzählt uns Regisseur Sakaris Stórá die auf den ersten Blick wenig innovative Geschichte und führt uns mit vielen Nahaufnahmen dicht an die beiden Protagonistinnen heran. Besonders die zaghaften Anfänge der Freundschaft so ungleicher Mädchen und Esters Sehnsüchte werden gut hervorgehoben. Bestärkt wird dies durch die Harmonie, die Natürlichkeit und Unerfahrenheit vor der Kamera von Juliett Nattestad (Ester) und Helena Heðinsdóttir (Ragna). Stille, Stillstand und Schweigen lassen die Bilder wirken und werden jeweils nur bewusst unterbrochen. Etwa wenn die angetrunkene Ester in die Welt – zumindest in ihre eigene, kleine Welt – hinausschreit, dass sie Gott hasse, und gleichzeitig ein wummernder Bass einsetzt.

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Die tatsächlich interessantere und für das Publikum neuere Rolle der Ragna kommt ein wenig zu kurz. Sie hat eigentlich keine Lust auf Partys und Alkohol und Jungs, passt sich aber dennoch Esters Wünschen an und feiert mit, bis sie jeweils unglücklich und einsam zurückbleibt. Nach einer durchzechten Nacht bringt sie ihre verkaterte Mutter ins Badezimmer, zieht sie aus und platziert sie in der Badewanne. Ein Bild, dass so gar nicht in das Leben eines Teenagers zu passen scheint. Auch ihr jüngerer Bruder Røkur verhält sich nicht altersentsprechend; er ist kindlicher als angemessen und dabei merkwürdig still.

Im Kontrast dazu badet Ester, ihre Mutter sitzt auf dem Badewannenrand und die beiden führen ein intimes Mutter-Tochter-Gespräch. Völlig nah und ebenso natürlich. Dass sich Ragna insgeheim nach diesem Leben sehnt und die Nähe zu ihrer Familie sucht, bekommt Ester auf ihrer Entdeckungsreise nicht mit. Aber gerade diese verschiedenen Sehnsüchte und Perspektiven verhelfen dem Film zu Vielschichtigkeit.

Insgesamt präsentiert uns Sakaris Stórá mit „Dreymar við hafið“ einen gut gemachten Film mit viel Empathie für die zwei Mädchen, die sich nach dem Leben des jeweils anderen sehnen. Weit kommen, wie Ragna es versprochen hat, mögen sie in der großen Welt nicht. Aber ein wenig näher zu sich selbst. Diese kurzweilige Unterhaltung mag vielleicht nicht herausragen im Meer von Filmproduktionen, wohl aber mithalten. So ist der Spielfilm im Ganzen vielleicht kein großer Schritt für die Menschheit, wohl aber ein wichtiger für die färöische Filmindustrie, und ist mindestens daher die Beachtung wert.

 

1vgl. https://kvf.fo/netvarp/sv/2017/08/17/20170817fleirispalifilmarigerd

Eine Aufzählung färöischer Filmproduktionen findet sich hier: http://snar.fo/tema/skaldskapur-og-midlar/filmur/evni/filmur-i-foeroyum/

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.