Die Flüsterer | Hviskerne – Veasoejorksh

https://i.vimeocdn.com/video/594669918.jpg?mw=1920&mh=1080&q=70In Die Flüsterer (Originaltitel: Hviskerne – Veasoejorksh) begleitet der irische Regisseur David Kinsella, der seit 1991 in  Norwegen lebt, sieben Jahre lang die junge Saamin Ellen-Sara. Genauer gesagt ist sie eine Südsaamin, denn Sápmi, das Gebiet der Saami, erstreckt sich von Schweden und Norwegen über Nordfinnland bis nach Russland und die Saami lassen sich in 10 Untergruppen einteilen.

Zu Beginn des Films werden die Zuschauer in die Welt der Saami eingeführt, indem Ellen-Sara ihre Rentiere haltende Familie vorstellt, alte Fotos von ihren Großeltern in samischer Tracht zeigt oder per Voice-Over etwas über die Geschichte und die Traditionen der Saami erzählt, während man ihr und ihrer Familie beim Treiben der Rentiere zuschaut. Etwas komisch wirkt es schon, wenn sie etwas über das Joiken oder den Glauben der Saami erzählt und dabei in der weitläufigen, verschneiten Landschaft die Rentiere mit ihrem Smartphone filmt.

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Wie wir in unserem Beitrag über Sofia Jannok und das Joiken bereits berichtet haben, spielen die Vorfahren eine wichtige Rolle und sind im Alltag der Saami stark präsent. Man joikt sie und fragt sie um Rat. Auch Ellen-Sara konnte früher mit ihren Ahnen reden und deren Präsenz ist filmisch durch semitransparente Gesichter in den Wolken und undefiniertes Geflüster dargestellt. Mit der Einschulung in eine norwegische Schule verlor sie diese Fähigkeit jedoch. Sie steigt im Laufe des Filmes mehrmals auf einen Berg und versucht, zu ihren Ahnen Kontakt aufzunehmen, aber ihr Bitten bleibt erfolglos. Kein Flüstern ist zu hören. Es bleibt still.

Im Laufe des Filmes werden mehrere kritische Themen angesprochen. Der Klimawandel ist zum Bespiel ein großes Problem für die Saami. Die Rentierhaltung ist ein Grundpfeiler für die samische Lebensweise. Durch den Klimawandel ändert sich nun der Rentierrhythmus, was sich unmittelbar auf die Tradition und das Leben der Saami auswirkt. Das Verbot der samischen Sprache und des Joikens, das aufgrund der Assimilationspolitik im 19. und 20. Jahrhundert in den nordischen Ländern herrschte,  wird nur kurz angeschnitten, während der Problematik, dass die samischen Kinder heutzutage zwischen zwei Welten aufwachsen, der Hauptteil des Filmes gewidmet ist.

Ellen-Sara wirkt glücklich und gelöst, wenn sie in der Natur und bei ihren Rentieren ist. Sie joikt, sie treibt die Rentiere zu der nächsten Stätte und ihr Vater bringt ihr alles Wichtige bei, damit sie später das Familiengeschäft, die Rentierhaltung, übernehmen kann. Das Leben der Saami ist aber hart und die Jugend ist zunehmend neuen Einflüssen ausgesetzt: amerikanische Serien und Filme, Youtube, Spielekonsolen, Smartphones. Diese fremden Stimmen der modernen Welt werden zunehmend lauter als das Flüstern ihrer Ahnen. Ist das ihr bekannte Leben wirklich alles, was die Welt ihr zu bieten hat? Diese Frage, das Gefangensein zwischen zwei Welten, der Bruch mit Bekanntem, um einen eigenen Weg zu finden, all das ist typisch für alle Heranwachsenden und nicht nur die Südsaamin Ellen-Sara.

Eine Frage lässt Ellen-Sara aber nicht mehr los. Hätte sie nicht besser als Cheerleader in Kalifornien geboren werden sollen? Sie fasst den Entschluss, für ein Semester in die USA zu gehen und hat sich für diese Zeit zwei konkrete Ziele gesetzt. Sie will Cheerleader werden und den Amerikanern das Joiken beibringen. In Amerika angekommen tritt sie tatsächlich sofort einem Cheerleader-Team und dem Schulchor bei. Sie trainiert erfolgreich mit, findet schnell neue Freunde, ihr Makeup und Outfit verändern sich und sie wird von den Lehrern aufgefordert, etwas über ihr Leben in Norwegen bzw. Sápmi zu erzählen. Vor ihrer Abreise nimmt sie am Schulkonzert teil und sie hat es tatsächlich geschafft, ihre Ziele zu verwirklichen. Während sie in ihrer Tracht etwas von Sofia Jannok joikt, joikt der Rest des Chores mit und einige beatboxen dazu. Eine symbolische und harmonische Vereinigung der beiden Welten, zwischen denen sie sich gefangen sieht.

Eine besondere Bekanntschaft wird sich nachhaltig auf ihr Leben auswirken. Sie begegnet dem Indianer Chief Blue Eagle, der mit Flyern darauf aufmerksam macht und dagegen protestiert, dass der indigenen Bevölkerung das Land geraubt wird. Er stellt ihr die Frage, was sie tun würde, wenn ihrem Volk das Land genommen werden würde und es ihr Volk nicht mehr gäbe. Dieser Gedanke lässt sie nicht mehr los und ist heute mehr als je relevant für die indigenen Völker.

Einem Zuschauer ohne Sprachkenntnisse mindestens einer der nordischen Sprachen, der sich also nur auf die Untertiteln beziehen kann, fällt ein kleines aber interessantes Detail vermutlich gar nicht auf: Ellen-Saras Sprache. Am Anfang des Filmes, als sie bei ihren Eltern lebt und das Rentiergeschäft unterstützt, redet sie – auch beim Voice-Over – auf Samisch. Nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten und nach dem Auszug bei den Eltern, um auf eine Schule für Ski-Talente zu gehen, fällt mir erst nach einigen Sekunden auf, dass sie jetzt Norwegisch spricht.  Sie kehrt jedoch immer dann zurück zum Samischen, wenn sie in ihrer Heimat ist oder über etwas redet, das einen Bezug zu den Saami hat. Der Sprachwechsel bleibt im Film dennoch unkommentiert.

David Kinsella hat mit diesem Film zwar das Heranwachsen von Ellen-Sara dokumentiert, aber er besteht darauf, dass der Film nicht in die Kategorie Dokumentarfilm einzuordnen ist. Am liebsten wäre es ihm, wenn man Die Flüsterer einfach als David-Kinsella-Film ansieht. Nach dem Film gibt er zu, dass die Menschen und viele Elemente des Filmes zwar real sind, manche Details und vermeintliche „Zufälle“ jedoch zum Zweck einer stimmigen und interessanten Storyline hinzugefügt oder leicht verändert wurden. Ursprünglich war es sein Plan, einen Film über die acht Jahreszeiten der Saami, die sich nach dem Wanderzyklus der Rentiere richten, zu filmen und er hatte keine Ahnung, dass sich der Film zu einem mehrjährigen Projekt mit einem ganz anderen Fokus entwickeln würde.

Die Zuschauerfrage, ob Ellen-Sara sich nun für eine der beiden Welten – und wenn ja, für welche – entschieden hat, beantwortet David Kinsella ebenfalls. Ellen-Sara hat sich im Wesentlichen für ihre Wurzeln entschieden, kann die Stimmen ihrer Ahnen wieder hören und wird das Geschäft der Eltern übernehmen. Ihr Vater und ihre Muttern waren vor Drehbeginn extra bei einem Schamanen und wollten erfahren, ob sie den Film drehen sollen oder nicht. Der Film ist in ihren Augen sehr wichtig für die Saami und wird als Teil eines Kunst- und Kulturprojektes im nächsten Jahr in norwegischen Schulen gezeigt.

Trailer:

The Whisperers 2016 Trailer from David Kinsella on Vimeo.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.