Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil II

Ausrufezeichen Baltikum

Was interessiert dich am Baltikum?

Mich begeistert die Kultur, z.B. Volkslieder und -tänze, die Traditionen, z.B. Kūčios in Litauen (der litauische Heilige Abend mit seinen spezifischen Bräuchen), und wie sie in der Bevölkerung gewahrt und gelebt werden. Außerdem haben Lettland und Litauen wundervolle Landschaften zu bieten. Nicht zuletzt lerne ich auch gerne die Sprachen, Lettisch gefällt mir da besonders.
– Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

Nach dem Abitur bin ich eher zufällig für ein Jahr nach Estland gekommen und habe mich auf meinen Reisen durchs Baltikum in alle drei Staaten verliebt. Im Baltikum herrscht eine ganz andere Grundstimmung als in Deutschland. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass alle Wege schon gegangen sind und alles irgendwie „gesetzt“ erscheint, wohingegen man im östlichen Europa und insbesondere im Baltikum eine sehr starke Aufbruchsstimmung spürt. Eine gute estnische Freundin hat mir dazu einmal gesagt: „Die Zukunft ist jetzt – und sie gehört uns, den jungen Leuten. Wir haben lange genug darauf gewartet, dass die Zukunft zu uns kommt, jetzt kommen wir zu ihr.“ Bars und Ateliers entstehen in alten Lagerhallen oder Werkstätten aus der Sowjetzeit, junge Leute experimentieren mit einer Mischung aus Folklore und Popmusik, und StartUps schießen überall aus dem Boden. Jedes Mal, wenn ich an mir eigentlich vertrauten Orten im Baltikum vorbeikomme kann ich noch etwas entdecken, was neu ist und darauf wartet, entdeckt zu werden.
– Marcel, Slawistik- und DaF-Student, Greifswald

Zum einen interessiert mich die Geschichte dieser Länder. Durch die Geschichte sind wir Deutschen eng mit den baltischen Staaten verknüpft, und trotzdem wissen wir so wenig darüber.
Außerdem ist es ein tolles Gefühl, eine Sprache wie Lettisch oder Litauisch zu beherrschen. Manchmal werde ich ganz bewundernd angesehen, wenn ich es erzähle, denn sonst kommt ja fast niemand auf die Idee, diese Sprachen zu lernen. Dabei sind sie wirklich schön und ich lerne sie sehr gerne.
Mir gefällt auch die naturverbundene Kultur, die die Balten bis heute bewahrt haben – genauso wie ihre ruhige Mentalität. Eine Freundin, die ich in Daugavpils kennengelernt habe, meinte: Wenn man einmal in Lettland Zug gefahren ist, kommen einem drei Stunden im Bummelzug einfach nicht mehr lang oder wie Zeitverschwendung vor. Stimmt: Man lernt dort, alles ruhiger angehen zu lassen und zu entspannen.
Berit (23), Baltistikstudentin, Greifswald
Ausrufezeichen LV

Was sollte man im Baltikum gesehen/probiert/ausprobiert/erlebt etc. haben?

In Litauen sollte man Gerichte der Landesküche wie z.B. cepelinai und kugelis probieren – und Quarkriegel, auf Litauisch heißen sie sūrelis – und das Bier Švyturys! Außerdem empfehle ich einen Spaziergang auf der Kurischen Nehrung und dem Raganų kalnas, dem „Hexenberg“. Die Stadt Trakai ist wunderschön, und auch die Ostseebäder Palanga und Šventoji.
– Greta (24), Language-Diversity-Studentin (Baltistik, Skandinavistik), Greifswald

Auf jeden Fall sollte man alle drei Haupstädte mal besucht haben, denn die sind alle sehr unterschiedlich. Tallinn ist die Burgenstadt, Riga die Hansestadt mit Jugenstil und in Vilnius findet man Barock und Renaissance wieder. Aber nicht nur die Haupstädte sollte man besuchen, sondern auch die kleineren, um zu erleben, wie das Leben dort ist, und um zu sehen, wie sich die Städte entwickeln.
Und Zug fahren sollte man. Es ist richtig lustig und angenehm. Aber gleichzeitig lernt man auch Fernbusse zu schätzen – sie sind ja mittlerweile auch in Deutschland im Kommen. Im Baltikum schon länger.
Außerdem kann man gerne mal herausfinden, was es für verschiedene Milchprodukte gibt. Quark habe ich in Lettland schon mal nicht gefunden, aber ich liebe Sieriņi – eine Creme mit leichter Schokolade umhüllt, auf Deutsch heißen sie Quarkriegel. Darin ist biezpiens – das, was allgemein mit Quark übersetzt wird, was es aber nicht ist.
Dann natürlich Jāņi, das lettische Mittsommerfest. Kümmelkäse essen und Bier trinken, um den Baum tanzen und die helle Nacht bewundern. Natürlich wäre Mittsommer in Estland dann am spannendsten, da es das nördlichste der drei Länder ist und es dort am längsten hell bleibt.
– Berit

Am besten sollte man sich im Baltikum viel Zeit nehmen und sich auf verschiedene Erfahrungen einlassen. Glücklicherweise habe ich alle baltischen Länder mit ihren Landschaften und Städten ins Herz schließen können. Wer in warmen Juninächten in einem Hinterhof in Vilnius Cepelinai gegessen hat, wird seine Erfahrungen genauso wertschätzen können wie bei einem Spaziergang durch den zentralen Markt in Riga oder bei einem Bier im Segelhafen von Pirita mit einer traumhaften Aussicht auf die Bucht vor Tallinn. Wer sich dann noch in eine estnische Rauchsauna mit anschließendem Sprung ins Eisloch traut, der kann nicht anders, als sich vom baltischen „Spirit“ packen zu lassen.
– Marcel

Auf jeden Fall kann ich eine Radtour durch eines der Länder nur empfehlen. Das ist einfach der IDEALE Weg, eine Gegend genau zu erkunden. Ansonsten KĀRUMS und LIDO!!!! 
– Philipp, ehem. Baltistikstudent an der Uni Greifswald

Man sollte probieren und ausprobieren, was man nur kann. Ob es schmeckt oder nicht – kosten muss man es! Und an Dill mit saurer Sahne gewöhnt man sich sehr schnell 😉 
Naďa (26), Osteuropastudien (Lettonistik), Prag

Es gibt viele Sehenswürdigkeiten im Baltikum. Allein die Städte Riga und Vilnius sind eine Reise wert. Riga mit seinen Jugendstilgebäuden, das Schwarzhäupterhaus und die St. Peterskirche. Als ehemalige deutsch-baltische Hansestadt ist sie auch historisch bedeutsam. Vilnius dagegen, im gotischen Stil gebaut, lädt mit dem Tor der Morgenröte, der Kathedrale nahe des weit bekannten Gediminas-Prospekts und dem Gediminas-Turm zur Stadtbesichtigung ein. Orte, die man in Litauen gesehen haben muss, sind die Wasserburg in Trakai, unweit der Landeshauptstadt Vilnius, der Berg der Kreuze in Šiauliai und die einst deutsche Hafenstadt Klaipėda (Memel). Weiterhin gibt es in Litauen und Lettland einige Gehöfte, viele mit den verschiedensten Programmen und Festen, einige auch mit Töpfer-, Holz- und Malerwerkstätten, die einen Besuch wert sind. Und wer das Shoppen nicht missen möchte – im Baltikum gibt es eine Reihe großer Einkaufszentren, oftmals auch mit Restaurants heimischer Küche, in denen man vom deftigen Essen und landestypischen Bier probieren sollte.
– Georg

Ausrufezeichen EST

Sind die baltistische Forschung und Lehre von Bedeutung? Was meinst du?

Baltistische Lehre und Forschung sind wichtiger als je zuvor. Wir betrachten gerade in Osteuropa und im östlichen Mitteleuropa Prozesse großer gesellschaftlicher und kultureller Bewegung. Zugleich rücken wir als europäische Gemeinschaft nach wie vor näher zusammen. Gerade die letzte Zeit hat uns gezeigt, dass es uns an Experten mangelt, die solche Prozesse analysieren und bewerten können. Wer in diesem Prozess mithalten will, der muss lernen, „die Anderen“ zu verstehen.
– Marcel

Diese Frage stellt sich für mich gar nicht. Jeder Bereich des Lebens hat es verdient, erforscht zu werden. Wieso soll ausgerechnet die Erforschung eines der ältesten Äste des indoeuropäischen Sprachenbaumes dann bedeutunglos sein? Ich bin der Meinung, dass diese Sprachen immens unterschätzt werden, insbesondere in ihrer Wechselwirkung mit anderen Sprachen im Ostseeraum.
– Philipp

Allerdings! Im europäischen Kontext – und ich hoffe, nicht nur dort – ist Vielfalt ein zentraler Wert. Wir müssen nicht nur die großen Philologien und andere Wissenschaftszweige unterhalten, sondern auch die kleinen. Auch wenn man auf den „praktischen Nutzen“ zu sprechen kommt, sind die baltischen Philologien eine große Investition, was die Politiker aber erst dann erkennen, wenn das Baltikum infolge der russischen Politik in ihr Blickfeld rückt.
– Nad’a

Jede Forschung und Lehre ist von Bedeutung. Man kann nicht behaupten, die baltistische sei es nicht, weil man damit ganzen Ländern ihre Wichtigkeit und damit auch ihre Existensberechtigung nimmt. Jedes Land hat seine eigene Kultur und Sprache. Warum sollte man nicht jede Sprache und Kultur erforschen? Außerdem wird dadurch, dass im Ausland zum Baltikum geforscht wird, eine besondere Verbindung zwischen unseren Ländern hergestellt, die man allein aus wirtschaftlichen, wenn nicht ohnenhin aus freundschaftlichen Gründen aufrecht erhalten sollte.
– Berit

Natürlich! Nur an wenigen Universitäten gibt es die Möglichkeit, baltische Philologien zu studieren, und dort wo es sie gibt, sollte man sie auch erhalten.
Ernesta (26), Lituanistikstudentin, Vilnius

Meiner Meinung ja, denn Lettisch und Litauisch sind die letzten beiden lebenden baltischen Sprachen, die an und für sich schon einzigartig sind. Die Sprache ist, wie auch die Mathematik, ein System, und es ist interessant, nach Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Zusammenhängen zwischen zwei Sprachsystemen zu suchen.
Inese, ehem. Baltistikstudentin, Riga

Was glaubst du, weshalb andere Baltistik studieren?

Wer einmal im Baltikum war, kann sich sicher meist sehr schnell für die Region, die Kulturen und die Sprachen begeistern, denn im Baltikum steckt eine Unmenge an Potenzial. Zudem wird man dadurch auch zum Exot, denn beispielsweise Anglistik oder Romanistik kann man an so ziemlich den meisten Unis studieren, Baltistik sticht da echt hervor. Wer die Baltistik mag, braucht mir nicht zu erklären warum, ich kann diese Entscheidung zu 100% nachvollziehen.
– Marcel
Ausrufezeichen LT

Wie könnte man der Baltistik zu mehr Bekanntheit verhelfen?

Schwer zu sagen. In der heutigen praktisch orientierten Gesellschaft, ist es stets erforderlich, die Pragmatik einer bestimmten Studienrichtung zu betonen. Die Baltistik hat schon eine praktische Seite, nur müsste man sie stärker hervorheben, wenn das nun einmal so bedeutsam ist. Man könnte vielleicht mehr Studenten anlocken, wenn sie sehen würden, wie sie ihr während des Studiums angeeignetes Wissen anwenden können.
Man darf nicht vergessen, dass auch die Dozenten einen großen Anteil an der Popularität eines Studienfaches haben. Kleine Institute brauchen entschlossene und tatkräftige Dozenten, die daran interessiert sind, die Studenten nicht nur während der Veranstaltungen, sondern auch darüber hinaus zu motivieren.
– Ernesta

Die Baltistik ist interessant und sicher sehr schön, doch Schönheit allein reicht leider nicht. Die Baltistik muss lernen, schön und laut zugleich zu sein. Sie kann viele Reize bieten, die sollte sie auch nach außen tragen. So kann die Greifswalder Baltistik zu einem selbstverständlichen Part der Greifswalder Studienlandschaft werden, wobei eine stärkere Präsenz durch z.B. studentische Veranstaltungen oder besonderen Studienangeboten, wie sie in etwa die Slawistik im Rahmen des Polonicums und Ukrainicums anbietet, geschaffen werden muss.
– Marcel

Die Baltistik braucht mehr Werbung, auch innerhalb der Uni. Sie sollte auch bei wichtigen Veranstaltungen wie Studien- und Berufsinformationstagen vertreten sein.
– Greta

Es wäre zum Beispiel interessant, den Austausch stärker zu fördern. Das heißt, mehr Schulen zu involvieren und so eine frühe Liebe für diese Staaten zu fördern. Denn so sieht doch der klassische Weg eines Baltisten aus: über die Schule in Kontakt gekommen und irgendwie dort oben hängengeblieben.
– Philipp

Es bestehen in Deutschland zahlreiche Schulpartnerschaften mit dem baltischen Ländern, so gibt es z.B. in Thüringen 11 Schulpartnerschaften (Litauen 9, Lettland 2). Sie sind eine hervorragende Grundlage für den ersten Kontakt zu den baltischen Staaten und die Schaffung persönlicher Beziehungen zum Baltikum. Hier sollte es möglich sein, eine Plattform für die an diesen Partnerschaften teilnehmenden Schüler zu schaffen, um sie auf die Möglichkeit der Lehre und Forschung in der Baltistik aktiv aufmerksam zu machen.
Dass das Hauptaugenmerk zur Schaffung eines höheren Bekanntheitsgrades der Baltistik in den Schulen bei Schülern im Alter zwischen 14 und 18 Jahren liegt, dürfte einleuchtend sein. In vielen Schulen finden jährlich Projektwochen, Schulfeste und Exkursionen, sowie Klassenfahrten statt. Zu solchen Anlässen könnte die Universität/das Institut für Baltistik eigene Aktionen, z.B. eine von Studenten erarbeitete Projektwoche (in Zusammenarbeit mit den Lehramtsstudenten) oder einen „Wusstest du …“ und „Mach mit“-Stand, oder aber Unterstützung beziehungsweise Begleitung bei Exkursionen oder Klassenfahrten rund ums Baltikum anbieten.
Um alle Altersklassen und vor allem die Bevölkerung in und um Greifswald näher anzusprechen bietet sich die Organisation und Durchführung eines Festivals der baltischen Kultur, ähnlich dem bereits bestehenden Polenmarkt, an. Ohne Frage stellt dies zunächst ein Mammutprojekt dar, welches ohne weitreichende Unterstützung oder die vorerstige Eingliederung in ein bestehendes Projekt nicht umzusetzen wäre. Ideen und Visionen hierzu wird es en masse geben. Die grundlegende Arbeit würde beim Institut für Baltistik, insbesondere auch deren Studenten liegen, was sich aber mit dem (Pflicht-)Praktikum der General Studies gut ausgleichen ließe.
– Georg

About author View all posts

Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.