Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil I

Das Baltikum liegt auf der Bekanntheitsskala recht weit unten. Ebenso ist Baltistik nicht gerade das Fach, für das man sich planlos an der Universität einschreibt – oder doch? Wie bist du zur Baltistik gekommen?

Fragezeichen

Stimmt, um Baltistik zu studieren, sollte man zumindest schonmal davon gehört haben, und das ist nicht gerade oft der Fall. Und selbst dann, so glaube ich, braucht man immer noch einen gewissen persönlichen Bezug zu den baltischen Staaten.
Meine Gesamtschule in Jena hat eine Partnerschule in Litauen. Damals durfte ich die Anfänge dieser Partnerschaft miterleben und auch tatkräftig mitgestalten. Mein Engagement war damals sehr groß und schnell ergab sich der Bezug zu Land, Leuten, Kultur und Sprache. Als ich später nicht recht wusste, was ich denn schlussendlich studieren sollte, suchte ich im Internet nach einer Möglichkeit, etwas mit Litauen zu machen. Erster Treffer – Baltistik in Greifswald.
Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

Ich bin in Litauen geboren und als ich 6 Jahre alt wurde, sind meine Familie und ich nach Deutschland gezogen. Demzufolge habe ich die Schule in Litauen nicht besuchen können. Litauisch lesen und schreiben konnte ich nur ansatzweise, auch wenn ich fließend gesprochen habe. Das weckte mein Interesse, in Greifswald am Institut für Baltisitik zu studieren. Ich wollte die Sprache ordentlich lernen, mehr über Land und Leute erfahren – die Beziehung zu meinem Geburtstland aufrechterhalten. Ich habe ebenfalls die Möglichkeit, Lettisch zu studieren, genutzt.
– Greta (24), Language-Diversity-Studentin (Baltistik, Skandinavistik), Greifswald

Bei mir war es wirklich reiner Zufall. Ich bin nach Ewigkeiten endlich auf die Idee gekommen: Mensch, ich interessiere mich für Sprachen, aber deswegen muss ich ja nicht gleich Englisch studieren, es gibt schliFragezeichen Nr 3eßlich so viel mehr Auswahl. Und ich entschied mich für Skandinavistik. Dann habe ich nachgesehen, wo man das in Deutschland studieren kann und mir für jede Uni die Zweitfächer angeschaut. Bei der Uni Greifswald stand da „Baltistik“. Ich hatte keine Ahnung, was genau das war. Dabei fiel mir auf, dass ich über das Baltikum überhaupt nichts wusste. Das musste ich ändern. Es kann doch nicht sein, dass man so wenig über ein Land, seine Leute und seine Kultur weiß.
Und damit war auch der Grund gefunden, warum ich denn überhaupt zum Studieren nach Greifswald ging.
Berit (23), Baltistikstudentin, Greifswald

Ja, dass man so etwas wie Baltistik studieren kann, wusste ich vor dem Studium gar nicht, denn an der Universität von Vilnius gab es so ein Fach nicht. Mein Weg zur Baltistik begann im zweiten Studienjahr, als ich eine Veranstaltung über Baltische Philologie besuchte, die für alle Lituanisten – also für Studenten litauischer Philologie – verpflichtend war. Ich war fasziniert von den alten Schriften und von der Geschichte der baltischen Sprachen. Als wir im dritten Jahr eine Richtung wählen konnten, entschied ich mich daher unbedingt für den „Baltischen Sprachzweig“ und ich habe die Wahl nicht ein Sekunde bereut! Ich finde es deshalb sehr gut, dass wir diese Möglichkeit hatten. Heute gibt es die Richtung nicht mehr, sie ist gestrichen worden.
Ernesta (26), Lituanistikstudentin, Vilnius

Alles begann mit meiner Immatrikulation, bei der ich mich „nur“ für ein PoWi-Studium eingeschrieben hatte, woraufhin eine Antwort der Uni Greifswald mit der Post kam, welche mir anriet, noch ein zweites Fach auszuwählen, wenn ich denn in Greifswald studieren möchte. Völlig überrascht und überfordert gab ich in meiner Verwirrung als erstes Philosophie an.  Als ich dann auf der Post in der Schlange stand, um den Brief an die Uni abzusenden gingen mir meine Ethikstunden nicht mehr aus dem Kopf und, dass ich mit dem einen oder anderen Philosophen so gar nichts anfangen konnte.  Also verließ ich meinen Platz in der Schlange und begab mich in den benachbarten Schreibwarenladen, um mir Tipp-Ex zu besorgen. Nun stand ich aber erneut vor der Wahl. Ich dachte so bei mir, dass die Kombination mit einer Sprache ganz nett sei und da stach mir zu erst Slawistik ins Auge. Aber ich hatte schon 4 Jahre Russisch an der Schule über mich ergehen lassen und empfand den Gedanken, nochmals 3 Jahre mit Russisch verbringen zu müssen, zu dem Zeitpunkt als nicht besonders erhebend. Und da stand es… „BALTISTIK…das klingt interessant“, ging mir durch den Kopf. Das Baltikum, so dachte ich mir, kenn ich nur von der Karte. Das ist bestimmt spannend oder zumindest ausgefallen. Und so schrieb ich mich für Baltistik ein.
Als ich mir dann eine Wohnung in Greifswald suchte, traf ich bei einem WG-Casting eine junge Dame die einen kannte, der Baltistik studierte. (Greifswald eben) Wir kamen ins Gespräch und ich wurde gefragt, welche Sprache ich denn lernen möchte. Ich antwortete „Estnisch“, nur um dann erklärt zu bekommen, dass man das a) nicht in Greifswald lernen könne und dass es b) nicht zu den baltischen Sprachen gehöre, so wie es Lettisch und Litauisch zu eigen ist. Angemerkt wurde dann noch, dass Lettisch einfacher sei, und so entschied ich mich dann für Lettisch und dies habe ich niemals auch nur eine Sekunde bereut.
Philipp, ehem. Baltistikstudent an der Uni Greifswald

Fragezeichen Nr 2

Philologien sind ganz bestimmt keine häufige Wahl. Ich wollte Wirtschaft studieren, bewarb mich aber parallel für Baltistik. Ich dachte, wenn ich für Wirtschaft nicht genommen werde, dann lerne ich wenigstens eine Sprache. So entschied nun das Schicksal, dass ich das Stipendium gerade für Baltistik, und zwar für das Modul Lituanistik, bekommen sollte 🙂 . Schon bald merkte ich, dass ich dort richtig war. 🙂 Mich haben immer schon Sprachen und andere Kulturen interessiert (Bräuche, Aberglaube, Ansichten usw.). Obwohl Litauen unser Nachbarland ist, wissen wir nicht viel über unsere Nachbarn. Während meines Auslandsstudiums in Litauen fiel mir auf, dass das Litauische Parallelen zum oberlettischen Dialekt aufweist. So wurde mein Draht zu der Sprache noch stärker.
Inese, ehem. Baltistikstudentin, Riga

Mein Weg zur Baltistik ist ein wenig das Ergebnis von Zufällen gewesen, wenn er auch den Prinzipien entsprach, nach denen ich mein Studienfach aussuchte. Im Gymnasium war mir klar, dass ich in Richtung Geisteswissenschaften gehen wollte. Mein Interesse weckten die Religionswissenschaften (ihr mythologischer Aspekt). Aber zuhause wollte man hören, dass ich etwas studieren würde, das zu „praktischen Resultaten“ führte. Ich dachte mir, dass philologische Fächer zumindest ein gewissermaßen „praktisches“ Resultat hatten – Sprachkenntnisse. Da sich die anderen für den Westen interessierten, wollte ich es andersrum – in den Osten. Ich habe immer einen Drang danach verspürt, Lücken zu füllen. In der Abteilung für osteuropäische Sprachen begann ich zunächst, Russisch zu studieren. In der Studienbeschreibung stand, man müsse zwei Sprachen studieren, und ich wählte eine große und eine andere kleine in geographischer Nähe zueinander – Russisch, als Hauptsprache, und Lettisch, als spätere Zweitsprache. In meinem ersten Jahr besuchte ich die fakultative Veranstaltung „Lettische Folklore“ und erfuhr, wie archiaisch sie noch war (jetzt sind wir wieder bei der verlockenden Anziehungskraft der Mythen). Im darauffolgenden Jahr konnte man mit Lettonistik, also mit lettischer Philologie, beginnen (was nur alle zwei bis drei Jahre möglich ist) und ich entschied, das Fach zu wechseln. Soviel zu meinem Weg zur Lettonistik.
Naďa (26), Osteuropastudien (Lettonistik), Prag
Fragezeichen Nr 1

Fortsetzung folgt …

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Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.