Der Tag wird kommen | Der kommer en dag

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Foto: dfi.dk

Wir befinden uns im Jahr 1967 und circa 60 km von Kopenhagen entfernt. John F. Kennedy verspricht an diesem Tag in einer Rede, dass man kurz davor sei, auf dem Mond zu landen. Zwei kleine Jungen sitzen auf der Rückbank eines Autos: Elmer (Harald Kaiser Hermann) und Erik (Albert Rudbeck Linhardt). Sie sind 10 und 13 Jahre alt und der Erzähler lässt die Zuschauer wissen, dass die Brüder auf dem Weg nach Gudbjerg sind, ein Waisenhaus, das auf dem realen Godhavn-Heim und dessen Skandalgeschichte (die erst 2011 aufgedeckt wurde und dessen juristisches Nachspiel bis heute anhält) beruht. Dort angekommen, müssen sie ihre Kleidung ablegen und bekommen jeder eine Nummer und einen Schlafanzug zugeteilt.

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Rückblende. Die beiden schon öfter auffällig gewordenen Brüder rennen begleitet von lauter Rock’n’Roll-Musik und mit einem gestohlenen Teleskop durch eine Anti-Vietnam-Demonstration. Elmer, der jüngere Bruder, ist fasziniert von Mond, Weltall, Raketen und Astronauten. Dort oben könnte man alle Sorgen der Erde vergessen und auch sein Klumpfuß würde ihm in der Schwerelosigkeit keine Probleme mehr bereiten. Die Wände seines Zimmers sind beklebt mit Satellitenbildern und Zeitungsausschnitten. Ihre alleinerziehende Mutter erkrankt in den ersten Filmminuten an Krebs und kann sich nicht mehr um die Kinder kümmern, weswegen Elmer und Erik bis Weihnachten zunächst in einem Heim unterkommen sollen.

Der ersten Nacht im Heim wird ein abruptes Ende gesetzt, als der Oberlehrer Lassen (Lars Ranthe) an den Betten rüttelt, mit Schlüsseln dagegen schlägt und schreit, dass alle aufstehen sollen. Beim Frühstück treffen sie zum ersten Mal auf den Heimleiter Heck (Lars Mikkelsen, Bruder von Mads Mikkelsen) und sowohl die Jungen als auch die Zuschauer bekommen einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Als Elmer die Frage nach seinem Berufswunsch mit einem unrealistischen „Astronaut“ beantwortet, wird er mit einer Backpfeife und der Aufforderung zur Feldarbeit belohnt. Erik, der dem Heimleiter erklären möchte, dass sein Bruder einen Klumpfuß hat und deswegen nicht aufs Feld geschickt werden könne, fängt sich gleich darauf ebenfalls eine ein.
Fragwürdige Erziehungspraktiken lässt man sich in Gudbjerg zahlreich einfallen. Als der Oberlehrer bemerkt, dass Elmer eingenässt hat, muss dieser draußen in der Kälte nur in Unterhose bekleidet das schmutzige Bettlaken so lange hochhalten, bis es trocken ist. Außerdem bekommen er und die anderen „Pinkeljungs“ jeden Tag nach dem Aufwachen Amphetamine und am Abend zur Beruhigung das Antipsychotikum Truxal verabreicht. Als Elmer und Erik bei ihrem ersten Fluchtversuch gepackt werden, fordern alle Kinder lautstark im Chor nach „Gudbjerg spank“. Eine Forderung, der der Leiter nur allzu gerne nachkommt. Nun dürfen alle Kinder der Reihe nach die Brüder schlagen. Bis sie blutig am Boden liegen. Als Zuschauer fragt man sich, wieso die vielen Verletzungen nie bei den Inspektionen aufgefallen sind. Die Frage wird beantwortet, als der Leiter mit kalter, emotionsloser Mimik und Stimme eine Mitarbeiterin auffordert, alle Jungen für die angekündigte Inspektion herzurichten und die blauen Flecken zu überschminken.
Die Atmosphäre im Heim ist geprägt von Angst – vor den Lehrern aber auch den älteren Kindern – und emotionaler Isolation. Getreu dem Motto „Hauptsache nicht ich“ schauen alle weg, wenn einer von ihnen misshandelt wird, und jeder sorgt sich nur um sein eigenes Wohl. Elmer ist jedoch in jeder Hinsicht eine Ausnahme. Als er von seinem Bruder ein im Abfall gefundenes Stück Schokolade bekommt, isst er es nicht alleine, sondern beißt nur ein kleines Stückchen ab und reicht es einem anderen Kind. Aufgrund der erstaunten Gesichter, die ihn anstarren, erklärt er, dass Astronauten alles miteinander teilen. Sie seien dort oben auf sich alleine gestellt und bräuchten die Kraft eines jeden Einzelnen, denn nur zusammen seien sie stark. Genau diese Geste ist der Grundstein für einen wachsenden Zusammenhalt von der Gruppe Heimkinder um Elmer und Erik, zu der auch der Erzähler gehört.
Elmer zeigt aber nicht nur seiner unmittelbaren Gruppe von Freunden gegenüber Empathie. Eines Nachts wird ein Junge von Lehrer Aksel (Søren Sætter-Lassen) aus seinem Bett geholt. Während alle Kinder die Augen schließen oder weggucken und still sind, fragt Elmer seinen Bruder, wohin er wohl geht und was mit ihm passieren wird. Er solle nicht darüber nachdenken, ist Eriks Antwort.
Die Brüder lernen schnell, dass man zum Überleben in Gudbjerg ein Geist werden muss. Geister fallen nicht auf und nur die, die aus der Menge hervorstechen, werden Opfer der Erwachsenen und älteren Kinder. Dies gelingt ihnen jedoch nur für eine sehr kurze Zeit und schon bald muss Elmer  am eigenen Leib erfahren, was der Lehrer mit seinen auserwählten Lieblingen nachts hinter der verschlossenen Zimmertür anstellt.

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Nur zu der neu angekommenen Lehrerin Frau Hammershøi  (Sofie Gråbøl) können die Brüder mit der Zeit etwas Vertrauen gewinnen. Bei ihrer Ankunft wird sie bereits Zeugin davon, wie der Heimleiter körperliche Gewalt gegen die Kinder anwendet. Den ganzen Film über bleibt sie die einzige Person, die die Praktiken des Heimleiters hinterfragt, wenn auch nur vorsichtig. Auf ihren Einwand hin erwidert der Heimleiter, dass die Jungen alle nach Gudbjerg gekommen seien, weil niemand sie kontrollieren könne, und alles dort nur zu ihrem Wohle geschehe. Frau Hammershøi versucht immer wieder auf ihre Weise, Elmer und Erik zu helfen. Besonders bleibt einem die Szene im Gedächtnis, in der Erik und Elmer von dem Tod ihrer Mutter erfahren. Sie sind gerade im Speisesaal und essen zu Mittag. Erik wird zum Telefon bestellt und erfährt als Erster von ihrem Tod. Während Erik wie betäubt wieder zu seinem Platz läuft und immer stärker weint, isst Elmer weiter und bemerkt dies zuerst nicht. Von Sekunde zu Sekunde weinen und schreien die beiden immer stärker und folgen nicht den Aufforderungen des Heimleiters zur Ruhe, der weiterhin an seinem Tisch sitzt und gemächlich isst. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit steht er auf und geht zu den Brüdern. Aber nicht, um sie zu trösten, nein. Er schlägt sie, schreit sie an, dass sie essen sollen, und drückt Eriks Gesicht ins Essen. Als der Heimleiter sich wieder auf seinen Platz setzt, steht Frau Hammershøi zögerlich auf, stellt sich hinter die Jungen, drückt deren Hände, in denen sie die Gabeln halten, wieder nach unten und legt ihnen still die Hände auf die Schultern. Aber auch Frau Hammershøi begeht eines Tages einen großen Vertrauensbruch.

Sommer 1969. Geplanter Tag der Mondlandung. Der Tag ist gekommen. Ein neuer Inspektor bemerkt, dass es in Gudbjerg nicht mit rechten Dingen zugeht, aber er kann keine handfesten Beweise finden und keines der Kinder meldet sich, als er fragt, ob jemand mit ihm unter vier Augen sprechen möchte. Am Abend dürfen die Kinder ausnahmsweise vor dem Fernseher die Mondlandung mitverfolgen, während sich Erik Ärger mit dem Heimleiter einhandelt und infolgedessen bewusstlos in das Krankenzimmer gebracht wird. Dort hört Elmer zufällig, dass der Zustand seiner Bruders sehr kritisch ist, der Heimleiter sich aber gegen den Rat des Arztes dazu entschließt, Erik nicht in ein Krankenhaus zu bringen. Wenn Erik stirbt, dann sei das der Wille einer höheren Macht und nicht ihre Schuld, rechtfertigt sich der Leiter, während er Erik dabei sanft eine Haarsträhne von der Stirn streicht. Diese für den Heimleiter typische und perfekt inszenierte Diskrepanz zwischen Gestik und Worten zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film.
Elmer entwickelt nun auf eigene Faust einen Plan, wie er Erik retten kann. In einem u.a. aus Gummihandschuhen und Alufolien gebastelten Astronautenanzug schlägt er unter den Jubelrufen der anderen Kinder mit einem Hammer auf das Auto des Heimleiters ein, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, was ihm auch gelingt. Im Laufe der Verfolgung steigt er trotz Höhenangst auf einen Wasserturm und stellt sich vor, wie er von dort abhebt und zum Mond fliegt, bevor er abspringt.
Der Film endet mit sehr kraftvollen Szenen. Im Krankenhaus setzt sich Frau Hammershøi zwischen die Betten der beiden komatösen Brüder und legt nach einem leichten Zögern ihre Hände auf deren Beine. Zurück in Gudbjerg fragt der Inspektor erneut vor den Augen des Heimpersonals, ob einer der Jungen ihm privat etwas sagen möchte. Während zaghaft eine Hand nach der anderen gehoben wird, sieht man in den Augen der Lehrer, dass sie genau wissen, dass dies ihr Ende sein wird und die Kinder keine Angst mehr vor ihnen haben.

Der Tag wird kommen/Der kommer en dag ist ein Film, der sowohl auf einer wahren Begebenheit als auch auf wahren Personen beruht und einen von der ersten Sekunde an an den Kinositz fesselt. Die vielen Gänsehaut- und „Kloß im Hals“-Momente sind vor allem zwei Aspekten geschuldet. Die Stille und die langen Nahaufnahmen von Mimik und Gestik verleihen gerade den Gewaltszenen einen besonderen Nachdruck. Dabei spielen aber natürlich auch die schauspielerischen Meisterleistungen aller Beteiligten eine große Rolle. Lars Mikkelsen, Søren Sætter-Lassen und Lars Ranthe lassen mit ihrer perfekten Darstellung des skrupellosen Heimpersonals auch den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren, während Harald Kaiser Hermann und Albert Rudbeck Linhardt auf wunderbare Weise die herzzerreißende Geschichte von zwei Brüdern porträtieren, die bis ans Äußerste gehen würden, um den anderen zu beschützen.

Trailer (leider ohne Untertitel):

 

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote am Rand:

Wir saßen im Saal zufällig neben Harald und seiner Familie. Als vor der Filmvorstellung ein Video von der Preisverleihung am Vorabend gezeigt wird, bei der Der Tag wird kommen/Der kommer en dag den Publikumspreis gewonnen hatte, drückt er seinen Kopf an die Schulter des Vaters, schließt die Augen, steckt sich Finger in die Ohren und summt, damit er sich und seine Dankesrede weder sehen noch hören muss.

Nach dem Film bot sich ein ganz anderes Bild: Ob er später einmal Schauspieler von Beruf werden will? Das könne er jetzt noch nicht sagen, weil bis dahin noch viel passieren kann und man nie weiß, wo man enden wird, gibt der 11-jährige im perfekten Englisch und lässig an die Bühne gelehnt bei der Fragerunde weise von sich. Wir können nur hoffen, dass wir in den kommenden Jahren noch viel von ihm sehen werden.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.