Der Natur und den Anderen trotzend – Europas letztes Urvolk

Die Samen, ihre Geschichte und ihr Leben 1/3

Weit im Norden, am äußersten Zipfel von Europas Festland, begebe ich mich auf eine Entdeckungsreise. Ich reise durch die Finnmark, Norwegens nördlichstem Regierungsbezirk. Ein Gebiet das zwar norwegisch ist, aber gleichzeitig mehrheitlich[1] von Samen (Sámi in der Landessprache) bewohnt wird. Die Samen – Europas letztes indigenes Volk. Ich frage mich, wer diese Menschen sind, die der kargen Natur trotzen, die mich von Anfang an fasziniert hat. Wie hat sich ihr Leben in den letzten Jahren durch Globalisierung und technologischen Fortschritt verändert? Und was bedeutet es heute Same zu sein? In dieser dreiteiligen Reihe möchte ich diesen Fragen nachgehen.

Die rund 70.000 Samen, wobei die Zahl sehr unsicher ist, leben in einem Land ohne Staatsgrenzen und Besitz, das sie selbst Sápmi nennen. Fälschlicherweise wird es häufig mit Lappland gleichgesetzt; Sápmi ist jedoch weitreichender als die gleichnamigen Provinzen in Finnland und Schweden. Das Siedlungsgebiet der Samen umfasst außerdem weite Teile Norwegens, wo der Großteil aller Samen wohnt, und reicht bis zur russischen Kola-Halbinsel. Schon vor mehr als 10.000 Jahren sollen die Vorfahren der Samen in den arktischen Regionen Nordeuropas gelebt und mit Ackerbau, Fischfang und Rentierzucht über Jahrhunderte hinweg der besonderen Lebensbedingungen nördlich des Polarkreises getrotzt haben. Zur Rentierhaltung, die für die Samen auch heute noch am charakteristischsten ist, folgten sie den Tieren zu ihren jahreszeitlich wechselnden Weideplätzen. Dieses halbnomadische Leben, das bis ins 20. Jahrhundert noch weit verbreitet war, zeigt sich eindrucksvoll in Nils-Aslak Valkeapääs (1943-2001) Gedicht, der zeitlebens der bekannteste samische Künstler war:

My home is in my heart[2]
it migrates with me
 
You know it brother
you understand sister
but what do I say to strangers
who spread out everywhere
how shall I answer their questions
that come from a different world

Gleichzeitig kommt eine Problematik auf: Wie soll man ein Leben erklären, das so nah und doch so fremd vom eigenen ist? Wie kann man Unterschiede überwinden, sich annähern und sich gegenseitig verstehen? Das Annähern mit den Bewohnern der Nationalstaaten hat mehrere Generationen gebraucht.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts diskriminierten und unterdrückten die Regierungen Norwegens, Schwedens und Finnlands die Samen, da sie als minderwertig und primitiv angesehen wurden. Man versuchte ihnen zu „helfen“, in dem man Schulen einrichtete, aber gleichzeitig die Verwendung der samischen Sprache verbot, was für viele Samen als sehr schmerzhaft empfunden wurde. In Norwegen wurden außerdem viele Kinder auf Internatsschulen, teils viele hundert Kilometer von zu Hause entfernt, geschickt. 1933 wurde beispielsweise ein neues Gesetz beschlossen, das der elfjährigen Schülerin Agnete verbot samisch zu sein[3]. Ab sofort sollte sie auf Norwegisch denken und sprechen. Bei Nicht-Einhaltung drohte Gewalt. 70 Jahre hat es gedauert, bis sie – und ihre Enkelkinder – ihre wahre Identität offenbaren konnten.

Am 6. Februar 1917 fand auf Initiative der Samin Elsa Laula in Trondheim zum ersten Mal ein länderübergreifendes Zusammenkommen der Samen der westlichen Staaten statt. Seit den 1950er Jahren kämpften immer mehr Samen für ihr Recht auf Selbstbestimmung – mit langsamem Erfolg. Finnlands Samen erhielten 1973 als erste ein eigenes Parlament. Es folgten Norwegen im Jahr 1989 und Schweden 1993. Zudem gilt seit 1992 in Norwegen und Finnland die samische Sprache als offizielle Landessprache. Schweden erklärte 2000 Samisch als offizielle Minderheitssprache. Heute ist der 6. Februar der offizielle Nationaltag der Samen und in Nordeuropa ein offizieller Feiertag. Genau 80 Jahre nach der ersten länderübergreifenden Konferenz in Trondheim unterzeichneten die verschiedene Parlamente (Sametinget) ein Abkommen, in dem die Gründung des Samischen Parlamentarischen Rates (nordsamisch Sámi Parlamentáralaš Rađđi) beschlossen wurde, der im Jahr 2000 erstmals mit Abgeordneten der drei Sametings sowie Vertretern der russischen Samen, die keine eigene politische Vertretung haben, zusammen kam.

Vor etwa 20 Jahren entschuldigte sich König Harald V. von Norwegen öffentlich für das Unrecht, das den Samen zugefügt wurde. Zum hundertjährigen Jubiläum 2017 in Trondheim räumte Staatsministerin Erna Solberg ein, dass die Norwegisierung ein schwarzes Kapitel in der norwegischen Geschichte sei.

Die Flagge der Samen wurde am 15. August 1986 offiziell bestätigt und gilt als Flagge aller Samen in Sápmi. Während die beiden Halbkreise die Sonne und den Mond symbolisieren sollen, stehen die vier Rechtecke für die vier Länder, über die sich Sápmi erstreckt. Die verwendeten Farben stehen für verschiedene Elemente in ihrem Leben: So symbolisiert rot das Feuer und die Liebe, grün die Natur, von der die Samen abhängig sind, gelb die Sonne und blau das Wasser. Zudem werden die Farben in der Kofte, der traditionellen samischen Tracht, verwendet. Sie gilt als Identitätsmerkmal und ist lokal verschieden. Koften werden heutzutage selten täglich (wenn auch möglich), aber immer mit Stolz getragen.

Auch die samische Sprache wird wieder aktiver gesprochen und es gibt neben Samisch als Unterrichtssprache in Schulen, Museen und Kulturzentren auch Radio-, Fernsehsender und Printmedien auf Samisch. In mehrheitlich samischen Siedlungsgebieten finden sich Straßenschilder und Beschriftungen im Supermarkt auf Samisch und Norwegisch. Insgesamt gibt es elf verschiedene samische Sprachen, die sich teils so sehr von einander unterscheiden, dass ihre Sprecher sich nicht gegenseitig verstehen können. Zwei samische Sprachen sind bereits ausgestorben, drei weitere mit nur ca. 10-20 Sprechern sind akut bedroht. Ca. 17.000 Samen sprechen Nordsamisch, was auch in Norwegens Finnmark gesprochen wird und den Großteil aller Sami-Sprecher ausmacht. Marja Mortensson, die 2018 zum Nordischen Klang in Greifswald zu Gast war, ist die einzige, die auf ihrer Sprache, Südsamisch, singt bzw. joikt. Für sie zudem ein Versuch, ihre Muttersprache zu bewahren.

Joik ist der traditionelle Kehlkopfgesang der Samen, bei dem die Musik wichtiger ist als die Worte. Er dient zum Ausdruck von Gefühlen und spiegelt die Verbundenheit zur Natur und dem traditionellen Leben wieder. Mehr zum Joik findet sich außerdem in unserem früheren Beitrag Verzaubernde Klänge aus Sápmi.
Nils-Aslak Valkeapää wurde 19994 zu den Olympischen Spielen in Lillehammer eingeladen, um mit einem Joik an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Ein wichtiger Schritt für die Anerkennung der Samen und ihrer traditionellen Lebensweise. Immerhin „lebt der Joik in ihm“, gehört zu ihm:

My home is in my heart
it migrates with me
The yoik is alive in my home
the happiness of children sounds there
herd-bells ring
dogs bark
the lasso hums
In my home
the fluttering edges of gáktis[4]
the leggings of the Sámi girls
warm smiles

My home is in my heart
it migrates with me

Aber hat sich mit der Anerkennung der Nationalstaaten alles zum Guten gewendet oder gibt es neue Probleme und Herausforderungen, gegen die die Samen heute ankämpfen? Wie hat sich ihr traditionelles Leben verändert? Und was macht heutzutage einen Samen aus?
Diese Fragen stellen wir uns im zweiten Teil unserer Reihe, der am 6. Februar anlässlich des samischen Nationalfeiertages erscheinen wird.

 

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[1] In der Finnmark leben ca. 76.000 Einwohner. Davon zählen sich mehr als 60.000 selbst zu den Samen. Offiziell wohnen 11.500 für das Sameting wahlberechtigte Samen in der Finnmark. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Finnmark_(Fylke)
[2] Englische Übersetzung von Harald Gaski. Quelle: NILS-ASLAK VALKEAPÄÄ:
INDIGENOUS VOICE AND MULTIMEDIA ARTIST
[3] Siehe: https://www.nrk.no/sapmi/xl/det-var-ulovlig-a-vaere-agnete-1.14181910
[4] Gákti = der bunte Mantel, der zur Kofte gehört.

                                       

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.