Das Fest des Nordens und der künstlerische Leiter im Interview

Das Greifswalder Festival Nordischer Klang wird vom Kulturverein Nordischer Klang e.V. veranstaltet, der u.a. eng mit dem Institut für Fennistik und Skandinavistik der Universität zusammenarbeitet. Musik, Bühnenkunst, Ausstellungen, Lesungen, Filme, Kinderprogramm und Vorträge aus den fünf Nordischen Länder, aber auch aus den übrigen Ostsee-Anrainerstaaten insbesondere Estland, spiegeln weite Horizonte und spannende Inspirationen aus einem modernen, weltoffenen Norden. Der künstlerische Leiter Frithjof Strauß hat uns ein paar Fragen zum diesjährigen Festival beantwortet:

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  • Der Nordische Klang findet zum 25. Mal statt. Juhu und grattis! Welche kulinarische Köstlichkeit habt ihr denn da für die feierliche Eröffnung zu diesem Jubiläum geplant?

Dankeschön! Gastronomisch ist noch nichts entschieden. Zumal gleich alle fünf nordischen Botschaften in Berlin die Schirmherschaft übernommen haben, steht auch lukullisch keines der nordischen Länder unmittelbar im Fokus.

  • Es gab einige Überlegungen, wie man das kleine Bildmaskottchen, das die neuen Festivalplakate ziert, bezeichnen könnte. Wofür habt ihr euch entschieden? Grammofink, NoklGockel?

Den Namen dieses Wesens wird unser Festival-Co-Leiter Joachim Schiedermair in seiner Eröffnungsrede bei der Eröffnungsfeier am 6.5. um 18:00 im Theater nennen, zu der alle ganz herzlich eingeladen sind. Bezeichnungen, die kursieren, sind Trötentier und Festivogel. Aber nicht alle Leute erkennen in dem Getüm einen Vogel: Manche halten es für eine Maus oder ein Dromedar.

  • Das Programm des Vorklangs wurde bereits am 14. April mit einer ganz interessanten Fotoausstellung zu „Wir-Roma“ von Anikka Haas aus Estland und Kiba Lumberg aus Finnland eröffnet. Der Vielseitigkeit des Festivals „geschuldet“, kann man sich am 4. Mai dann den skurrilen, abgedrehten dänischen Film „Men and Chicken“ mit Mads Mikkelsen ansehen. Kennst du den Film schon, und was wäre dein kurzer Kommentar?

Ich kenne den Film nicht; es geht wohl um Sodomie – ein Thema, das auch in der Ausstellung zu grönländischen Mythen und Sagen vorkommt: Der Mann, der eine Krabbe heiratete… Die skurrile Filmkomödie hat Marike Werner vom Pommerschen Landesmuseum ausgesucht. Dieses bringt sich jedes Jahr mit einem „Nordoststreifen“ ins Festival ein.

  • Da du Grönland ansprichst- das Land wird ein „eisiger“ Schwerpunkt der frühlingshaften Festivaltage sein. Was denkst du verbinden die Menschen vom Festland mit Grönland und was stellt ihr aus dem Land vor?

Als ich als Kind mal im Legoland/Billund war, gab es dort eine Grönlandausstellung. In der Wand war ein Loch, wo man die Hand reinstecken konnte, um die Kälte der Insel zu spüren. Das hat mich damals sehr beeindruckt: Wie eine Tiefkühltruhe. Zum ersten Mal bekam ich eine Vorstellung von Ausstellungspädagogik. In Dänemark gibt es schon lange den Eisklassiker „Kæmpeeskimo“, den Rieseneskimo: Vanilleeis am Stil mit Johannisbeer-Soße und Schokoladenüberzug… Beim Klang gibt es drei Veranstaltungen zu Grönland. Darunter die besagte Mythenausstellung mit Zeichnungen des tschechischen Punkgrafikers Martin Velísek. Diese Sagen wurden in den 1920er Jahren vom Polarforscher und Dandy Knud Rasmussen gesammelt, nach dem Greifswald sogar eine Straße benannt hat. Damals lebten die Menschen unbekleidet im Iglu und entwickelten unter diesen Umständen eine erzählerische Phantasie, die es faustdick hinter den Ohren hatte. In den grausamen und erotischen Sagen geht es häufig um Leute, die einander aufessen oder mit Tieren verkehren. Und um einen Mann, der seiner Frau ins Bein bohrte. Das zeigen die Grafiken dann auch recht drastisch. Eine ebenfalls derbe Eismeerwelt, hier jedoch schon im 18. Jahrhundert, zeichnet der Roman „Ewigkeitsford“ von Kim Leine, der sein Buch in einer Lesung vorstellen wird. Und dann präsentiert die Regisseurin Anni Seitz einen Film, dessen Namen man sich nicht merken kann: Sermiligaaq 65°54’N, 36°22’W. So heißt ein Dorf, in dem die Leute abends im Abstinenzverein die dänische Flagge entrollen und traurige Gesänge anstimmen. Dann tuscheln sie darüber, wer unten am Kai eine Dose Tuborg gezischt hat. Sehr poetische Bilder! Und man sieht, wie eine Robbe von innen aussieht.

  • Das alles sollte man unter gar keinen Umständen verpassen! Aber nun zu einem weiteren besonderen und fantastischen Projekt: Kannst du schon verraten, was es mit der Murmelmaschine der schwedischen Band Wintergatan um Martin Molin auf sich hat?

Martin Molin – nicht zu verwechseln mit dem Kinderbuchautor Mårten Melin, der ebenfalls zum Festival kommt – hat aus Holz und allerlei klingender Technik eine Maschine erfunden und gezimmert, in der 2000 Murmeln rumrollen und dank einer mirakulösen Mechanik die feinste Musik auslösen. Das kann man auf Youtube sehen, wo das virale Video schon über 17 Milionen geklickt haben. Überhaupt die Band Wintergatan, ein ganz großer Name nicht nur in Schweden: Mit allerlei vertracktem Gerät und einer Vielzahl von Instrumenten spielen sie einen wunderschönen, manchmal auch leicht melancholisch angehauchten Instrumental Pop.

  • Was ist denn dein persönliches musikalisches Highlight des diesjährigen Fests?

Das ist die Begegnung von The Arctic Sinfonietta, einem Ensemble für Gegenwartsmusik aus Tromsø, mit der Percussiongruppe 44 Drums aus Archangelsk, die sich die „afrobrasilianischste Band Russlands“ nennt. Beide Städte sind durch die Barentssee mit einander verbunden, und von dort bringen die Künstler authentische Aufnahmen von Walgesängen mit, die sie in ihre Musik einbauen. Außerdem steht die Welturaufführung einer Komposition für Sinfonietta und Trommelgruppe von Lars Skoglund auf dem Programm, der sich auch schon in früheren Werken als von Beats fasziniert gezeigt hat. Außerdem Musik für Trompete und Elektronik, Piazolla und eine scharfe Sambashow. Wo hat es jemals so ein Konzert gegeben?! Ähnlich spektakulär ist auch der Auftritt von Song Circus, einem Vokalistinnenensemble aus Norwegen, das rätselhafte Unterwassergeräusche singt. Die US-amerikanische Ozean-Behörde hat einst die Weltmeere abgehört um russische U-Boote aufzuspüren. Dabei wurden auch eine Reihe von Lauten aufgezeichnet, deren Herkunft man sich bis auf den heutigen Tag nicht erklären kann. Stammen sie von menschlichen Fahrzeugen, von Außerirdischen, oder von Naturphänomenen wie Eisbergen, Vulkanen oder Walen? Das werden die beiden abgefahrensten Konzerte – oder besser würde man wohl sagen: die abgetauchtesten.

  • Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Bands eigentlich aus? Kannst du den Prozess etwas genauer beschreiben?

Die Bands sollten ästhetische Alleinstellungsmerkmale habe, die sich lohnen, um die Künstler einzufliegen. Und die Musik sollte eine künstlerische Dimension haben: Originalität, Virtuosität, Expressivität, Professionalität, und nicht zuletzt Unterhaltungswert. Auf diese Weise bietet jedes Konzert eine Welt voller Erlebnisse, ganz gleich, welche Genres man sonst bevorzugt. Es wird also Musik geboten für Leute, die ein Konzert eben wegen der Musik besuchen, nicht wegen außermusikalischer Gründe. Und so fühlt sich auch keine Besuchergeneration ausgegrenzt. Mit diesen Kriterien durchforsten wie das Internet, oder gehen auf Konzerte, besuchen Festivals in Nordeuropa. Und wir sammeln immer Vorschläge über bisher noch nicht in Deutschland getourte, spannende nordeuropäische Künstler.

  • Ein tolles Promofoto haben die Esten eingeschickt. Drei Köpfe, die aus den Schneemassen hervorluken. Die Mitglieder der Band Trad.Attack! gelten als die Shootingstars der estnischen Folkszene und kommen ebenfalls nach Greifswald. Auf welchen Instrumentenmix können wir uns einstellen?

Die Frontfrau Sandra spielt Dudelsack, Flöte und Maultrommel. Ihre beiden Mitmusiker unterstützen sie mit tanzbaren rockigem Groove von Schlagzeug und Gitarre. Und sie samplen estnische Omagesänge von folkloristischen Feldaufnahmen.

  • Aus Norwegen reist die Alternative Indie Pop Band Razika an. Eine vierköpfige Frauenband alter Schulfreundinnen, die bereits mit 14 Jahren eine Band zusammen gründeten. Ihr Musikstil ist von Punk und Ska beeinflusst. Wo darf dazu getanzt werden?

Im St. Spiritus beim Abschlussfest; außerdem bringen Razika noch zwei Bläser mit, damit ihr Groove noch knackiger wird. Das Hauptmerkmal der Band sind jedoch ihre unwiderstehlichen Melodien: jeder Song ein Ohrwurm. Ich hätte mir für das Abschlussfest mit drei super Bands lieber das Theater gewünscht, weil ich mit mehr Publikum rechne, als im Spiri Platz ist. Aber meine Kollegen monierten, dort könne man nicht tanzen. Von wegen! Ich habe zig Salsakonzerte aus lateinamerikanischen Theater gesehen. Die Leute wissen sich zu helfen.

  • Wer möchte und mag, darf das Tanzbein auch professioneller schwingen – beim Tangoabend, nicht wahr?

Ich selber würde beim Tango nicht tanzen, weil man dann nicht mitkriegt, wie kunstvoll die Musik ist und wie poetisch die Lyrics! Deshalb spielen die Freunde des vollen Mondes auch im ersten Teil ein reines Hörkonzert. Im zweiten können die Leute dann tanzen, aber keiner wird gezwungen.

  • Nicht nur einen musikalischen, auch einen wissenschaftlichen Austausch wird es während des Festivals geben. Das wissenschaftliche Forum widmet sich dieses Jahr dem Thema „Kleidung im Norden“? Mit welchen Gästen ist zu rechnen?

Wissenschaftler von Nah und Fern, die Kleidungsthemen untersucht haben. Aber auch ausgesprochene Praktiker kommen, und sprechen über das wirkliche Leben: Die finnische Modedesignerin Mirkka Metsola und Elin Frendberg, die Geschäftsführerin des schwedischen Moderates.

  • Neben Fotokunst, Malerei, Theater, Musik und Film fehlt uns noch eine große Sparte: die Literatur. Welche Autoren und Autorinnen kommen nach Greifswald? Auf welche Lesung bist du ganz besonders gespannt?

Bisher noch nicht genannt habe ich die finnische Autorin Maia Muinonen. Ganz besonders gespannt bin ich in Sachen Literatur nicht auf eine bestimmte Lesung – die werden alle interessant werden! –, sondern auf die Ausstellung mit den Originalgrafiken zu Astrid Lindgrens Kinderbüchern von Ilon Wikland. Dass wir jetzt die Bilder in echt sehen können, die unsere Kindheit begleitet haben!

  • Apropos Kindheit! Ihr habt sogar ein Kinderprogramm auf die Beine gestellt! Nordeuropa ist berühmt für seine Kindermusik-Vorstellungen. Wen habt ihr eingeladen?

Das Duo Medi, die Trommlerin Emilie Ek, die schon mal mit der Country Band The Bandettes bei uns war, und Ida Carlsson am Sax. In ihrem Stück „Min pinne“, mein Stöckchen, treffen sich ein Junge und ein Eichhörnchen in Wald. Da liegen viele Stöckchen rum. Es zeigt sich, dass einige von ihnen Töne geben, wenn man in sie hineinbläst, andere aber vorzüglich zum Trommeln taugen. Und es geht um die Frage, ob es nun wichtig ist, ob es nun dein oder mein Pinne ist.

  • Super, und wer den Familiennachmittag finanziell unterstützen will, kann sich auch bei Startnext beteiligen! Wo kann man überhaupt vom diesjährigen Programm und parallel von den Festivalaktivitäten erfahren?

Auf nordischerklag.de, Facebook, Twitter und Instagram. Und im Programmheft!

Vielen Dank Frithjof für das Interview! Wir freuen uns auf ein tolles Festival vom 5. bis 15. Mai 2016 & wünschen gutes Gelingen!

Riesendank an euch und eure Leser!

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.