Coversongs in Finnland. Von Humppa bis Metal.

(in Zusammenarbeit mit Mareen)

Finnlands Musikszene kann sich in der Welt durchaus sehen lassen: neben dem finnischen Tango ist sie hauptsächlich, allerspätestens seitdem Lordi 2006 den Eurovision Songcontest gewannen, für ihre heavy Töne außerhalb der eigenen Landesgrenzen bekannt. Auch Humppa hat mittlerweile nicht nur in Finnland Fans. Diese beiden Musikrichtungen haben auf den ersten Blick außer der Beliebtheit bei den finnischen Musikfans und Fans der finnischen Musik nicht viel gemeinsam. Bei genauerem Hinsehen lassen sich aber Gemeinsamkeiten erkennen.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts dominierten nationale Musiker und finnischsprachige Lieder den finnischen Musikmarkt. Erst ab den fünfziger Jahren nahm die Begeisterung für internationale Musik rasant zu. Die Musikmacher reagierten darauf, indem sie die Texte von internationalen Hits ins Finnische übersetzten, sie dann von lokalen Musikern einsingen ließen und sie anschließend veröffentlichten.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Suomirock (dt. Finnlandrock), dessen Entstehung eng mit Covern verbunden ist. Als in den Sechzigern die Welle der Rockmusik allmählich nach Finnland schwappte, lag der Fokus darauf, die Songs, die bei der Bevölkerung besonders beliebt waren, ins Finnische zu übersetzen und dann als Coverversion zu veröffentlichen. Erst in den Siebzigern schrieben Künstler wie Juice Leskinen und Hector ihre eigenen Songs auf Finnisch und wurden auf diese Weise zu den Vorreitern einer neuen Ära oder für viele auch die eigentlichen Begründer des Suomirocks.
Zeitgleich mit dem Einzug des Rocks entstand in Finnland Humppa. Er gilt als finnische Variante des Foxtrotts und auch diese Musikrichtung lebt von den Covern beliebter Musikstücke. Ursprünglich entstand Humppa aus der Parodie eines Foxtrottsongs, die im finnischen Radio in den 1950er Jahren gespielt wurde und beim Publikum gut ankam. Bei den Coverversionen in diesem Genre werden die Songs bekannter Pop- und Rockkünstler mit einem schnelleren Rhythmus und – wie im Fall von Eläkeläiset – auch mit eigenen Texten verbunden. Meistens haben die finnischen Texte mit dem Originaltexten nicht mehr viel gemein. Hin und wieder werden die Texte aber auch einfach übersetzt. Wenn es für ein Wort mal kein passendes Äquivälent in der finnischen Sprache gibt, dann  bedient man sich verschiedener Schimpfwörter oder ruft einfach „humppa“.
Die beiden folgenden Bands zeigen, dass Coverversionen in Finnland noch immer sehr beliebt sind und Brücken zwischen teils sehr gegensätzlichen Stilen schlagen können.

 

Northern Kings

Northern Kings ist eine in 2007 gegründete Band, die bei Warner Music Finland unter Vertrag ist und im Metalbereich dem Subgenre Symphonic Metal zugeordnet wird. Bevor sich die Künstler für ihren aktuellen Bandnamen entschieden hatten, gaben sie sich in Anlehnung an Il Divo, die u.a. Popsongs im Opernstil covern, die Arbeitsnamen Killdivo und Helldivo. Bereits die Namen der Bandmitglieder lassen Großes vermuten: Jarkko Ahola (Teräsbetoni, Dreamtale, AHOLA), Marco Hietala (Nightwish, Tarot), Tony Kakko (Sonata Arctica) und JP Leppäluoto (Charon, Harmaja). Die Größen der finnischen Metalszene haben es sich auf die Fahne geschrieben, den Pop- und Rockhits der 80er Jahre gemeinsam einen neuen Schliff zu verpassen.

© Warner Music Finland

Ihr erstes Album, Reborn, und die Singleauskopplung, We Don’t Need Another Hero (Tina Turner), erschienen beide noch im Gründungsjahr. Sowohl das Album als auch die Single stürmten die finnischen Top 10 und erreichten Goldstatus (über 15.000 verkaufte Platten). Vom Stil her unterscheiden sich die neuen Versionen unterschiedlich stark von den Originalversionen aber auch untereinander. So kommen beispielsweise Creep (Radiohead) und Rebel Yell (Billy Idol) als düstere und dramatische Balladen daher, während bei Don‘t Stop Believin‘ (Journey) das Tempo deutlich angezogen wurde. Dennoch lässt sich ein roter Faden erkennen, der sich durch das ganze Album zieht: die gewaltigen Stimmen und die sinfonischen Komponenten.
Das zweite Album, Rethroned, erschien ein Jahr später und konnte sich in den Top 20 platzieren. Begleitend dazu erschien die Single Kiss From A Rose (Seal). Während auf dem ersten Album jeder Sänger seine eigenen Lieder hatte und sie nur We Don’t Need Another Hero zusammen einsagen, findet man auf diesem Album mehrere Lieder, für die sie ihre Kräfte vereint haben.
Bisher hat es nur zwei kleine und zwei große Live-Auftritte von den Northern Kings gegeben, die alle zwischen 2007 und 2010 stattfanden. Ein drittes Album gibt es bisher noch nicht, aber es wurden in den Folgejahren noch zwei Singles veröffentlicht. Die Single Lapponia ist aus dem Jahre 2010. Mit diesem Lied hat Monica Aspelund 1977 Finnland bei dem Eurovision Song Contest vertreten und es ist bis 2006 der einzige finnische Beitrag gewesen, der 12 Punkte erhalten hatte. Es wurde in den letzten Jahren immer mal wieder über ein drittes Album mit eigenem Material gemunkelt, aber momentan sind die Mitglieder zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt und die Pläne wurden vorerst auf Eis gelegt. Eines dieser Projekte ist Raskasta Joulua (dt. Schwere Weihnachten). In dessen Rahmen entstanden 2013 auch die aktuellste gemeinsame Single Pieni Rumpali (engl. Little Drummer Boy). Mehr über Raskasta Joulua könnt ihr in der Weihnachtszeit auf balticcultures.de erfahren.

 

Eläkeläiset

Im Jahr 1993, rund 60 Jahre nach der Entstehung des Humppas, gründete sich 1993 ursprünglich nur als Witz oder zumindest kurzfristiges Projekt für ein paar Festivals die Band Eläkeläiset (dt. Rentner) Der Name lässt eigentlich eine ganz bestimmte Zielgruppe erahnen. Allerdings sind die älteren Herrschaften schon lange nicht mehr die einzigen, die sich über schnelle Humppa-Rhythmen freuen. Humppa ist mit seinem flotten 2/4-Takt mit Offbeat-Elementen dem Ska ähnlich und Finnlands ganz eigene Variante des Foxtrotts (deren Tanzschritte mit denen des Foxtrotts aber eigentlich gar nichts zu tun haben).
Schon lange beschränkt sich der Erfolg der Eläkeläiset nicht mehr nur auf Finnland. Bei Konzerten in ganz Europa, viele davon in Deutschland, unter anderem aber auch in Ungarn, den Niederlanden, Tschechien, Schweden und Estland, konnten die Finnen ihr Publikum für den Humppa begeistern. Während ihrer Tourneen durch Europa ist die Band oft auf vergleichsweise kleinen eigenen Konzerten oder großen Festivals wie Wacken oder den finnischen Festivals Provinssirock und Ruisrock zu sehen. Dabei greifen sie immer wieder zu unkonventionellen Instrumenten, z.B. Blechbüchsenschlagzeugen und singenden Sägen. Mit dem Sinfonieorchester Kuopio spielte die Band auch schon zwei gemeinsame Konzerte unter dem Titel Humpfonia.

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© Timo Isoaho, humppa.com

Über sich selbst sagen sie, ihre Lieder seien hauptsächlich Humppa-Versionen von Pop- und Rockklassikern mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Bei der Verwandlung werden die ursprünglichen Songs zu tanz- und hüpfbaren Coverversionen. Dabei haben die Bandmitglieder Onni Waris, Petteri Halonen, Lassi Kinnunen, Martti Varis und Kristian Voutilainen ihren eigenen Stil entwickelt und übernehmen meist von den Originalen nur die einprägsamen Melodien. Auch auf den Texten hinterlassen sie ihren bandeigenen Fingerabdruck: sie übersetzen die Texte aus dem Original ins Finnische und scheuen dabei selten vor freien Übersetzungen oder gar eigenen mehr oder weniger ernst gemeinten Dichtungen zurück. Die Finnen stoßen dabei nicht immer auf Gegenliebe und Verständnis bei den parodierten Künstlern. Neben Nightwish, Bon Jovi, Queen und zahlreichen anderen weltbekannten Bands covern die Finnen auch Nirvana und Kraftklub:

Von ihrer ersten eigenen Platte Humppakäräjät (dt. Humppagerichtsverhandlung), sagt die Band selbst, sie habe das Album teilweise im Keller, in der Sauna und in einem alten Volkswagen aufgenommen. Darauf folgten mehr als zehn weitere Live- und Studio-Alben und einige Singles. Das erste Album, das es in die finnischen Album-Charts schaffte, ist das 1999 veröffentlichte Werbung, Baby!.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.