Category - Sonstiges

Geburtstagslied für Lettland

Riga

„Mama Milda, wie war das, als ich geboren wurde?“
„Das erzähle ich dir ein anderes Mal.“
„Das sagst du immer! Ich bin jetzt fünfundneunzig Jahre alt, ich bin groß genug dafür!“
„Vielleicht bist du fünfundneunzig Jahre alt, aber denk nur daran, wie viele dieser Jahre du geschlafen hast. Erst seit zweiundzwanzig Jahren bist du wieder wach, damit bist du fast noch ein Baby.“
„Mama, bitte!“

„Also gut. Irgendwann musst du es ja erfahren. Dein Vater hätte dich lieber nicht gehabt. Und erst recht wollte er nicht, dass du wieder erwachst… aber er hat nicht aufgepasst. Er hat versucht, es zu verhindern, dich wieder in den Schlaf zurück zu drängen als du erwachtest, und dich in Rīga verletzt. Aber du wolltest aufwachen, und gegen deinen Gesang war dein Vater machtlos.“
„Darum sagen die anderen, dass ich so gut singen kann?“
„Ja, Glasnost und Perestroika ließen deinen Tiefschlaf leichter werden, doch du wachtest auf durch Gesang.“

„Mama, sind Estland, Litauen und ich Drillinge?“
„Natürlich nicht, wer sagt denn so etwas?“
„Die anderen. Sogar die aus unserer Klasse. Wenn wir zusammen in Brüssel sind. Ich glaube, manchmal wissen sie nicht, wer von uns wer ist.“
„Ihr habt Vieles gemeinsam, das ist wahr. Und die Geschichte lässt euch zusammenhalten. Denk nur an die baltische Kette, die an jenem Tag unvergleichlich machtvoll eure Hauptstädte verband.
Aber trotzdem seid ihr auch verschieden, und jeder, der euch besucht, kann das sehen. Denk nur an Tallinn mit seinen mittelalterlichen Festungsgemäuern, an Vilnius, die barocke Schönheit, und Rīga, mit all seinem Jugendstil, den alle Besucher bewundern.“

„Mama, bin ich eigentlich schön?“
„Warum stellst du denn solche Fragen, mein Kind?“
„Na, die Leute möchten doch immer schöne Länder sehen. Und mich schauen nur wenige Leute genauer an…“
„Die Leute wissen nichts. – Schau, wie sich die Lichter Rigas in der Daugava spiegeln. Sieh von der Burg Turaida auf Livland herab. Schwimme in Semgallen in einem der Flüsse, die die Landschaft aus fruchtbaren Feldern durchziehen. Streife durch die Wälder in Letgallen, und laufe an den Stränden Kurlands entlang, wo man Bernstein findet und wo die letzten Liven leben. Dann wirst du keinen Zweifel mehr daran haben, wie schön du bist.
Und wenn du durch die Städte und Dörfer streifst, dann sieh die Menschen an, die dort leben. Deine Menschen, die für dich einstanden und immer für dich einstehen werden.“

„Mama, warum fährt der Mann aus dem großen Haus nebenan immer mit seinem großen Auto die Straße auf und ab, und warum hält er immer vor unserem Haus an und schaut so komisch in unseren Garten?“
„Das ist eine törichte Frage, mein Kind. Ich kann sie dir nicht beantworten, du würdest die Antwort nicht verstehen.“
„Aber Mama, das macht mir Angst.“
„Ich weiß, aber es ist nun einmal so.“
„Aber…“
„Schluss jetzt. Das waren genug Fragen für dieses Jahr.“

„Aber eine einzige Frage hab ich noch, Mama.“
„Na gut. Welche denn?“
„Warum hab ich eigentlich sechs Zehen?“

(geschrieben zum lettischen Unabhängigkeitstag 2013)

„Lord, what fools these mortals be!“

Helena liebt Demetrius, Demetrius liebt aber Hermia (Helenas beste Freundin), welche mit ihrem Geliebten Lysander durchbrennen will. Aus wessen Feder möge dieses verworrene Teenagerdrama sonst stammen, wenn nicht aus seiner: William Shakespeare. Meine erste persönliche Erfahrung mit A Midsummer Night’s Dream war vor ungefähr 10 Jahren, als ich (selbst noch keine Ahnung davon habend, wer dieser Shakespeare eigentlich sein soll, den alle Welt seit Jahrhunderten zitiert) im Wohnzimmer saß, mich von dem ernüchternden Nachmittagsprogramm privater Fernsehsender berieseln ließ und die Levi’s 501 Werbung mit einem Mal über den Bildschirm flackerte.

Read More

Couscous norvegensis

Ein kulinarischer Gastbeitrag von Prof. Joachim Schiedermair:

Ich koche häufig und gerne – weil ich häufig und gerne esse. Doch eigentlich kann ich nicht kochen, ich kann nur lesen: Rezepte lesen eben. Als Literaturwissenschaftler ist das vielleicht der richtige Zugang.

Das Rezept, das ich für diesen Blog ausgesucht habe, stammt aus der Werbebroschüre eines norwegischen Supermarktes. Doch mit Norwegen hat es nur wenig zu tun. Zum einen ist sein Hauptbestandteil Couscous typisch für die nordafrikanische Küche. Zum anderen ist es in weiten Teilen Norwegens schwierig, das ganze Jahr hindurch frische Minze zu bekommen.

Damit ist das Gericht alles andere als typisch norwegisch, doch was macht das schon? Auch die wunderbaren Köttbullar, die schwedischste aller schwedischen Speisen, hat kein schwedischer Bauer erfunden; der Freibeuterkönig Karl XII. hat sie aus der Türkei mitgebracht. Dorthin war er nämlich geflohen, als er die Schlacht von Poltawa 1709 gegen Russland verlor.

Read More

Heute schon ge-mooc-t?

Manchmal ist die Uni nicht genug. Die wirklich interessanten Seminare werden für den eigenen Studiengang gar nicht erst angeboten, die Lehre ist gewöhnungsbedürftig, oder Thema und Seminar sind zwar perfekt – doch der Stundenplan macht einem einen dicken Strich durch die Rechnung. Für diese Fälle gibt es die so genannten MOOCs (Massive open online courses). graduate-150374_1280

Das sind Online-Seminare, die auf vielfältige Art und Weise Wissen vermitteln, und das durchaus auf universitärem Niveau. Je nach Kurs gibt es aufgezeichnete Vorlesungen, Seminartexte, Visualisierungen, Übungen usw. Oftmals gibt es die Möglichkeit, gegen eine Gebühr und mit Identitätsprüfung persönliche Zertifikate oder manchmal sogar Credit Points zu erwerben. Der wöchentliche Aufwand ist unterschiedlich – das kann eine Stunde sein, es gibt aber auch Kurse, die locker 8-10 Stunden in Anspruch nehmen! Read More

IKI-hi-krrr-kri-krikri-krrr-kri

Einige von euch haben vielleicht das ein oder andere Konzert beim diesjährigen Nordischen Klang besucht und wissen noch, was sich hinter diesen drei Buchstaben verbirgt – IKI.

WP_000666

Die Gruppe (ganz recht, dies ist ein Beitrag zum Ensemble IKI – zu anderen Bedeutungen, wie einer litauischen Einzelhandelskette, siehe hier.) besteht aus einer wechselnden Anzahl junger Frauen, die alle aus den verschiedensten Ecken Nordeuropas stammen. Kennengelernt haben sie sich am Rhythmic Music Conservatory in Kopenhagen. Ihr erstes Album schaffte es auf den ersten Platz des Danish Music Award 2011. Kürzlich erschien ihr zweites, Lava. Schwer zu sagen, ob ihr Konzert das beste des diesjährigen Klanges war, das ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Zweifellos war es aber das merkwürdigste und beeindruckendste. Read More