Category - Filmbesprechungen

Der Tag wird kommen | Der kommer en dag

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Foto: dfi.dk

Wir befinden uns im Jahr 1967 und circa 60 km von Kopenhagen entfernt. John F. Kennedy verspricht an diesem Tag in einer Rede, dass man kurz davor sei, auf dem Mond zu landen. Zwei kleine Jungen sitzen auf der Rückbank eines Autos: Elmer (Harald Kaiser Hermann) und Erik (Albert Rudbeck Linhardt). Sie sind 10 und 13 Jahre alt und der Erzähler lässt die Zuschauer wissen, dass die Brüder auf dem Weg nach Gudbjerg sind, ein Waisenhaus, das auf dem realen Godhavn-Heim und dessen Skandalgeschichte (die erst 2011 aufgedeckt wurde und dessen juristisches Nachspiel bis heute anhält) beruht. Dort angekommen, müssen sie ihre Kleidung ablegen und bekommen jeder eine Nummer und einen Schlafanzug zugeteilt. Read More

Mænd & Høns

Sture Böcke, Von Menschen und Pferden und nun Männer und Hühner – es scheint, als würde der skandinavische Bauernhof weiter vervollständigt werden. Die Regie in Mænd & Høns oder Men & Chicken führt der Däne Anders Thomas Jensen, der schon für seinen Film Adams Äpfel bekannt ist. In Men & Chicken, einem Film aus dem letzten Jahr, treffen nicht minder skurrile Charaktere aufeinander.

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Krigen

Die schweren Stahlkappenstiefel treffen auf den trockenen Wüstenboden und wirbeln Staub auf. Die schwer bewaffneten und behelmten Soldaten in Tarnkleidung, auf der kleine dänische Flaggen aufgedruckt sind, setzen ihre Schritte behutsam. Man folgt ihnen aus der Perspektive einer nervösen Handkamera über den kleinen Sandhügel, doch dann wird die angespannte Stille gebrochen. Eine Bombe zündet. Ein auf und ab flackerndes Bild, schnelle Schritte, lautes Stimmenwirrwarr und die Codes der Kriegsrhetorik.

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Asphaltfäröer

Es gibt einige Geschichten, die das Verhältnis der Dänen und Färinger thematisieren und gelegentlich Klischees auf die Spitze treiben. Als Asphaltfäröer werden, etwas spöttisch, nach Kopenhagen ausgewanderte Färinger bezeichnet, die der schroffen Heimatinsel im Atlantik wieder einen Besuch abstatten.

Rannvá und Barba

Der Film „Bye Bye Bluebird“ aus dem Jahre 1999 der Regisseurin Katrin Ottarsdóttir erzählt von solchen Asphaltfäringern und gilt als erstes färöisches Road Movie, was zunächst dazu verleitet, zu fragen, wie man bei einem so spärlichen Straßennetz überhaupt darauf kommt, ein Road Movie zu drehen.

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Eine Zeitreisende auf dem schwedischen Königsthron.

Thomas Filmbesprechung konträr zu einer bereits vorliegenden Filmbesprechung von „The Girl King“! Recht kritisch und kritischer, aber lest selbst:

Mika Kaurismäkis „The Girl King“ aus dem Jahr 2015 beleuchtet eine der spannendsten Lebensgeschichten einer starken und mutigen Frau von ihrem Aufstieg zu einer der mächtigsten Frauen Europas bis zu ihrer Abdankung im Jahre 1654 und ist eine finnisch-kanadische Koproduktion. Verantwortlich für das Drehbuch war der Kanadier Michel Marc Bouchard, der es auf Grundlage eines von ihm geschaffenen Theaterstücks schrieb.

Christinas Vater, Gustav II. Adolf, stirbt fern der Heimat in der Schlacht bei Lützen bei dem Versuch, den schwedischen Machtanspruch in Mitteleuropa und dem Ostseeraum unter dem Deckmantel, den Protestantismus nach Europa zu tragen, durchzusetzen. Er hinterlässt ein riesiges Reich, welches Schweden, Finnland und weitere Gebiete auf dem heutigen Staatsgebiet Russlands, Estlands, Lettlands und Deutschlands umfasst und zwei Drittel der Ostsee umschließt.
Zurück bleiben seine Frau, die fiese Gattin Maria Eleonora von Brandenburg (Martina Gedeck) und ihr Töchterchen Christina (Malin Buska), die vier Jahre später ihrer verantwortungslosen Mutter entzogen wird. Von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgezogen, wird die nunmehr 18-jährige in ihr Amt eingeführt. Ab diesem Tage steht ihr Reichskanzler Axel Oxenstierna (Mikael Nyqvist) mit Rat und Tat zur Seite. Wer sich von Oxenstierna einen blitzintelligenten wie gefährlichen Mann vom Schlage eines Richelieu aus „Die drei Musketiere“ erhofft, wird bitter enttäuscht. Für Kabale bleibt ihm keine Zeit, denn er leidet zum Zeitpunkt der Amtseinführung seines politischen Zöglings bereits unter dessen Launenhaftigkeit. Seine Tätigkeit im Film beschränkt sich hauptsächlich darauf, hinter Christina aufzuräumen und ihre Umtriebigkeit in die richtigen Bahnen zu lenken, sprich vor verdorbenen katholischen Einflüssen in Form französischer Philosophen und Einflüsterer… pardon- Diplomaten zu bewahren und ihr sexuelles Interesse wieder auf heterosexuelle…pardon- thronfolgerversprechendere Gleise zu lenken.

Christinas historische Persönlichkeit zeichnete sich durch viele Eigenheiten aus. Sie war gebildet und kunstinteressiert und schreckte auch nicht davor zurück, sich mit Beutekunst auszustatten. Sie war eine große Förderin des Theaters. Auch der Philosoph René Descartes lebte bis zu seinem Tod (nur ein Jahr) am Hofe der Königin. Von all diesen Dingen erfährt der Zuschauer nur beiläufig, und wenn, dann nur plakativ oder überhaupt nicht. Christinas Charakterzüge im Film muten alles andere als einheitlich an. Ob das mit der schauspielerischen Begabung Buskas zusammenhängt, sei dahingestellt. Christina ist eine starke Frau, so die einzige Prämisse -aber wieso eigentlich? Was hat sie zu dieser gemacht? Gerade dem geschichtlich wenig belesenen Zuschauer ist ihr Hintergrund nicht bekannt. Im Film wird dies aber zur Voraussetzung. Christina gebärdet sich wie von unbestimmten Kräften getrieben und begibt sich wie ein Aufziehspielzeug an einer Schnur entlang durch die Stadien ihres Lebens schnurstracks ins katholische Exil, ohne dass der Zuschauer etwas über die Hintergründe ihres Handelns erfährt. Schon bei Amtsantritt, wie fertiggebacken, verkündet sie ihre politische Agenda. Nein, sie verkündet nicht, sie stellt lediglich fest. So wie aller Herren Welt feststellt, dass die neue Königin nicht nur heißbegehrt ist, sondern auch konstatieren muss, dass diese besser fechtet, philosophiert und viele Sprachen beherrscht.

Man wird den Eindruck nicht los, dass manche Filmszenen nur deshalb geschrieben wurden, um zu zeigen, was für ein faszinierender und aus der Welt gefallener Mensch die Königin gewesen sein mag. Christina ist gebildet, was sie lang und breit raushängen lässt (sie liest mehrere Sprachen fließend). Sie ist mit kaltem Stahl wohlvertraut (die Männer liegen ihr zu Füßen). Einziges Manko ist ihre ach so große Unerfahrenheit in der Liebe und wirkt, nicht überraschend, ähnlich konstruiert. Mit flammender Zuneigung für das Hofnaivchen…pardon- Hofliebchen…pardon- die reizende Hofdame (Sarah Gadon), entspinnt sich eine der peinlichsten Liebeleien der Filmgeschichte.

Jede Epoche der Menschheitsgeschichte förderte dann und wann eine Persönlichkeit zu Tage, die auf Zeitgenossen einen sehr bizarren Eindruck gemacht haben mag; Christina wirkt im Film weniger fortschrittlich, eher komplett aus der Zeit gefallen. Man möchte schon ergänzen – wie aus einer Zeitmaschine gefallen.
Der Konflikt zwischen dem modernen, humanistischen Weltbild und den Nöten und Zwängen der damaligen Zeit, mag von Kaurismäki intendiert gewesen sein, wirkt aber alles andere als kohärent. Eine Zeitreisende aus dem Hier und Jetzt, die es zufällig ins frühneuzeitliche Schweden auf den Königsthron verschlägt, kommt dem Leinwandergebnis der von Kaurismäki gezeichneten Figur schon näher. Nichts an dieser Figur wirkt zeitgenössisch.
Eine historische Person wie Christina hätte sicherlich viel mehr spannendes Konfliktpotenzial hergegeben. Immerhin findet sich hin und wieder ein ironischer Unterton, zum Beispiel wenn die Königin eine Ansprache ans Volk halten möchte, dieses aber mit ratlosen Gesichtern zurücklässt, weil sie partout nicht registriert, dass die Geister ihrer Untergebenen anders ticken als der ihre. Noch mehr solcher Momente hätten dem Film gutgetan; gerne auch im Tausch gegen einige, wenn nicht alle, der konstruierten dramatischen Szenen.
Da ein guter, weiser und reiner Charakter im heutigen Kino keinen Musketier mehr hinter dem Ofen hervorlockt, muss auch für Christina ein Pferdefuß daher. Die Leidenschaft der Königin für kulturelle Güter steigert sich gegen Ende des Films zu einem morbiden Fetisch, der, wie viele angedeutete Elemente ihres Charakters, nur angedeutet und nicht weiterverfolgt wird. Das ist der größte Vorwurf, den man dem Film machen kann. Kein Spielraum für Entwicklung. Zeit für eine feinere Charakterzeichnung – Fehlanzeige. Mit Fehlen einer Entwicklungsmöglichkeit nimmt Kaurismäki auch erheblichen Anspruch aus dem Film.

Schade, dass Mikael Nyqvist insgesamt schauspielerisch so wenig gefordert wird. Nahezu alle Nebendarsteller scheinen in einem engen Korsett an Einschränkungen und Vorgaben zu stecken, die sie zu langweiligen Versatzstücken verkommen lässt.
Christina scheint alle Schauspieltalente in ihrer Umgebung einfach zu verschlucken. Ob es nun daran lag, dass ihnen zu wenig Spielraum zukommt, weil Drehbuchschreiber und/oder Regisseur dem Reiz der Frauenfigur erlegen sind, ändert nichts an der Tatsache, dass sich in „The Girl King“ gute bis großartige Schauspieler weit unter Wert verkaufen.

„The Girl King“ schmiert beim Versuch, den Spagat zwischen Mantel- und Degen- und anspruchsvollem Kostümfilm zu meistern, gnadenlos ab. Er bietet zu wenig Degen und zu wenig Kostüm. Zu wenig Substanz in der Ausstattung und der historischen Authentizität, zu wenig inhaltliche Tiefe und eine zu konstruierte Dramaturgie für einen ernstzunehmenden Genrefilm. Liefe er an einem Freitagabend im Zweiten, hätte ich wesentlich mehr Positives über ihn zu berichten gehabt, aber er wurde als einer der angesagtesten Filme bei den Nordischen Filmtagen gezeigt und als solcher besteht er nicht ansatzweise den Vergleich mit einem der anderen von mir gesehenen Filme.
Das Gefühl bleibt, dass The Girl King“ ein viel ambitionierteres Projekt hätte werden sollen. Das unterstreicht auch die gezeigte Fassung, deren Hauptsprache Englisch statt Schwedisch ist, wohingegen seltsamerweise gesprochenes Deutsch und Französisch untertitelt wird, was sehr seltsam anmutet.
Aber dennoch: Der größte Vorwurf ist und bleibt, dass der Film viel zu viel verschenkt hat, sich bei der Darstellung der Figuren flacher Klischees bedient und bei der Charakterdarstellung nur an der Oberfläche kratzt, was sicherlich auf die Ursprungsversion als Theaterstück zurückzuführen ist.

Es gibt Filme, deren Wirkung stark mit der Erwartungshaltung des Zuschauers verknüpft ist. „The Girl King“ ist so ein Film. Mit einem wichtigen Zusatz: Man muss auch die Hauptdarstellerin mögen. Trotz alledem kann man über all die Kritikpunkte mit der passenden Erwartungshaltung sehr gut hinwegsehen.

(Autor: Thomas Mövius)