Category - Filmbesprechungen

16. Türchen

Der Heilige | Sventasis | The Saint

Der folgende Betrag stammt von der Masterstudentin Sabrina Scholz.

In einem Stadtrandgebiet in Litauen widerfuhr einem einfachen jungen Mann ein einschneidendes, alles veränderndes Erlebnis: Er hat Jesus Christus gesehen. In die eigene Kamera berichtet er ergriffen von der Erscheinung und zeigt genau die Stelle, wo Jesus gestanden haben soll. Eine dreckige, mit Graffiti beschmierte, gelbliche Hauswand.

In eben dieser Stadt lebt auch Vytas (Marius Repsys). Er wohnt mit seiner Frau Jurate (Indre Patkauskaite) und seinen beiden Töchtern in einer kleinen Wohnung. Die Wohnzimmercouch dient nachts als Bett. Als Vytas seinen Job verliert, verfällt er in Lethargie, sitzt die meiste Zeit vor dem Fernseher oder trifft seinen Freund Petras (Valentinas Krulikovskis) zum Biertrinken. Gegenüber seiner Familie wirkt er teilnahmslos. Gefühle scheinen abgeschaltet. Auch die intime Beziehung zu seiner Frau benötigt filmische Anreize, um überhaupt stattzufinden.
Vom Amt erhält er aberwitzige Auflagen, wird zur Teilnahme an einem Bewerbungstraining verpflichtet, das er nahezu gleichgültig absolviert. Die Maßnahme an sich ist dermaßen abstrus, dass man sich zweifelnd fragt, wie Vytas dennoch jeden der vorgebrachten Vorschläge annimmt und in die Tat umsetzt. Während einer dieser „Schritte zum neuen Job“ lernt er Marija kennen. Und plötzlich kehrt ein wenig Leben in sein Gesicht zurück, ein wenig Neugier. Sein Optimismus, eine Stelle zu finden, wird beflügelt. Marija ist es auch, mit der er seinen neuen Job feiert, den er nach einem gänzlich absurden Vorstellungsgespräch bereits am nächsten Tag antreten soll. Als dieses ausgesprochene Arbeitsangebot am Folgetag jedoch widerrufen wird, verfällt Vytas in einen depressiv anmutenden Zustand. Wenn er nicht auf der Couch liegt und fernsieht, trifft er sich so oft er kann mit Marija. Dass er damit seiner Misere allerdings nicht entkommen kann, muss Vytas später selbst schmerzlich feststellen.

Durch einen grau-blauen Filter illustriert Der Heilige den tristen Alltag eines litauischen Mannes, der die Folgen der Wirtschaftskrise von 2008 am eigenen Leib erfährt. Regisseur Andrius Blazevicius sieht ihn stellvertretend für den typischen Litauer. Das Land ist patriarchalisch geprägt, der Mann muss Stärke verkörpern. Als Vytas dies nicht mehr gelingt, gerät er in eine Krise, muss seinen Platz, seine Identität neu definieren. Nicht jedem gelingt dies. Die Suizid-Rate in Litauen sei vergleichsweise hoch, berichtete Blazevicius. Einen anderen Ausweg sehen viele Litauer in der Emigration – eine Thematik, mit der sich auch Der Heilige auseinandersetzt. Sowohl der Charakter der Marija als auch Petras liebäugeln mit einem Leben außerhalb Litauens. Ein Freund der Männer, Rokas, wagt den Schritt. Mit einer ausgiebigen Feier wird er verabschiedet und kann nicht umhin, vor seiner Abreise einige Tränen zu vergießen.

Filme wie seinen gebe es nicht in Litauen. Soziale Probleme durch Filme aufzuarbeiten habe viel zu lange nicht stattgefunden. Wie Blazevicius ebenfalls erzählte, stamme die Begebenheit des Vorstellungsgespräches und der später zurückgenommenen Jobzusage aus seiner eigenen Erfahrung. Für ihn sei diese Szene ein Paradebeispiel für die „Kultur des Vorspiegelns“ („culture of pretending“), wie er es nennt. Von der Rezeption erwartet er zumindest seitens der Kritiker Anerkennung und Lob. Wie das allgemeine Publikum reagieren werde, könne er nicht vorhersagen.
Irreführend mag der Titel „Der Heilige“ erscheinen, handelt der Film doch primär von Vytas. Der Mann in dem Youtube-Video und seine Christus-.Sichtung bilden die nebensächliche Rahmenstory. Zwar geht Vytas in die Kirche, doch da sein Kumpel Petras Messdiener ist, kommt dieser eher noch in Frage für einen Heiligen Zumal er den Youtuber unbedingt finden will – und im besten Fall im gleichen Zug Jesus Christus.
Hoffnung will Regisseur Andrius Blazevicius durch den Film vermitteln. Ob ihm das gelingen wird, ist höchst fraglich. Der Rezensentin zumindest hatte dieses Gefühl nicht.

3. Türchen

Rosemari | Rosemari | Framing Mom

Der folgende Beitrag stammt von der Masterstudentin Sabrina Scholz.

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Foto: trondheimkino.no

Der schönste Tag in Unn Toves Leben steht bevor: sie wird heiraten. Allerdings den falschen Mann, wie sich herausstellt. Bereits vor ihrer Hochzeit hat sie eine Affäre mit Kristian, einem Künstlertyp, der sich eher schlecht als recht durchs Leben schlängelt. Auch auf ihrer Hochzeitsfeier taucht Kristian plötzlich auf und Unn Tove (Tuva Novotny) lässt sich zu einem Stelldichein hinreißen. Das bleibt jedoch nicht die einzige Überraschung des Tages: Im Reinigungsraum der Damentoilette findet Unn Tove ein Neugeborenes. Eine leicht skurrile Szene folgt, in der die Braut mit dem blutverschmierten Baby im Arm fragenden Blickes vor ihrem Ehemann und der versammelten Hochzeitsgesellschaft steht.

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Die Flüsterer | Hviskerne – Veasoejorksh

https://i.vimeocdn.com/video/594669918.jpg?mw=1920&mh=1080&q=70In Die Flüsterer (Originaltitel: Hviskerne – Veasoejorksh) begleitet der irische Regisseur David Kinsella, der seit 1991 in  Norwegen lebt, sieben Jahre lang die junge Saamin Ellen-Sara. Genauer gesagt ist sie eine Südsaamin, denn Sápmi, das Gebiet der Saami, erstreckt sich von Schweden und Norwegen über Nordfinnland bis nach Russland und die Saami lassen sich in 10 Untergruppen einteilen.

Zu Beginn des Films werden die Zuschauer in die Welt der Saami eingeführt, indem Ellen-Sara ihre Rentiere haltende Familie vorstellt, alte Fotos von ihren Großeltern in samischer Tracht zeigt oder per Voice-Over etwas über die Geschichte und die Traditionen der Saami erzählt, während man ihr und ihrer Familie beim Treiben der Rentiere zuschaut. Etwas komisch wirkt es schon, wenn sie etwas über das Joiken oder den Glauben der Saami erzählt und dabei in der weitläufigen, verschneiten Landschaft die Rentiere mit ihrem Smartphone filmt.

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Herzstein | Hjartasteinn

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Der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson hat schon viele Preise im Kurzfilmbereich gewonnen. Bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen fand die Deutschlandpremiere seines Spielfilmdebüts Hjartasteinn (dt. Herzstein) statt. Der Film konnte nicht nur die Zuschauer überzeugen, sondern auch die Jury, sodass der NDR Filmpreis, der mit 12.500 Euro am höchsten dotierte Preis, dieses Jahr an Hjartasteinn und somit nach Island ging.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Der Film spielt in einem kleinen und abgelegenen Fischerdorf in Ostisland und er beginnt so, wie man sich das Leben dort vorstellt. Die Möwen kreisen in der Luft und krähen lautstark, während vier sichtlich gelangweilte Jungen am Wasser in der Sonne liegen und nach einer Weile mit einer Schnur Fische fangen. Sie fangen sie aber nicht nur, sondern töten sie mit Schlägen und Tritten und nehmen sie mit bloßer Hand aus. Der Zuschauer darf das Spektakel mit wechselnden Nahaufnahmen der Gesichter, der Hände und der Fische mitverfolgen. Manche wenden bei dem blutigen Anblick ihr Gesicht von der Leinwand ab. Der Übergang von der stillen Idylle der ersten Sekunden hin zu dieser Brutalität kommt unerwartet, bereitet einen aber schon darauf vor, dass dies ein Film ist, der genau von solchen Kontrasten lebt: laut – leise, Sanftheit – Gewalt, enge Dorfgemeinschaft – weite Landschaft, Heterosexualität – Homosexualität… Die Liste ist lang.

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Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki | Hymyilevä Mies

Der folgende Beitrag stammt von der Fennistikstudentin Sabrina Scholz.

 

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Foto: camino-film.com

Der diesjährige Preisträger des Baltischen Filmpreises bei den 58. Nordischen Filmtagen in Lübeck stammt aus Finnland. Mit dem Film über den glücklichsten Tag im Leben des Olli Mäki (Original Titel: Hymyilevä mies ‚Der lächelnde Mann‘) gelang Regisseur Juho Kuosmanen ein herausragender Spielfilm über eine wahre Begebenheit, den die Filmschaffenden der baltischen Republiken mit dem seit 1991 gestifteten Preis entsprechend auszeichneten. Bereits bei den 69. Filmfestspielen von Cannes in diesem Jahr erhielt der Film den ersten Preis in der Reihe Un Certain Regard. Bei der nächsten Oscarverleihung (2017) soll er in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film zur Wahl stehen.

Der „lächelnde Mann“ Olli Mäki (*1936) hat die einmalige Chance, 1962 in Helsinki als erster Finne um die Weltmeisterschaft im Profi-Boxen in den Ring zu steigen. Um sich den Titel gegen Davey Moore – den amtierenden Weltmeister im Federgewicht – zu erkämpfen, muss Olli Mäki (Jarkko Lahti) zunächst jedoch dringend sein Kampfgewicht reduzieren. Über vier Kilo zu viel bringt er auf die Waage. Da hilft es keineswegs, dass ihn sein Trainer und Manager Elis Ask (Eero Milonoff) von Promo-Auftritt zu Promo-Auftritt schickt und zwischendrin Dinner mit potentiellen Sponsoren arrangiert. Der bald abwesende Gesichtsausdruck Mäkis ebenso wie seine Körperhaltung lassen keinen Zweifel daran, wie sehr ihn der Trubel um seine Person belastet. Beruf und Privatleben sind nicht mehr zu trennen. Selbst während einer Hochzeitszeremonie wird Mäki von allen Seiten mit Fragen zum bevorstehenden Kampf, seinem Gewicht und seinem Trainingsstand gelöchert. Gegenüber solcher Nachfragen wird Mäki zunehmend abgestumpfter. Kaum noch reagiert er verbal. Zumeist ersetzen ein leerer Blick und Schweigen das Antworten. Er zieht sich zurück, sucht die Ruhe des Alleinseins. Elis Ask jedoch wittert mit dem Gewinn des Weltmeistertitels das ganz große Geschäft. Ask, der 1951 selbst Europameister im Leichtgewicht wurde, verhält sich völlig konträr zu Mäki. Er lebt die Vision vom finnischen Titelgewinn im eigenen Land und pusht Mäki dazu, am Wettkampftag, dem Jahrestag seines eigenen Titelgewinns, Höchstleistungen zu bringen. Medienwirksam inszeniert er das Bild eines neuen Boxweltmeisters.
Wenige glückliche Momente erlebt Olli Mäki nur mit Raija, seiner großen Liebe. Sichtbar genießt er die gemeinsame Zeit, wirkt gelöster. Ihre Gegenwart und ihr Anblick entlocken ihm ein Lächeln – ein ehrliches Lächeln, kein gestelltes für die Kamera. Mit ihr gewinnt er Abstand zur Wettkampfvorbereitung. Selbstverständlich missfällt das Elis Ask zutiefst, der den Erfolg Mäkis gefährdet sieht und jedwede Ablenkung ablehnt.

Besonders macht den glücklichsten Tag im Leben des Olli Mäki neben der hervorragenden Darbietung Jarkko Lahtis die filmische Inszenierung. Bereits die Eingangsszene beinhaltet alle Stärken der Produktion: in Schwarz-Weiß nimmt der Regisseur den Zuschauer mit durch den Alltag von Olli Mäki und verzichtet dabei fast durchgängig auf eine musikalische Untermalung. Durch die Geräuschkulisse aus reinen Atmo-Aufnahmen und der durch die Kamera erzeugten Nähe zum Geschehen erlebt der Zuschauer die vermeintlich bedeutendste Karrierephase Mäkis wie ein persönlicher Begleiter. Die Schnittfolge unterstreicht die Geschwindigkeit im Tagesablauf, die Kürze der Vorbereitungszeit und die Dichte von Mäkis Terminkalender: verqualmte Pressekonferenz – Cut – Sparring – Cut – Fotoshooting, Dinner – Cut – wiegen vor dem Schlafen gehen.
Dank der Ausstrahlung in Schwarz-Weiß und einer unzeitgemäßen Bildqualität erreicht der Film ein hohes Maß an Authentizität. Es entsteht der Eindruck, einen Film aus der Zeit, die er zeigt, vor Augen zu haben, der beinahe dokumentarische Züge aufweist. Auch die Kameraführung beeindruckt. Das Spiel zwischen Nähe und Entfernung korreliert mit der Intensität der Situationen. So weist eine Szene des finalen Boxkampfes die größte Nähe von Kamera und Protagonist auf, wogegen die Auflösung einer Spannung – gipfelnd im Rückzug Mäkis vom Trainingsring in den Wald – durch die Entfernung des Protagonisten von der Kamera bebildert wird.

Die Hauptdarsteller des Films, Jarkko Lahti (Olli Mäki), Oona Airola (Raija) und Eero Milonoff (Elis Ask) stellten sich im Anschluss an die Film-Vorstellung am Samstag, den 5.11.2016 den Fragen und Kommentaren des Publikums. Zur Frage nach seinem Gewicht während und nach den Dreharbeiten verriet Jarkko Lahti, dass er für einen sichtbaren Unterschied im Laufe des Films zum Ende sogar nur noch 54 kg gewogen habe – drei Kilo weniger als Mäki tatsächlich wog. Zudem betonte er seine Erleichterung, Olli Mäki persönlich getroffen und somit essentielle Hilfe für die Darstellung seiner Rolle erhalten zu haben. Die Zusammenarbeit war so eng, dass Olli Mäki und seine Frau Raija am Ende des Films einen Cameo-Auftritt haben, der von ihren Film-Charakteren entsprechend kommentiert wird.

Am 5. Januar 2017 startet der Film auch in den deutschen Kinos.

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki – ab 5.1.2017 im Kino from Camino Filmverleih on Vimeo.