„Barneraneren“ – ein Film über Oslos Problemjugend aus Haugenstua

Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

von Anna Lange

Der Dokumentarfilm „Barneraneren“ von Jon Haukelund bietet dem Jugendlichen Noah eine 100-minütige Bühne, um die Geschichte von seinen Bemühungen, dem kriminellen Dasein zu entfliehen, zu erzählen. Diese spielt er dabei gemeinsam mit seinen Freunden und anderen Personen, die ihm auf diesem Weg begleiteten, für den Film nach. Ausgangspunkt des Filmes bildet dabei das Jahr 2013, als Norwegen von den Vorfällen im Osloer Problemviertel Haugenstua erschüttert wird, bei dem junge Leute, zwischen 15 und 20 Jahre alt, Gleichaltrige sehr gewaltbereit überfielen, ihnen Geld und Wertgegenstände raubten. Noah selbst war damals erst 15 Jahre alt und einer dieser Barneraneren, dieser jungen Täter, aus Haugenstua.

https://www.nfkino.no/oslo/article1271775.ece

Gemeinsam mit Noah wird der Zuschauer zu Beginn des Films direkt in der Wohnung von Noahs Mutter, bei der er damals noch lebt, von der Polizei überrascht, die ihm wie auch einigen seiner Freunde auf die Schliche gekommen ist. Sie kommen vor Gericht, doch erhalten hier noch eine letzte Chance: Sie werden Teil vom sogenannten Follow up, einem Präventionsprogramm, das sie verpflichtet, regelmäßig bei der Polizei vorstellig zu werden und aus ihrem Leben zu berichten. Dafür jedoch muss Noah außerdem zu seinem Vater ziehen, der in einem anderen Viertel lebt. Er soll fort von seinen Freunden, fort aus Haugenstua, seinem HG, wie er und seine Freunde es immer liebevoll bezeichnen. Es ist für sie mehr als ein Viertel – es ist ein Lebensgefühl.
Bei seinem Vater könnte der Unterschied zu HG kaum größer sein: Statt Kapuzenpullover, mit der Kapuze stets auf dem Kopf, falls dort gerade keine Mütze zu finden ist, trägt man hier Poloshirts altbewährter Marken; statt zu kiffen, gibt es Carlsberg und Corona zu trinken; statt einfach nur gemeinsam in den Straßen abzuhängen, fährt man zusammen  mit blitzend weißen Motorbooten raus in eine idyllische Bucht und geht schwimmen oder brät in der Sonne. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht; Noah fällt durch sein Äußeres und sein Verhalten unter den anderen komplett aus der Reihe, doch er ist merklich willkommen, selbst wenn der eine oder andere Spaß auf seine Kosten geht.
Aber so einfach kann man nicht aus seiner Haut; so einfach ist es nicht, den alten Gewohnheiten zu entsagen. Das muss Noah bei seinen Freunden schon früh beobachten, die sich wider besseren Wissens von alten Mustern einholen lassen und zu allem Übel auch noch direkt erwischt werden. Nun droht das Gefängnis. Man spürt, wie es Noah ärgert, mehr aber noch, wie er selbst davon überzeugt ist, dass ihm dies nicht geschieht; er will endlich raus aus der Kriminalität. Doch er ist letztlich auch nur ein Mensch, ein junger noch dazu, und so muss der Zuschauer manchmal mächtig fiebern, wenn Noah sich selbst gar noch auf den allerletzten Metern des Follow up-Programmes in irgendwelchen an der Illegalität mehr als nur grenzenden Unfug verwickeln lässt.
Andererseits scheint der moralische Zeigefinger in diesem Film manchmal auch etwas weit erhoben, wenn das Komitee des Follow up-Programmes Noah beispielsweise zu bedenken gibt, dass er lieber mit seinen neuen – wie sie es bezeichnen – „positiven“ Freunden in der Schule das norwegisch-weihnachtliche Porridge genießen soll, statt dem zeitgleich stattfindenden Gerichtsverfahren der alten Haugenstua-Freunde beizuwohnen.

https://www.filmweb.no/bildeserier/?articleId=1269701

Der Film lebt von einer besonderen Authentizität, die er nicht allein nur Noahs ehrlicher, nüchterner Stimme zu verdanken hat, die die Geschehnisse im Film erzählerisch begleitet und teilweise auch kommentiert, sondern ebenso der Freiheit, die Filmemacher Haukeland hier seinen Darstellern lässt: Sie reden frei, folgen keinem Drehbuchtext. Es ist eine gute Entscheidung, denn jeder von ihnen spielt sich letztlich in diesem Film selbst; es sind Szenen aus ihrem eigenen Leben, die hier noch einmal für die Kamera um Noahs Geschichte herum rekonstruiert werden. Ähnlich einer echten Reportage verzichtet die Kamera hierbei auf häufige Wechsel und folgt den Jugendlichen mit sicherer Hand; nur geringfügig kommt es überhaupt zu Wacklern. Die Kamera ist immer mitten unter ihnen, ohne sich aber in das Geschehen anderweitig einzumischen. Sie bleibt neutral – das hier ist schließlich allein Noahs Geschichte.
Schon in seinem Erscheinungsjahr, 2016, wurde der Film beim Bergen Internasjonale Filmfestival, dem BIFF,  zum besten Dokumentarfilm Norwegens gekürt. Der Journalist und Regisseur Haukelund ist diesem Genre seit Längerem sehr gut vertraut und hat seit 1999 bereits eine gute handvoll weitere Dokumentationen herausgebracht, ohne aber bislang in Deutschland damit Bekanntheit erlangt zu haben. Er fokussiert sich jedoch nicht auf spezifisch norwegische Themen, wie selbst dieser Film im Grunde beweist, denn die Geschichte lässt sich leichterhand übertragen auf das Berliner Problemviertel Neukölln oder Paris‘ gefürchtete Vorstadt Saint-Denis. Die Thematik ist also kein rein norwegisches Problem – und es tut gut, an diesem Beispiel miterleben zu können, wie ein in diesem Milieu verwurzelter Teenager seinen Weg aus der Kriminalität findet, wenn man ihm nur eine reelle Chance dazu bietet.
Dabei hat Noah HG letztlich nie aufgeben müssen: Heute ist er nunmehr ein junger Mann und hängt noch immer sehr an seinem Viertel, wo er selbstverständlich auch wieder eine Wohnung bezogen hat. Er ist sozial engagiert und kämpft um die Etablierung eines Jugendzentrum in jenem Osloer Problemviertel, auf dass es diesen Ruf alsbald wieder verlieren möge.

 

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.