„Barndom“ (Norwegen 2017) – Lasst die Kinder spielen!

Euer Baltic Cultures Adventskalender – Türchen 7

„Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird, wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war“, schreibt die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren.

Ein Film, der Erinnerungen an unsere eigene Kindheit in uns hervorruft und uns die Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Lebens als Kind wieder vor Augen führt, ist der norwegische Dokumentarfilm Barndom (z. Dt.: Kindheit). Ein Jahr lang begleitete die Dokumentarfilmerin Margreth Olin den Alltag in einem Waldkindergarten südlich von Oslo und entstanden ist ein Film, der in beeindruckender Weise und in ruhigen Bildern die Magie kindlicher Neugier und Phantasie zeigt.

Foto/Copyright: Norsk Filmdistribusjon / Speranza AS

Der Zuschauer verfolgt das Geschehen innerhalb der ältesten Gruppe des Kindergartens vom Ende der Sommerferien bis zum Beginn der Sommerferien im darauffolgenden Jahr und der damit einhergehenden Einschulung der Kinder. Wichtige Elemente dabei sind die vier Jahreszeiten, die dem Film eine innere Struktur verleihen und den Entwicklungsprozess der Kinder zeitlich messbar machen.

Während die Kinder spielen, basteln, Feste feiern oder zum Essen beisammen sitzen, sind sowohl der Zuschauer als auch die Filmemacherin stumme Beobachter. Die Kinder werden nicht befragt, vor der Kamera sind sie ebenso frei in ihrer Handlung, wie im Kindergarten selbst und so beginnen die Kinder einfach zu erzählen und lassen auf diese Weise einen Einblick in ihre Phantasie zu. Ebenso bleiben Handlung und Gesagtes stets unkommentiert.

In Barndom wird eine Kinderwelt dargestellt, die geprägt ist von Freiheit und Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder. Die Kinder entscheiden selbstbestimmt was sie spielen wollen, haben keine Verpflichtungen und können ihrer Kreativität freien Lauf lassen. So wird beispielsweise auf Bäume geklettert, mit Messern geschnitzt oder es werden Schnee und Ameisen gegessen. Ganz nebenbei lernen die Kinder eigenständig den Umgang mit und den Respekt vor der Natur.

Foto/Copyright: Norsk Filmdistribusjon / Speranza AS

Erwachsene spielen im Film nur eine untergeordnete Rolle, die Hauptrolle spielen die Kinder selbst. Die Erzieher im Kindergarten sind vielmehr Impulsgeber, stehen den Kindern bei Fragen und Problemen zur Seite, spenden Trost und Geborgenheit, strukturieren den Alltag und leiten Projekte, wie beispielsweise das Basteln von Steckenpferden, an, greifen jedoch nie ins Spiel der Kinder ein oder sprechen Bestrafungen aus. Die Erzieher fungieren als Vorbilder für die Kinder und spiegeln das Ideal des Erziehers wider, dass der Vater der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner, definiert hat: „[Er] muss so wirken, dass er gewissermaßen das Wahre, Gute und Schöne dem Kinde nicht bloß darstellt, sondern es ist. Was er ist, geht auf das Kind über, nicht, was er ihm lehrt.“

Margreth Olin schuf den Film als stillen Protest gegen Leistungsdruck und Konkurrenzdenken in der Schule. In einer Gesellschaft, in der Kinder immer früher eingeschult werden und damit konfrontiert werden, sich schulische Fähigkeiten anzueignen, sieht Olin die Gefahr, die Persönlichkeiten der Kinder zu vernachlässigen und ihre freie Entfaltung zu hemmen. Olins Protest geht dabei einher mit den frühen reformpädagogischen Ansätzen.

Die Kinder im gezeigten Kindergarten durchleben eine Kindheit, die viele Züge der Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Reformpädagogik ausgesprochenen Erziehungs- ideale aufweist. Im Vordergrund stehen dabei Wunschbilder, wie beispielsweise das Recht des Kindes auf freie Entfaltung, eine freiheitliche Erziehung, das Aufwachsen des Kindes in harmonischer Umgebung, sowie die Ablehnung jeglicher Form autoritärer Bestrafung.  Der Reformpädagoge Alexander Sutherland Neill, der in den 1920er- und 1930er-Jahren darauf aufbaut, ist überzeugt von der natürlichen Gutartigkeit jedes Kindes, die erst durch Einschränkungen und Hemmungen seitens Erwachsener zerstört werde. Er geht davon aus, dass sich jedes Kind selbstständig zu einem autonomen und soliden Individuum entwickelt, wenn es nur gelassen wird. Laut Neill seien Kinder nicht zu bevormunden, sondern sollten die gleichen Rechte wie Erwachsene haben und mit dem gleichen Respekt behandelt werden.

Foto/Copyright: Norsk Filmdistribusjon / Speranza AS

Margreth Olins Barndom ist ein gelungener Film, der die Ungezwungenheit und Freiheit des Kindseins in beeindruckenden Bildern visualisiert und auf subtile Weise zugleich den Leistungsdruck kritisiert, der in der heutigen Gesellschaft schon früh auf den Schultern der Kinder lastet. Olin zeigt auf, wie wichtig freies Spiel und das Ausleben der Phantasie für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sind und gibt somit Anlass für das Hinterfragen konventioneller Erziehungsansätze und der gesellschaftlichen Betrachtung von Kindern. Die Botschaft des Films ist ebenso einfach wie deutlich: Lasst die Kinder spielen!

 

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David

David

Begeistert sich von A wie Astrid Lindgren bis Z wie Zlatan Ibrahimovic für alles, was sich in der schwedischen Gesellschaft abspielt. Mag die nordische Peripherie, genauso wie das kosmopolitische Stockholm und hat ansonsten ein Faible für skandinavische Kinderliteratur, Esskultur und für’s Fotografieren.
Studiert im Master Kultur-Interkulturalität-Literatur und träumt vom Leben in Schweden.