Author - Wiebke

Türchen Nr. 23

Peter Høeg: „Effekten af Susan“ – „Der Susan Effekt“

Peter Høeg ist international vor allem für seinen Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ bekannt. Mit „Der Susan-Effekt“ könnte er jetzt vor allem bei Fans von Gender-Theorien gut ankommen: Eine starke Frau als Hauptfigur, die mit der besonderen Gabe ausgestattet ist, jedem ihrer Gesprächspartner mühelos Geheimnisse zu entlocken. „Die Experimentalphysikerin Susan Svendsen ist ein veritables Superweib, eine Intelligenzbestie mit Sex-Appeal und Muskelkraft, die aus jeder Lage einen Ausweg findet und ihn sich notfalls mit Stemmeisen und Brechstange verschafft.“ (13. August 2015, 21:16 Uhr, „Intelligenzbestie mit Sex-Appeal“ in: Süddeutsche Zeitung) Der Roman ist anspruchsvoll, wenn man Susans Weg, politische Verwicklungen aufzudecken und ihrem wissenschaftlichen Denken und ihrer Sprache, folgen will. Außerdem sollte man den Text nicht zu ernst nehmen, ist er doch überwiegend fantasievoll.

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Türchen Nr. 22

Agnar Mykle: Lasso rundt fru Luna. Gyldendal, Oslo 1966.

«Jeg er verdens største forfatter!», rief er schon zu Lebzeiten («Ich bin der beste Autor der Welt!»). Agnar Mykles Äußerung mag nach einem Blick auf seine Bücher wenig Bestand haben, zumal sie ihre provokative Kraft heute etwas eingebüßt haben, aber lohnend ist die Lektüre von „Lasso rundt fru Luna“ dennoch. Der Roman beschreibt das äußerst schmerzhafte Heranwachsen von Ask Burlefot, der in einem kleinen norwegischen Ort als Hilfslehrer an einer Handelsschule zu arbeiten beginnt und später zu deren Rektor wird. Dabei lernt er Gunnhild kennen, mit der er eine stürmische Beziehung beginnt, und, als diese Geschichte beendet ist, Siv, mit der die gleiche Chose von vorne anfängt. Es gibt wenige Bücher, die sich mit ihren Liebesszenen so viel Zeit lassen wie dieses; so kann der Leser etwa Asks wortwörtliche Ohnmacht Gunnhild gegenüber hautnah miterleben oder Zeuge seiner moralischen Verfehlungen werden, denn der junge Mann macht sich beiden gegenüber schuldig. Auch wenn Mykles Blick auf Geschlechterrollen heute hoffnungslos veraltet ist, bietet dieser Roman einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt seiner Charaktere. Dabei sind es vor allem die Extreme: Scham und Angst, aber auch Glück und Verzückung.
Auszug: „Kursen for et menneskes liv synes å bli staket ut et bestemt øyeblikk i ungdommen, et sted mellom dets 18. og 21. år. Det er det øyeblikk hvor det unge menneske forlater hjemmet og hjemstedet for å søke seg en jobb, reise til et fremmed sted, begynne på en høyere skole, eller hvor det rømmer fra gaten, bakgården, skjenselen.“ (S. 23)

Türchen Nr. 21

Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

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Patrick Rothfuss gilt bei den Kritikern als der neue Tolkien und das nicht umsonst. Der Name des Windes ist der Auftakt der Königsmörder-Chronik-Trilogie. Der Protagonist Kvothe ist Magier, leidenschaftlicher Musiker und hoffnungsloser Romantiker, aber auch ein Kämpfer.
Unglaublich erzählt und mit wunderbaren Charakteren besetzt, ist dieses Buch ein Muss für Fantasy-Fans und für alle, die es noch werden wollen.

»Für mich ist „Der Name des Windes“ die überzeugendste Fantasy seit Tolkiens „Der Herr der Ringe“ …« Denis Scheck

»In »Der Name des Windes« erzählt Patrick Rothfuss die Geschichte von Kvothe, dem berühmtesten Zauberer seiner Zeit. Damit ist ihm ein Roman von so viel Einfallsreichtum und solch sprachlicher Kraft und Authentizität gelungen, dass er die gesamte Fantasyszene aufhorchen lässt.« Deutscher Fantastik Preis

 

Türchen Nr. 19

Marja Høegh: „apummi tumit“

Die 27-jährige Dänin Silje begibt sich auf die Spuren ihrer grönländischen Urgroßmutter und lernt auf ihrer Reise, beginnend in einer kleinen Siedlung im Westen der Insel, die Vielseitigkeit des Landes kennen. Die barsche Natur und rauschende Stürme bringen sie immer wieder in Kontakt mit den gastfreundlichen und liebenswerten Einheimischen, mit Städtern, Künstlern, Unternehmern und Fischern, die ihr auf ganz unterschiedliche Art und Weise von der Gesellschaft, Geschichte und jahrtausendealten Mythen berichten. Der Roman der Grönländerin gibt einen Einblick in das heutige grönländische Leben und ist ein wunderbar erzählter Beitrag über die eigenen Wurzeln, Identität und Heimat.

Türchen Nr. 18

Thure Erik Lund: Grøftetildragelsesmysteriet. Aschehoug, Oslo 2000.

Es gibt wohl selten Bücher mit einem ähnlich langen und unübersetzbaren Titel wie Thure Erik Lunds Grøftetildragelsesmysteriet. Versuche, diese Wortschlange auf Deutsch wiederzugeben, erweisen sich schnell als unbeholfen: „Das Geheimnis der Anziehungskraft der Schlucht“? Das „Schluchtanziehungskraftmysterium“? Einen ähnlichen Sog wie der Titel entwickelt der Roman selbst, in dem es um einen verschrobenen Theoretiker namens Thomas Olsen Myrbråten geht. Dessen Initialen, „tom“ („leer“), stehen programmatisch für seinen Konflikt, der so zusammengefasst werden kann: Thomas verzweifelt an der Sinnlosigkeit der Welt, in der er lebt, bekommt aber mehr oder minder zufällig den Auftrag, eine Abhandlung über die Kulturdenkmäler Norwegens zu schreiben. Das geht gründlich schief, denn von PR versteht er herzlich wenig. Nach seiner missglückten Präsentation im Kultusministerium zieht Thomas als Outcast in den Wald und beginnt, an seiner eigenen Welttheorie zu schreiben. All das wäre furchtbar pessimistisch, hätte Lund nicht die Gabe, seine Geschichte in einem burlesk-satirischen Tonfall zu erzählen, sodass ein wüstes Konglomerat aus scheinbar wissenschaftlichen Textpassagen und cholerischen Tiraden entsteht, das zudem noch, und das nicht zu seinem Nachteil, die Hypo- der Parataxe vorzieht. Eine Rezension des Literaturkritikers Øystein Rottem zu diesem Roman trägt übrigens passenderweise den Titel „Får Solstad til å blekne“. Und ja, Lund lässt den alten norwegischen Haudegen wirklich wie einen blassen Chorknaben mit Sturmfrisur aussehen.
Auszug: „Om far min var en knortete rot som hadde trengt seg inn i fjellets sprekker og i det øyeblikk hans helse begynte å skrante dermed var dømt til å bli krystet av de krefter i fjellet han før hadde maktet å fortrenge, så var mor nettopp dette kantete, sprukne fjellet, som bare på lang avstand kunne virke jevnt og udramatisk, men som i nærsyn viste seg å være fullt av rasfarlige steinblokker og skjulte sprekker, det var som om revningene hennes sto i forbindelse med merkverdige kilder, for var folk så usjenerte at de åpent studerte henne, fikk de henne til å være et oppfarende og nærtakende menneske, mens hun derimot kunne være et sant oppkomme av fortellinger, skrøner og risper fra gamle dager, bare det var hun selv som kom på at det skulle fortelles, det var alltid hun som måtte gi av seg selv, hun mislikte all form for omtale, forventning og kunstferdig agering, og mest av alt mislikte hun å snakke med fremmede, da satt hun bare stille og så på dem, med et fiendtlig uttrykk ingen våget å spørre noe om.“ (S. 145)