Asphaltfäröer

Es gibt einige Geschichten, die das Verhältnis der Dänen und Färinger thematisieren und gelegentlich Klischees auf die Spitze treiben. Als Asphaltfäröer werden, etwas spöttisch, nach Kopenhagen ausgewanderte Färinger bezeichnet, die der schroffen Heimatinsel im Atlantik wieder einen Besuch abstatten.

Rannvá und Barba

Der Film „Bye Bye Bluebird“ aus dem Jahre 1999 der Regisseurin Katrin Ottarsdóttir erzählt von solchen Asphaltfäringern und gilt als erstes färöisches Road Movie, was zunächst dazu verleitet, zu fragen, wie man bei einem so spärlichen Straßennetz überhaupt darauf kommt, ein Road Movie zu drehen.

Der Film erzählt dennoch wunderbar humor- und liebevoll von der Inselrückkehr zweier junger, unzertrennlicher Freundinnen, von der sich die eine auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter begibt und das Leben der anderen zu einem für alle unerwarteten Rollenwechsel wird.
Schon das Kontrastprogramm, das sich bietet, als Rannvá (Hildigunn Eyðfinsdóttir) und Barba (Sigri Mitra Gaïni) in ihren schrillen, flippigen Outfits mit angemalten Lippen, viel Make-Up und gefärbten Haaren, in hohen Schuhen tänzelnd und lauthals scherzend die dörflich-idyllische Atmosphäre der Bevölkerung in Tórshavn durcheinanderbringen, lässt schmunzeln. Sofort bedient der Film die klassischen Vorurteile einer weltgewandten, hippen Jugend aus Dänemark und dem hinterwäldlerischen Leben auf den Färöern. Satire und Komik bestimmen fortan den Filmton. Die Schauspielerinnen erhellen die Leinwand und ihre extrovertierten Filmrollen werden zum Inbegriff für Freiheit und Lebensfreude. Die färöische Bevölkerung wirkt dagegen zurückgezogen und in ihren Traditionen verankert, einige sind tief religiös und wollen vom großen aufregenden Leben in der europäischen Großstadt nichts wissen. Darüber können sich die besten Freundinnen nur zu gut amüsieren. Sie kokettieren mit den Einheimischen, lieben es, sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen, sich modern, in Englisch und Französisch auszudrücken und nehmen Runí, einen angeschwippsten Fischer mit Lederjacke und Schnurrbart, den sie gleich zu Beginn kennenlernen, auf die Schippe. So meint Rannvá beispielsweise , sein färöischer Pullover würde ihn trotzdem noch wie einen Dänen aussehen lassen. Daraufhin kontert Runí mit „Bla bla bla. Habt ihr im Ausland nichts Besseres gelernt?“ Die beiden jungen Frauen sind keck und nicht auf den Mund gefallen, doch versteckt sich hinter ihren übermutigen Fassaden ein sentimentaler, weicher Kern.

Das Road Movie beginnt typischerweise auf der Straße. Es ist ein wunderschönes und komisches Bild wie die beiden schrägen, bunten Vögel mit einem Ghettoblaster am Straßenrand hocken, umgeben von der färöischen Landschaft, deren Aufnahmen den Film eindeutig auch zum Landschaftsfilm werden lassen. Für Rannvá und Barba steht vorerst fest: als tanzwütige Großstadtmädchen und Modenarren treffen sie in dieser rar besiedelten Umgebung nur auf pure Langeweile. Mit den Männern der Insel können sie auch nicht viel anfangen, denn die würden erst tief und lange nachdenken und dann ihre Gedanken für sich behalten. So wie Runí. Er wird praktisch zum Reise-Komplizen der beiden und fährt sie in seinem alten Ford Granada, und darin stimmen die drei geschmacklich überein, mit ausgefallener Innenverkleidung im Zebramuster, zu den Nordinseln. Auf dem Weg dorthin erlebt die ansonsten sehr gegensätzliche Reisegemeinschaft skurrile Momente und Begegnungen, muss sprichwörtlich einstecken, leidet und befreit sich. Die Autofahrt führt durch Tunnel und schlängelt sich an den färöischen Klippen entlang.

Durch die Dialoge während der Autoreise wird die Beschäftigung der Figuren mit ihren persönlichen Schicksalen deutlich. Alle drei lernen sich genauer kennen, Freundschaft entwickelt sich und die alte Freundschaft wird auf die Probe gestellt. Auch Rannvás und Barbas lebensfrohe Art kann den Schmerz nicht immer unterdrücken. Die Mädchen wirken immer „ungeschminkter“. Das Road Movie wird zum Melodrama und ist wie die holprige von Pannen geprägte Fahrt, ein emotionales Auf und Ab.
Die Reise, zu Beginn noch als Aufbruch zum Rachezug gegen Barbas Mutter, die ihr Kind damals alleine ließ, angelegt, verändert sich und wird zur Suche aller Beteiligten nach sich selbst. Familiärer Verlust und besonders die Beziehung von Müttern und Töchtern sind die bestimmenden Themen. Die Filmgeschichte handelt auch vom Gefühl der Geborgenheit, davon, Kindern ein Zuhause zu geben und nicht wegzulaufen. Um es mit Barbas Worten zu sagen: „Schwanger werden ist so einfach!“ Die Höhen und Tiefen des Films sind genau die des Lebens, zwischen Erwartungen und Realität, Rückschlägen und Erfolgen. Der gleichnamige Song „Bye Bye Bluebird“ von Boney M. kann diese Stimmung wahrscheinlich am besten zusammenfassen. Der Film lebt von den wahren Gesprächen tiefer Freundschaft zwischen Rannvá und Barba. Wundervoll sind ihre Szenen, in denen die durchgeknallten Mädchen mit nackten Hintern die grasbewachsenen Inselklippen herunterrutschen, um sich und das Leben zu spüren, hingebungsvoll ihre Tango-Tanzeinlage als der Motor von Runís Auto durchbrennt und Zeit überbrückt werden muss, und zufriedenstellend ihre Entscheidungen zum Ende des Films als erwachsene Frauen.

Katrin Ottarsdóttir schafft es, zu berühren und eine ganz diverse, menschliche, landschaftliche und musikalische Reise zu kreieren mit einem ergreifenden und plötzlichen Ende. Bæ Bæ!

Hier lässt sich der Film auf Färöisch sehen!

      

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.