Am Anfang war das Ei – Islandexkursion 2014

Vorab: Dieser Beitrag enthält nur einen Bruchteil dessen, was unsere Exkursionsgruppe auf Island alles gesehen und erlebt hat. Island ist bekannt als das Land der Sagas und der Wikinger, der Elfen und der Launen der Natur. Obwohl wir viele Sagastätten, Museen, Kirchen und andere für die Isländer kulturell und politisch sehr bedeutsame Orte bereist haben, habe ich das nicht aufgeführt oder nicht explizit erwähnt. Ich bitte den Leser darum, das zu berücksichtigen und beim Lesen alles Fehlende im Geiste zu ergänzen.

Foto: Lisa Below

Wall art in Reykjavík – Foto: Lisa Below

Am Anfang war das Ei. Das Ei ist groß und glänzt silbrig in der Mitternachtssonne vor dem Flughafen Keflavík. Es muss etwa ein Uhr nachts sein, aber es ist fast taghell. Die Eierschale ist an der Oberseite schon aufgebrochen und aus der Öffnung lugt ein undefinierbares Körperteil eines undefinierbaren Geschöpfes hervor. Ich sehe darin den Schwanz einer kleinen Echse; andere Leute mögen noch ganz andere Dinge darin sehen. Mir gefällt die Vorstellung, hier in dieser hellen Sommernacht nicht weit unterhalb des Polarkreises mitzuerleben, wie vielleicht ein kleines Dinosaurierbaby aus seinem Ei schlüpft. Vielleicht ein Symbol dafür, dass die Erde auf dieser Insel Land gebiert. (Und das, was andere Leute darin sehen, passt ja nicht weniger zu meinem Schöpfungsgedanken – gibt es nicht übrigens in Reykjavík das weltweit einzige Penismuseum?!) Wie dem auch sei, wir laden unser Gepäck in die Mietwagen und unsere Fahrt beginnt. Erst Moos, Gras und Flechten und die violetten Lupinen bringen Farbe in die schwarz-graue Ebene der Mondlandschaft um uns herum. Eine Gebirgskette am Horizont, mal grau, mal schwarz, mal rötlich-braun im Schein der Abendsonne, begrenzt die Sicht. Vereinzelt sieht man hohe Dampfsäulen aus der Erde aufsteigen. Was für ein Land für einen Dinosaurier!

Der erste Tag beginnt mit einem Stadtrundgang durch Reykjavík. Das Wetter ist uns wohlgesonnen und ganz so wie es in unserem Lehrbuch geschrieben steht, ragt auf der anderen Seite der Bucht, nach der Reykjavík benannt ist, das Gebirgsmassiv der Esja auf. Hier verbringen wir einen Teil unseres zweiten Tages. Mit 914 Metern über NN ist sie nicht die höchste Erhebung Islands und hat auch keinen Gletscher, aber unterhalb des Gipfels wird es steil und der Untergrund ist scharfkantig und schroff. Schotter und Geröll laden zum Abrutschen ein und teilweise verliert man den Pfad leicht aus den Augen oder aber er führt an Drahtseilen entlang über höhere Felsen. In Gipfelnähe sollte man daher trittsicher und vor allem angstfrei sein, dann kann man diese Herausforderung bedenkenlos bewältigen.

Die zweite Wanderung bei Hveragerði führt uns wenige Tage später auf keinen Gipfel, sondern zu heißen Quellen und Gebirgsbächen. Etwa eineinhalb Stunden stapfen wir unserem Ziel entgegen. Die hohe Besucherfrequenz zu Fuß und zu Pferd, sowie der Wasserreichtum, führen leider dazu, dass der Weg sich mancherorts in ein morastiges Schlammfeld verwandelt hat. Auch die dicken von den Quellen aufsteigenden Schwefelwolken, die sich gegen Ende der Strecke häufen, gehören nicht gerade zu meinen angenehmsten Erinnerungen an Island – wohl aber zu den faszinierendsten und bleibenden. Denkbar, dass die Erde auf diesem Wege Trilliarden kleiner, unsichtbarer Lebenssamen ins Weltall hinauswirft – oder ist es womöglich der Atem von Mama oder Papa Dino, der uns von unter der Erde entgegenschlägt? … Wie auch immer, jedenfalls ist der Schwefelgeruch dieser Quellen noch um einiges intensiver und penetranter als der der Geysire, die wir am Vortag schon zu sehen bekommen haben.

Dinosaurieratem - Foto: Lisa Below

Dinosaurieratem – Foto: Lisa Below

Aller „Strapazen“ zum Trotz und auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir keine halbe Stunde Zeit zum Baden hatten, bevor wir den Rückweg antreten mussten, kann ich sagen, dass sich diese Tour wirklich gelohnt hat. Wann und wo sonst bietet sich schon die Gelegenheit, in freier Natur, umringt von Bergen, bei Regen und Wind im warmen (heißen!) Wasser zu sitzen und das Wetter Wetter und die Arbeit Arbeit sein zu lassen?! Sollte es jemandem die Mühe dennoch nicht wert sein, empfehle ich den Besuch eines echten isländischen Schwimmbads, z.B. des Laugardalslaug in Reykjavík. Es ist das einzige Bad, das auch am Nationalfeiertag geöffnet ist, schließt aber um 18 Uhr, wie wir enttäuscht und vom Regen durchnässt feststellen mussten. An allen anderen Tagen stehen die Pforten bis 22 Uhr offen. Hier werden auch die verfrorensten Frostbeulen auftauen. Das kälteste Becken, das Schwimmerbecken, kann ich guten Gewissens als kühl bezeichnen. Ansonsten gibt es ein großes flaches Becken und mehrere Sitzbecken zwischen 38 und 44°C. Darin könnte man auch Eier ausbrüten. In jedem Fall sollte man Schritt für Schritt die Beckenstufen hinabsteigen und die Haut langsam an die Temperatur gewöhnen, denn für Ungeübte kann es am Anfang schonmal schmerzhaft sein. Apropos ungeübt: Auf Island duscht man auch im Schwimmbad nackt, also runter mit der Badehose oder dem Badeanzug unter der Dusche und sorgfältig waschen. Das wird ernsthaft kontrolliert! Die Isländer möchten eben, dass ihre Badegäste nicht nur pseudosauber sind, damit das Wasser auch wirklich sauber bleibt. Wen das heiße Wasser und das bisschen Kulturschock schon ermüdet hat, der kann sich entspannt in sein Bett sinken lassen, trotz der Helligkeit versuchen einzuschlafen und, wenn das gelungen ist, sich schon wenig später ganz unentspannt vom (Sommer-)Nachtleben in Reykjavík wieder aufwecken lassen. Nach ein paar Tagen dürfte man aber dagegen resistent sein – und wenn nicht, kann man sich den lustigen Gesellen auf der Straße und in den Bars ja ganz einfach anschließen. Dabei ist zu bedenken, dass man sich in Nordeuropa aufhält und mindestens 6€ für ein Bier einplanen sollte.

Bei den Vogelfelsen - Foto: Claudia Hoßbach

Bei den Vogelfelsen – Foto: Claudia Hoßbach

Nicht ungenannt bleiben soll auch unsere Rundfahrt auf der Halbinsel Snæfellsnes. Leider wird unser Ausflug von einem rätselhaften Unwohlsein mehrerer Teilnehmer und von Wolken überschattet, sodass der vergletscherte Vulkan Snæfellsjökull uns verborgen bleibt. Das hindert die meisten von uns jedoch nicht daran, an felsigen Stränden entlang zu spazieren, sich von der Gischt nass spritzen zu lassen und Fotos vom Meer und den wundersamen Felsformationen zu machen. Manche Felswände ähneln einer riesigen, aus kleinen Steinplatten zusammengesetzten Muschel. Andere sehen aus wie Skulpturen der abstrakten Kunst. Und am Strand liegen überdimensionierte Felseier. Aus ihnen wird wohl niemals etwas schlüpfen. Ganz anders sieht es da für die Eier an den Vogelfelsen bei Vík an der Südküste Islands aus. Vögel gibt es dort tatsächlich zahlreich, doch die buntschnäbeligen Papageientaucher bekommen wir leider trotzdem nicht zu Gesicht. Als Entschädigung dafür hat das Meerwasser eine so strahlende türkisblaue Farbe, wie ich sie selten irgendwo gesehen habe. Ein richtiges Unikat dürfte auch der schwarze Sandstrand von Vík sein, dessen Farbe von der Lava herrührt, aus der er besteht. Er wurde bereits unter die Top 10 der schönsten Strände der Welt gewählt.

Der Seljalandsfoss - Foto: Lisa Below

Der Seljalandsfoss – Foto: Lisa Below

Auf dem Weg nach Vík kommen wir auch in Hlíðarendi (Gemeinde Fljótshlíð) und am Seljalandsfoss vorbei. Seltsamerweise zeigt sich genau zu diesem Zeitpunkt die Sonne und als sie sich ein wenig später wieder in Wolken hüllt, habe ich den Eindruck, als müsse sie an diesem Ort immer scheinen, als gäbe es diesen Ort nur im Sonnenschein. Von Hlíðarendi eröffnet sich eine wunderbare Aussicht auf die weite Ebene, die darunter liegt. Das Gebiet musste übrigens evakuiert werden, als der Eyjafjallajökull ausbrach; und überhaupt ist die Straße dorthin fast alljährlich verheerenden Frühjahrs- überschwemmungen ausgesetzt. Dass es auch sonst an Wasser nicht mangelt, demonstrieren zahlreiche kleinere und größere Wasserfälle wie der Seljalandsfoss.

Die Reise endet schließlich dort, wo sie auch begonnen hat: in Reykjavík und endgültig dann am Flughafen Keflavík. Dort steht noch immer das große Dinosaurierei, das uns bereits erwartet. Das Junge ist innerhalb der vergangenen Woche noch kein Stück weitergekommen. Es winkt uns zum Abschied mit seinem Schwanz und kann uns doch durch die Schale hindurch eigentlich gar nicht sehen. Vielleicht möchte es letztendlich auch gar nicht schlüpfen, sondern verweilt lieber in seinem schützenden Heim und weckt in Islands Touristenscharen die Neugierde auf dieses sonderbare Land.

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Andreas

Andreas

Kein Freund von Entscheidungen, aber ein Freund Nord- und Osteuropas. Ich pendle zwischen Finnland, Deutschland und dem Baltikum hin- und her, bade gerne in Seen, gehe wandern und arbeite im Garten. Einen MP3-Player brauche ich dabei nicht, denn die Musik ist stets an meiner Seite. Besonders angetan hat es mir die slawische Folklore.