4. Türchen

Weihnachten in Deutschland bei Aleyna und Almina

Jedes Jahr gehörte das Weihnachtswichteln in der Schule genauso zum Winter wie der Adventskranz im Klassenzimmer und die Erzählungen der Mitschüler über die morgendlichen Überraschungen aus dem Adventskalender. Aber wie erleben eigentlich Kinder in Deutschland diese Zeit des Jahres, wenn ihre Familien eigentlich gar kein Weihnachten feiern?

Almina ist in der ersten Klasse, Aleyna in der vierten. Beide leben mit ihrer Mama und ihrem Papa in Süddeutschland. Wie ihre Mama Merih, die als Kind türkischer Eltern in Deutschland aufgewachsen ist, sind die beiden muslimisch. Eigentlich gibt es in ihrem Glauben kein Weihnachtsfest, obwohl sie jedes Jahr in der Schule oder im Kindergarten – … aber am besten erzählen sie selbst:

Was weißt du über Weihnachten?

Aleyna: Ich weiß, was meine Freunde da machen. Immer nach den Weihnachtsferien sitzen wir in der Klasse zusammen und jeder darf erzählen, was er in den Ferien und an Weihnachten gemacht hat. Alle erzählen immer, dass sie viel Zeit mit ihrer Familie verbracht haben.

Almina: Im Kindergarten haben wir immer Namen gezogen und das Kind, dessen Namen wir gezogen hatten, hat dann von uns ein Geschenk bekommen. Das war schön, das Geschenke machen und bekommen.

Merih: Weihnachten – also die Weihnachtsgeschichte – wird in der Schule im Religionsunterricht behandelt. Daran nehmen Aleyna und Almina aber nicht teil. Allerdings gibt es in der Schule immer Schulaufführungen, am 24. Dezember nachmittags. Alle Kinder können mitmachen, das geht nicht vom Religionsunterricht aus – aber niemand muss mitmachen.

Aleyna: Ja, stimmt, da habe ich auch schon mitgemacht. Es gibt zwei Gruppen, eine macht die Kostüme und so und die andere spielt selbst mit. Ich war aber nur im ersten und zweiten Jahr dabei.

Merih: Da sind dann auch Nicht-Christen in der Kirche. Ich war als Zuschauer dort, aber wir sind nicht mit der ganzen Familie hingegangen.

Was macht ihr denn über Weihnachten jedes Jahr?

Aleyna: Wir sind an Weihnachten immer bei Auntie Trish (Auntie Trish ist eine sehr gute aus England stammende Freundin der Familie).

Merih: Genau, am 25 sind wir bei Auntie Trish. Am 24. sind wir immer zu Hause. Oft haben wir dann Freunde zu Besuch, die sonst an diesem Tag alleine sind. Aber jetzt darfst du weitererzählen, was wir bei Auntie Trish machen, Aleyna.

Aleyna: Geschenke auspacken! Der Santa Claus kommt immer bei uns vorbei. Zuerst machen wir gemeinsam Christmas Cracker auf (hält die Fäuste zusammen, zieht sie dann schnell auseinander und sagt: „bumm“). Dann essen wir viele verschiedene Sachen. Yorkshire Pudding…

Merih: … Kartoffeln, Pute, Gemüse.

Almina: Und dann gibt es Geschenke!

Aleyna: Die Kinder dürfen zuerst auspacken. Und dann machen wir ein Fragespiel. Ich lese Fragen vor und wer von den Erwachsenen zuerst antwortet, darf als nächstes auspacken.

Merih: Wir haben einen guten Mittelweg gefunden. Wir feiern kein Weihnachten im eigentlichen Sinne und ohne religiöse Hintergründe, aber wir nutzen die Tage auch, um mit Menschen Zeit zu verbringen, die uns wichtig sind. Den 26. verbringen wir dann zu viert zu Hause. Aleyna und Almina verbringen den Tag mit ihren neuen Spielsachen – oft im Schlafanzug. Das ist immer ein sehr gemütlicher Tag.

Gibt es in deiner Kultur auch ein Fest, bei dem die ganze Familie zusammenkommt und feiert?

Aleyna: Ja, da fahren wir immer zu Oma und die macht Börek!

Merih: Wir feiern so ein Fest sogar zwei Mal im Jahr. Einmal das Zuckerfest (Seker-Bayram) am Ende des Ramadan und 45 Tage später das Opferfest (Kurban-Bayram). Wann wir feiern, hängt vom Mond ab. Das verschiebt sich auch jedes Jahr um 10 Tage.

Almina: Es gibt da auch Süßigkeiten!

Merih: Ja, das Zuckerfest nehmen wir eigentlich sehr wörtlich. Da gibt es immer Baklava. Wir sind dann immer zum Frühstück bei meinen Eltern und der Rest der Familie kommt auch. Das ist wirklich auch ein Familienfest. Man macht auch Besuche bei der Familie und bei engen Freunden. Es wird immer der Älteste besucht. Das ist mittlerweile mein Vater mit seinen fast 80 Jahren. Die Freunde meiner Eltern kommen dann vorbei und genießen es, Zeit zusammen zu verbringen.

Almina: Aber am besten sind das Baclava und die Geschenke!

Aleyna: Ja, letztes Jahr hab ich ziemlich viele Geschenke bekommen.

Merih: Und das gleiche machen wir dann eigentlich nochmal am Opferfest. Wir sind wieder bei meinen Eltern zu Besuch, andere Freunde und Verwandte kommen, es gibt Essen und wir verbringen Zeit zusammen. Mittlerweile kann man ja auch Schulbefreiungen bekommen. Als ich noch jung war, gab es das ja leider noch nicht. Heute wird das aber in der Schule schon sehr unterstützt, dass Kinder, die anderen Religionen angehören, an ihren eigenen Feiertagen schulfrei bekommen.

Wieso feiert man diese Feste?

Merih: Das Interessante ist ja eigentlich, dass die Gründe für unsere Feste auch Teil anderer Religionen sind. Das Opferfest beispielsweise feiern wir wegen dieser Geschichte mit Abraham. Die kennst du bestimmt aus der Bibel? Abraham sollte ja seinen Sohn opfern und als Gott sah, dass Abraham tatsächlich dazu bereit war, schickte er ihm als „Belohnung“ ein Tier, dass er stattdessen opfern konnte. Und das machen wir eigentlich auch noch. Bei diesem Fest sollen wir eigentlich schlachten. Ein Drittel davon soll man dann an Arme verteilen, ein Drittel mit Freunden und Bekannten teilen und ein Drittel darf man selbst behalten. Viele, die heutzutage aber wirklich noch schlachten, verteilen mehr als das Drittel an Arme, wenn sie es sich leisten können.

About author View all posts

Mareen

Mareen

Fühlt sich an vielen Orten zu Hause: in Süddeutschland, Finnland, Greifswald und sowieso überall, wo es Kaffee, spannende Geschichten und schöne Landschaften gibt. Seit kurzem für die Fennistik in Greifswald und vor allem interessiert an den Geschichten und Sprachen des Nordens – mit gelegentlichen Abstechern an andere bunte Orte der Welt.