Prof. Dr. Joachim Schiedermair

4. Die Mitarbeitenden des Instituts für Fennistik und Skandinavistik stellen sich vor

Heute öffnen wir nicht nur das 4. Türchen unseres Adventskalenders, sondern möchten hier gleichzeitig mit unserer neuen Reihe über die Mitarbeiter des Instituts für Fennistik und Skandinavistik in Greifswald beginnen. Wart ihr nicht immer schon mal neugierig, wie eure ProfessorInnen und DozentInnen eigentlich zur Skandinavistik gekommen sind und woran sie eigentlich forschen? Den Anfang macht Prof. Dr. Joachim Schiedermair, der zur Zeit den Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen innehat.

Prof. Dr. Schiedermair
Foto: Universität Greifswald.

Baltic Cultures: Wie sind Sie zur Skandinavistik gekommen?

Prof. Schiedermair: Seit dem Wintersemester 2009 lehre und forsche ich im Bereich der Neueren Skandinavischen Literaturen an der Universität Greifswald.

Dass ich ausgerechnet in der Skandinavistik gelandet bin, ist eigentlich ein Zufall. Anders als viele andere Skandinavist/-innen war ich nie als Kind in Dänemark, Norwegen oder Schweden; ich habe auch nie Astrid Lindgren gelesen. Ich kannte höchstens die Verfilmungen, aber Karlsson auf dem Dach empfand ich als unangenehmen Rüpel und bei dem Kind mit dem komischen Namen Lillebror war ich nicht sicher, ob es ein Mädchen oder ein Junge war; der Film wurde 1974 gedreht und da hatten alle noch längere Haare, Schlaghosen und quitschfarbene Kleidung. Mein Bewusstsein setzte einige Jahre später ein und da war das alles so was von out. Nach dem Abitur war ich dann auf einer Jugendreise in Norwegen. Ein guter Freund wollte da hin, und da ich noch Zeit hatte (und freundliche Eltern, die die Reise bezahlt haben), bin ich mit. Nach der Rückkehr wollte ich dann irgendwas mit Literatur studieren, das zur Germanistik passte. Und dann erinnerte ich mich an Norwegen. Dass das Fach „Skandinavistik“ oder „Nordische Philologie“ heißt, wusste ich damals noch nicht. Und dann haben mich meine akademischen Lehrer/-innen für das Fach begeistert.

Baltic Cultures: Woran forschen Sie zur Zeit?

Prof. Schiedermair: Momentan forsche ich zur Frage, wie das Erzählen die Art und Weise formt, wie wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr bewegen. Das Forschungsfeld nennt man anthropologische Narratologie. Drei Bereiche interessieren mich besonders: A) Welche Erzählungen binden den Ostseeraum heute zusammen? Die gemeinsame Vergangenheit? Die Angst vor einem starken Russland? Oder die ökologische Bedrohung der Ostsee? Greifen diese Erzählungen harmonisch ineinander oder stehen sie in Konkurrenz? Und welche Erzählungen über den Ostseeraum sind vielleicht verschwunden, obwohl sie für Menschen zu anderen Zeiten enorm wichtig waren? B) Spätestens seit die Flüchtlinge aus vorwiegend islamisch geprägren Ländern bis nach Europa kommen, können wir die Erzählung vom allmählichen Verschwinden der Religion aus der Gesellschaft nicht mehr so recht glauben. Religion spielt wieder eine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Ich untersuche für den skandinavischen Raum, wie sich diese Erzählung am Ende des 19. Jahrhunderts geformt hat, warum sie lange Zeit so eine große Überzeugungskraft hatte und welche Rolle die Literatur dabei spielt. C) Und dann habe ich gerade einen Aufsatz fertiggestellt, in dem ich mir Gedanken darüber mache, warum wir so gerne Geschichten über traumatisierte Menschen lesen. Sind wir Sadisten?

Baltic Cultures: Haben Sie vielleicht einen Lesetipp für die Weihnachts-Feiertage?

Prof. Schiedermair: Zwei Lesetipps zu Weihnachten: 1) Daniel Miller hat eine wunderbare Soziologie von Weihnachten geschrieben: „Weihnachten: Das globale Fest“. Welche Funktion hat Weihnachten in einer Gesellschaft, die nicht mehr christlich geprägt ist? Nach der Lektüre dieses nur 60 Seiten langen Büchleins hat man viel verstanden und wird neugierig auf die Festtage: Ob Miller wohl recht hat? 2) Back to the roots! Lesen Sie das Weihnachtsevangelium! Das dauert nur etwa 10 Minuten. Sie finden es hier: das Weihnachtsevangelium.

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.