3. Türchen

Rosemari | Rosemari | Framing Mom

Der folgende Beitrag stammt von der Masterstudentin Sabrina Scholz.

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Foto: trondheimkino.no

Der schönste Tag in Unn Toves Leben steht bevor: sie wird heiraten. Allerdings den falschen Mann, wie sich herausstellt. Bereits vor ihrer Hochzeit hat sie eine Affäre mit Kristian, einem Künstlertyp, der sich eher schlecht als recht durchs Leben schlängelt. Auch auf ihrer Hochzeitsfeier taucht Kristian plötzlich auf und Unn Tove (Tuva Novotny) lässt sich zu einem Stelldichein hinreißen. Das bleibt jedoch nicht die einzige Überraschung des Tages: Im Reinigungsraum der Damentoilette findet Unn Tove ein Neugeborenes. Eine leicht skurrile Szene folgt, in der die Braut mit dem blutverschmierten Baby im Arm fragenden Blickes vor ihrem Ehemann und der versammelten Hochzeitsgesellschaft steht.

16 Jahre später. Ein Mädchen in Jeans, weitem Pullover und Kurzhaarschnitt steigt von ihrem Motorroller ab, kramt einen zusammengefalteten Briefumschlag aus ihrer Hosentasche, überprüft den Brief darin und geht zur Haustür. Drinnen ist Unn Tove gerade dabei, ihre Kinder für die Schule fertig zu machen. Sie ist geschieden, teilt sich das Sorgerecht mit ihrem Ex-Mann. Wenige Meter entfernt beobachtet das Mädchen die liebevolle Verabschiedung im Vorgarten.  Als sie später bei Unn Tove klingelt, erzählt sie ihr von einem Schulprojekt zum Thema Gärten. Ihr Name ist Rosemari.
Rosemari (Ruby Dagnall) wohnt in einer kleinen, verkramten Wohnung. Ihr Vater ist taubstumm, ihre Mutter  jedoch nicht. Beide sind Gärtner, haben ein großes Grundstück mit Gewächshäusern. Am kleinen Frühstückstisch sitzt Rosemari allein – ein starker Kontrast zur Frühstückszene im Hause von Unn Tove. Doch auch sie isst Toastbrot mit Banane und Marmelade. Währenddessen schaut sie fern. Es läuft der regionale TV-Sender, der ein Interview mit einer Sexshop-Besitzerin zeigt. Die Journalistin ist Unn Tove. Leicht verträumt denkt Rosemari, dass sie sich ähnlich sehen.
Später beginnt sie, im Garten von Unn Tove zu arbeiten. Als diese das Haus verlässt, schaut sich Rosemari genauer um und entdeckt, dass die Terrassentür geöffnet ist. Drinnen schleicht sie durch die Zimmer. Es ist unordentlich, überall liegen Kleidung und Gegenstände herum. Sie sieht sich Familienfotos an, die lachenden Kinder. Im Bad steckt Rosemari eine Zahnbürste ein.
Um besser arbeiten zu können, bitte Rosemari um Erlaubnis, in Unn Toves Garten campen zu dürfen. Von ihrem Zelt aus beobachtet sie, was im Haus vor sich geht.
Zunehmend wundert sich Unn Tove über die Präsenz von Rosemari, deren Geschichte sich als gelogen entpuppt, und stellt sie schließlich zur Rede. Unter Tränen überreicht Rosemari ihr den Brief, den sie noch immer in der Hosentasche trägt, und erklärt, dass sie ein Waisenkind sei. Das Waisenkind, das Unn Tove damals auf der Toilette gefunden und ins Krankenhaus gebracht habe. Daher stünde auch ihr Name als einziger Anhaltspunkt in dem Schreiben. Mitfühlend muss Unn Tove ihr eröffnen, dass sie lediglich die Finderin, nicht aber die Mutter des Mädchens ist.
Gemeinsam wollen sie sich auf die Suche nach Rosemaris leiblicher Mutter machen. Damals war der Fall bereits ohne Ergebnis durch die Zeitungen gegangen, doch mithilfe des Fernsehsenders erhofft sich Rosemari Klarheit über ihre Herkunft. Trotz Gegenwind begeben sich Unn Tove und Rosemari mit einer Kamera ausgestattet auf die Suche.

Der Film zeigt die Suche nach der Identität eines jungen Mädchens, deren Geburtsumstände zwar stadtbekannt sind, deren Eltern jedoch niemandem bekannt sein wollen.
Mit skurrilen und witzigen Elementen gespickt behandelt Rosemari jedoch auch die Frage danach, ob die Kenntnis über die genaue Herkunft überhaupt wissenswert ist oder die Ungewissheit nicht vielleicht der bevorzugte Zustand sein sollte. Gewisse Dinge sollte man zum eigenen Wohl lieber nicht erfahren. Zusätzlich wird die Dokumentation der Suche kritisch betrachtet. Insbesondere die Pflegemutter Rosmaris spricht sich dagegen aus und warnt als Stimme der Vernunft vor den Folgen einer öffentlichen Ausbreitung der eigenen Identität und des Privatlebens. Dass Rosemari davon nichts wissen will und sich zudem angegriffen fühlt, man wolle sie davon abhalten, ihre Mutter zu finden, ist ein für das Alter des Charakters typisches Verhalten und wird von Ruby Dagnall meisterlich verkörpert.
Auch wenn der Film bei den 58. Nordischen Filmtagen den Auftakt bildete und zudem den zweiten Platz der Zuschauerwertung erreicht hat, weist er einige Mängel auf. Zu konstruiert erscheinen diejenigen Charaktere, die Spaß und Witz in die sonst eher schwierige Thematik bringen sollen. Da ist etwa die blonde, füllige Chefin von Unn Tove, Hilde (Laila Goody), die dermaßen überspitzt gezeichnet ist, dass es ihrem Charakter an Authentizität fehlt. Auch der Pornoregisseur, der einige Informationen zur Identität von Rosemaris Mutter beitragen kann, bleibt flach und eindimensional. Charakterliche Tiefe sucht man durchweg vergebens.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.