18. Türchen

Michaela kommt ursprünglich aus Leverkusen und ist vor fast 10 Jahren nach Finnland gezogen. Heute erzählt sie uns, wie sie mit ihrer deutsch-finnischen Familie Weihnachten feiert.

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Oulu zur Weihnachtszeit, Foto: Michaela Poussu

100 Kilometer entfernt vom Polarkreis wohnen mein Mann, unser Sohn und ich. Wir sind eine deutsch-finnische Familie, haben jeden Tag mindestens drei Sprachen um uns herum und haben es geschafft, unsere Weihnachtstraditionen so zu kombinieren, dass alle glücklich sind.
Die Weihnachtszeit fing die letzten Jahre erst mit dem ersten Dezember an, aber dieses Jahr war es direkt nach Halloween so weit. Rote Geschirrhandtücher, rote Gardinen, Fensteraufkleber von Lidl, ein türkiser kleiner Plastik-Tannenbaum für meinen Schreibtisch und noch viel mehr haben sich in unsere Wohnung eingeschlichen.
Eingeschlichen hat sich der Nikolaus nie in unsere Vorweihnachtszeit. Er ist eher mit voller Wucht in die Wohnung geknallt – sehr zum Wohlgefallen unseres Sohnes. (Anm. d. Red.: In Finnland wird am 6. Dezember der Unabhängigkeitstag gefeiert, den Nikolaus gibt es nicht.) Die Geschichte des Nikolauses zu erklären, das war einfach. Die Tradition, warum wir nur einen Schuh putzen und vor die Türe stellen, will meinem Mann aber noch immer nicht in den Kopf. Die Freunde meines Sohnes beneiden ihn darum, dass er bereits am sechsten Dezember ein Geschenk (oder zugegeben manchmal auch mehrere) bekommt. So sehr ich mich auch in die finnische Kultur und in deren Traditionen eingelebt habe, den Nikolaus kann mir keiner wegnehmen.

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Gedeckter Tisch an Heiligabend, Foto: Michaela Poussu

Mitte Dezember beginnt die Zeit, in der ich mir Gedanken mache, was wir am Weihnachtsabend essen. Die ersten Jahre feierten wir mit der gesamten Verwandtschaft in Oulu – Schwiegereltern, Geschwister, Omas und manchmal auch mit meinen Eltern, die über die Feiertage zu Besuch kamen. Mein Schwiegervater bereitete jedes Jahr einen riesigen Schinken zu und meine Schwiegermutter verausgabte sich an traditionellen finnischen Gerichten: Karelischer Fleischtopf, Rosolli, geräucherter Lachs und natürlich Möhren-, schwedischer Rüben- und Kartoffelauflauf. Rücksichtsvollerweise gab es auch vegetarische Gerichte für meine Schwägerin und mich. Getrunken wurde Milch, Glögg (mit und ohne Alkohol) oder Julmust. Julmust kommt aus Schweden, ist alkoholfrei und schmeckt wie sehr, sehr süßes Malzbier. Es wird zu jeder Jahreszeit verkauft, aber um Weihnachten herum kaufen es die Finnen wie verrückt.
Als wir Weihnachten noch in Oulu feierten, war kein Platz für deutsche Traditionen oder deutsches Essen. Meine Mutter bereitete vor ein paar Jahren ein großes Stück Kassler für alle vor, als sie zu Besuch war, aber so viele Komplimente sie auch dafür bekam, die Finnen bevorzugten ihre traditionellen Speisen.

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Jonne hilft dem Joulupukki, Foto: Michaela Poussu

Bescherung in Oulu fand erst statt, nachdem alle zufrieden mit Kaffee und Kuchen – die traditionellen Nachspeisen – auf dem Sofa saßen. Ein männliches Familienmitglied verkleidete sich als Weihnachtsmann und manchmal wurde dies zur Aufgabe des schwedischen Mannes der Schwester meines Schwiegervaters.
Nun, da mein Mann, unser Sohn und ich den Heiligabend nur zu dritt feiern, fängt alles mit der Bescherung an, so wie ich es aus Deutschland gewöhnt bin. Am Morgen des 24. Dezembers schmücken wir alle zusammen unseren Weihnachtsbaum und am späten Nachmittag unternehmen wir entweder einen Spaziergang oder fahren mit dem Auto durch die Stadt und gucken uns die ganzen Dekorationen an. In der Zwischenzeit kam der Weihnachtsmann und wenn wir wieder zurück sind, dann packen wir zusammen die Geschenke aus. Danach kann unser Sohn mit den neuen Sachen spielen, während mein Mann und ich das Essen zubereiten. Wir kochen, was wir wollen. Traditionen sind dann unwichtig. Hauptsache es schmeckt uns und wir können Zeit als Familie verbringen.

Mein Mann besteht an Weihnachten nur auf eine Sache: Der Weihnachtsbaum muss echt sein. Das hängt damit zusammen, dass sein Vater und er bereits seit frühster Kindheit am Weihnachtsmorgen zu dem Waldgrundstück der Familie fuhren, um einen Baum zu schlagen. Ich mag den Geruch des Weihnachtsbaumes, aber frisch aus dem Wald muss es nicht direkt sein, und so kommt unser Baum bereits Mitte Dezember aus dem Geschäft zu uns und schläft auf unserem Balkon, bis er geschmückt wird.

Weihnachten bedeutet für uns, dass wir Zeit zusammen als Familie verbringen. Wir sind dankbar für unsere Gesundheit und für jede Person, die in unserem Leben eine Rolle spielt. Und diese Dankbarkeit kennt keine Nationalität oder Traditionen. In diesem Sinne: Hyvää Joulua!

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.